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INFOTHEK

EDITORIAL: Osteopathische Berufspolitik, Ausbildung und Forschung – ein kritisches Thema


Liebe FreundInnen und Freunde der Osteopathie,


eigentlich hatte ich mich ja darauf gefreut, wieder vermehrt in alten Büchern zu schmökern. Nun haben sich aber gerade in den letzten Monaten einige StudentInnen an mich gewendet, die eine Abschlussarbeit im Bereich Geschichte und Philosophie der Osteopathie schreiben wollten und von ihren Schulen abgewiesen wurden. Begründung: solche Arbeiten brächten der Osteopathie nichts; man solle doch medizinisch-osteopathische Arbeiten bzw. einfache RCT-Studien im Rahmen der evidence based medicine (ebm) durchführen, um die Wirksamkeit der Osteopathie nachzuweisen. Das, meine lieben LeserInnen und Leser riecht verdächtig nach berufspolitisch motivierter Zensur. Und da die Osteopathiegeschichte davon betroffen zu sein scheint, kann ich das natürlich nicht so stehen lassen. Deshalb lege ich meine Bücher kurz beiseite und beginne meine Kritik wie immer mit einem historischen Rückblick, um die größeren Zusammenhänge besser verständlich zu machen. Sie wissen ja: Gegenwart kann nur verstehen, wer die Vergangenheit kennt...

In der Renaissance wurde an den europäischen Universitäten Philosophie im Sinne einer Gesamtwissenschaft als sieben freie Künste gelehrt. Wahrheit versuchte man hauptsächlich über rein logische Beweisführung zu beschreiben. Empirische Beweisführung, also jene, die auf sinnlichen Erfahrungen beruht galt hingegen nicht viel. Dies erklärt sich aus der Tatsache, dass die Universitäten im katholischen Kontext entstanden waren und dort das rein Geistige (z.B. Logik) zählte und nicht das Weltliche (z.B. Messungen und Experimente). Dies änderte sich im 17. Jh. als mächtige Politiker und reiche Kaufleute erkannt hatten, dass man insbesondere mit den technischen Erfindungen der empirisch orientierten Philosophie Macht und Profit steigern konnte. Zunehmend mehr Geld floss in diesen nun sich rasant als 'experimentelle' Philosophie entwickelnden Zweig des Philosophiestudiums. Einzeldisziplinen wie Physik, Chemie etc., entstanden und wurden im 19. Jh. als 'Naturwissenschaften' oder 'empirische Wissenschaften' zusammengefasst. Die übrigen, rein theoretischen Fächer, bezeichnete man davon abgrenzend als 'Geisteswissenschaften'. Ironie der Geschichte: Philosophie als einstige Königsdisziplin aller Wissenschaften wurde nun den Geisteswissenschaften zugeordnet.

Ein moderner Bund aus Politik, Wirtschaft und empirischen Wissenschaften war entstanden. Dort huldigte man dem Gott der Zahlen, Mathematik wurde zur heiligen Sprache, Objektivität zu einem zentralen Dogma und die instrumentelle Vernunft zur alles beherrschenden Denkströmung. Hoffnung und Erlösung versprach nun nicht mehr ein himmlisches Jenseits oder die Gnade Gottes, sondern eine technisch strahlende Zukunft ohne Krieg, Krankheit. Jede Kritik am ungehemmten technischen Fortschritt oder am grenzenlosen Profit gilt insbesondere bei radikalen VertreterInnen des modernen Bundes bis heute also ebenso blasphemisch, wie die Behauptung Qualität, Ganzheitlichkeit oder Subjektivität seien nicht quantifizierbar. 

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Im 19. Jh. verschärfte der europäische Kolonialismus mit seinem Kampf um Land und Ressourcen den Nationalismus, was eine Zunahme nationaler Investitionen in den Naturwissenschaften bewirkte und die Wettbewerbssituation zwischen Universitäten und Forschenden verschärfte. Die Sorge Letzterer um berufliche und finanzielle Nachteile begünstigte dabei gerade in den Naturwissenschaften opportunistisches, zweckorientiertes, egoistisches und sogar betrügerisches Verhalten (s. z. B. hier, Stichworte: p-hacking oder Gollum-Effekt). Ein anderes Phänomen dieser Entwicklung ist die rückläufige Bedeutung geisteswissenschaftlicher (und damit auch historischer) Forschung, die zunehmend einem Quantifizierungs-Zwang unterliegen. Subjektiv-qualitative und damit auch ethische Überlegungen hatten folglich v.a. im 20. Jh. eine nachrangige Bedeutung (Erst mit zunhemender Kritik an einer viel zu schnellen Technisierung und Kapitalisierung der Welt gewinnen vorrangig Philosophie und Geschichte in aufgeklärteren Wissenschaftskreisen seit einigen Jahren wieder mehr Aufmerksamkeit).

