Mark Twain


Archiv: OT.FA.16.1
Autor: Christian Hartmann
Erstveröffentlichung: Physiotherapie Med, 2009, 2: S. 31–35.
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Erfolge und Entsprechungen

Wann und wie genau der Erstkontakt zwischen Samuel L. Clemens (1835–1910), alias Mark Twain, und der American School of Osteopathy (ASO) zustande kam, ist historisch leider noch nicht erschlossen. Ein auf den 23. Februar 1900 datierter Brief Twains aus London an Andrew Taylors Still (1828–1917), den Entdecker der Osteopathie, oder dessen Sohn Charles (1865–1955) repräsentiert das erste historische Dokument, das eine Verbindung Twains zur Osteopathie nachweist. Darin erkundigt er sich nach den Ausbildungsbedingungen der ASO für einen Bekannten, wobei er erwähnt, dass dieser gerade in Schweden eine Schule für die sogenannte Kellgren’sche oder Schwedische Massage[1] leite, und an einer Ausbildung an der ASO in Kirksville interessiert sei. Twain erwähnt darüber hinaus, dass sich Schwedische Massage und Osteopathie entsprächen (Clemens 1900). Er scheint Stills Prinzipien der Osteopathie daher zu diesem Zeitpunkt bereits gekannt zu haben. (3)

Von der schwedischen Massage hatte Twain wahrscheinlich über Dr. Edgar Cyriax (1874–1955) erfahren.[2] Jedenfalls besuchte er 1899 mit seiner Familie Hendrik Kellgrens Schule in Schweden, wo seine an epileptischen Anfällen leidende Tochter Jean erfolgreich behandelt wurde. (1) Auch viele von Twains eigenen Beschwerden (er war 64 Jahre alt) konnten gelindert werden. Dieses Erlebnis mit der schwedischen Massage und ihre im o.a. Brief von Clemens beschriebenen Ähnlichkeit zur Osteopathie – beide verbindet die therapeutische Verwendung der Hände sowie die gemeinsame ‚geistige’ Wurzel in der Aufklärung – können erklären, warum Twain kurze Zeit später gegen den erbitterten Widerstand ‚heroischer’ Mediziner öffentlich Partei für die Osteopathie ergreifen sollte. Auch die erfolgreiche Behandlung eines guten Freundes dürfte dabei eine wichtige Rolle gespielt haben. (2)

Im Namen der Freiheit

1901 fand in Albany eine öffentliche Anhörung statt, bei der es um eine mögliche Anerkennung der Osteopathie als voll anerkannten medizinischen Beruf innerhalb der Vereinigten Staaten ging. Den Osteopathen und ihren Fürsprechern, zu denen auch Mark Twain gehörte, standen Vertreter der medizinischen Gesellschaften entgegen, zu denen sich auch der Vorsitzende der Kommission unverhohlen bekannte. Erwartungsgemäß vernichtend starteten die Mediziner eine Vielzahl polemischer Angriffe gegen die Osteopathie, aber auch gegen die Person Mark Twain. Sie gingen davon aus, dass er es nach ihrem ‚elaborierten’ Auftreten nicht mehr wagen würde, öffentlich Stellung für die Osteopathie zu beziehen, um seinem Ruf nicht zu schaden. Als auf Seiten der Befürworter der Osteopathie Twain an der Reihe war, brandete im Publikum, das zum Großteil nur deswegen gekommen war, um den in der Bevölkerung überaus geschätzten Humoristen sprechen zu hören, großer Jubel auf. Mit einer ebenso besonnenen wie brillant auf die Zuhörerschaft abgestimmten Rede berief er sich im Kern auf die zwei wichtigsten Aspekte des noch so jungen Amerika: Freiheit und Glaube! Hier ein Auszug:

„Ich behaupte das Recht zu haben, mit meinem eigenen Körper zu tun, was immer ich will. Wenn ich mich dazu entschiede, mit ihm zu experimentieren, dann ist das ganz allein meine Angelegenheit! Nur ich allein trage den Schaden.“



Später berichtete er, wie er als Junge vor einem Bild, auf dem Christus mit Ärzten stritt, und auf die Frage, worum es in dem Streit ging, folgende Antwort bekam:‚Die Ärzte streiten mit Ihm, weil Er keine Zulassung hat. Sie sagen, Er vermiese ihnen ihr Geschäft’. Twain fuhr in der