 

Gegen Ende des 20. Jh. wurde auch die Heilkunde vom Quantifizierungs-Zwang und der instrumentellen Vernunft in Form einer stark kastrierten evidence based medicine eingeholt (kastriert, da zwei ihrer drei ursprünglichen Säulen, die TherapeutInnenerfahrungen und die PatientInnenerwartungen, aufgrund ihres subjektiv-qualitativen Charakters aus den ebm-Studien regelhaft ausgeklammert werden. Nur die dritte Säule der klinischen Studien (zumeist einfache RCT-Studien) werden als vermeintlich einziger Garant für Objektivität, vor allem aber als treuer Zahlenlieferant zum Goldstandard für Politik und Wirtschaft geschätzt. Will eine Heilkunde berufspolitisch einen Fuß in die Regierungs-Tür bekommen, muss sie sich diesem Diktat unterwerfen. (Dass eine derartig kastrierte ebm als Wirksamkeitsnachweis ganzheitlicher Heilkunden, wie etwa der Osteopathie, völlig unbrauchbar ist, wurde auch in der Osteopathie mehrfach kritisch kommentiert. (s. z. B. hier).

Schwenken wir nun zur Osteopathie in Deutschland:


Mitte der 1990er wurde der VOD e.V. mit dem Ziel gegründet, Osteopathie als eigenständigen Heilberuf zu etablieren. In den 2000ern kam es dann über ein verbindliches Akkreditierungsmodell zur engen Verzahnung zwischen dem VOD e.V. und einigen führenden Osteopathie-Schulen, wobei der vom VOD-initiierte BAO e.V. dabei bis heute als wichtiges Scharnier fungiert. Die Schulen versprachen sich durch diese Verzahnung wirtschaftliche Vorteile, der VOD e.V. wachsende Mitgliederzahlen. (Inzwischen hat sich der VOD e.V. mit dem bvo e.V., einem zweiten Berufsverband mit gleicher Zielsetzung, zur Osteopathie-Allianz zusammengeschlossen, um in Berlin nachdrücklicher auftreten zu können).


Reflektieren wir nun die bisherigen historischen Gegebenheiten auf die Gegenwart:

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Die Osteopathie-Allianz will Osteopathie als eigenständigen Heilberuf etablieren. Die Regierung macht entsprechende Vorgaben, d.h. sie fordert einen auf klinischen Studien basierenden und quantifizierten Wirksamkeitsnachweis der Osteopathie. Die Allianz instruiert den BAO und die akkreditierten Schulen entsprechend, die diese Vorgaben schließlich an die StudentInnen weitergeben (wie eingangs berichtet). Verschärft wird diese vermeintliche Instrumentalisierung von Ausbildung und Forschung zusätzlich durch das Ende des Osteopathie-Booms seit den 2020ern. Anmeldungen an den Schulen gehen zurück, erste Schulen schließen, Mitgliederzahlen bei den Verbänden stagnieren mehr oder weniger. Darüber hinaus befinden sich die meisten osteopathischen Institutionen im Prozess des Generationswechsels. Dies schwächt nicht nur alte Netzwerke, auch die o.a. Verzahnung droht brüchiger zu werden. Zu guter Letzt glauben immer weniger OsteopathInnen an sie doch schon 30 Jahre alte Parole 'Osteopathie als Beruf wird (sehr bald) kommen!' Der Druck auf die Berufspolitik wächst also von allen Seiten und die Zeit läuft davon. Es gäbe also einige Gründe die Schrauben seitens der Osteopathie-Allianz gegenüber den Schulen und StudentInnen in Form einer schärferen Zensur der Abschlussarbeiten anzuziehen (mit entsprechend negativem Effektauch auf historische oder philosophische Abschlussarbeiten). Aber wer weiß, vielleicht lohnt sich diese Zensur und eine damit angestrebte Anerkennung der Osteopathie als Heilberuf ja doch?Lassen Sie mich auch dies abschließend kurz reflektieren:

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Eine entsprechende Anerkennung  kann nur im Rahmen des Bologna-Bildungsabkommens erfolgen, was bedeutet: Akademisierung, Vollzeitausbildung, BSc-/MSc-Abschlüsse. Für Teilzeitschulen wäre dann kein Platz mehr. Und welche Probleme sich bei einer entsprechenden Anerkennung für die OsteopathInnen ergeben können, zeigt die aktuelle Situation der Osteopathie in der Schweiz. Zudem frage ich mich, wie der BAO e.V. als Akkreditierungszentrum der Schulen die verschärfte Zensur der Abschlussarbeiten rechtfertigt, wenn sie in ihren BAO-Richtlinien zur Erlangung der DO-Marke einleitend explizit auf die 'intellektuelle Redlichkeit' und damit indirekt auf die Unbestechlichkeit der Wissenschaft hinweist. Zusätzlichfindet man in den Richtlinien bei der Auflistung möglicher Studientypen für die Abschlussarbeiten an erster Stelle  Wissenschaftliche Essays und Literaturarbeiten – eine klare Domänen geisteswissenschaftlicher und damit auch historischer sowie philosophischer Forschung. Die von dem BAO e.V. mitgetragene Zensur der Abschlussarbeiten im Bereich Geschichte und Philosophie der Osteopathie konterkarieren diese Richtlinien. Zudem fordert die BAO laut Aussage eines Absolventen 'medizinisch-osteopathische Abschlussarbeiten'. Das passt zu dem erst vor Kurzen entfernten Slogan 'Osteopathie ist Medizin' auf der VOD-Startseite. Was es wohl mit diesem billigen Anbiederungsversuch an die Medizin auf sich?  Will man damit das 'Produkt Osteopathie' für Berliner Regierungsbeamte aufhübschen? Geht es in der Osteopathie auf einmal zentral um das Behandeln von Krankheiten und Gesundheitsprobleme, also das Kerngeschäft der konventionellen Medizin? Lernt man denn gar nichts aus der eigenen Geschichte? Die schweren Identitätskrisen der orthodoxen britischen und der amerikanischen Osteopathie sind u.a. auch auf eine entsprechende Anbiederung zurückzuführen.

Was die ganze Angelegenheit noch schwieriger macht: all dies Durcheinander wäre in Deutschland gar nicht nötig. Im Rahmen des Schutzraums des heilpraktischen und des ärztlichen Berufsstandes könnte sich die Osteopathie unabhängig von Berliner Vorgaben, also völlig selbstbestimmt in Ruhe um Ausbildung und Forschung kümmern. Denkbar wäre in diesem Zusammenhang beispielsweise eine Art 'Osteopathie-Kammer', betsehend aus VertreterInnen der Osteopathischer Allianz (falls sie von ihrem Ziel der beruflichen Anerkennung absehen würden), der hpO e.V. (die von jeher diesen Weg zu gehen versucht) und dem BDOÄ( was bzgl. der ärztlichen Berufsordnung noch zu klären wäre).

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Angesichts dieser dynamischen Situation darf man gespannt sein, wie es mit der Berufspolitik der Osteopathie in Deutschland weitergehen wird. Ich persönlich werde diesen Prozess in Zukunft aber wohl nicht mehr weiter verfolgen bzw. kommentieren, denn für mich gibt es nun Wichtigeres zu tun: Auch für mich steht der Generationenwechsel an. Das heißt vor allem Bedingungen schaffen, damit eine geordnete Übergabe von JOLANDOS und der historisch reflektierten Osteopathie möglich wird. Die hierfür notwendigen Projekte nehmen hinter den Kulissen bereits Gestalt an; Projekte, die auch für Sie interessant werden könnten. Mehr hierzu in meinen nächsten Editorials. Es bleibt also spannend. Deshalb: bleiben Sie neugierig!


Bilder (c) Theresa Nivelnkötter, 2026

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Ihr

Christian Hartmann

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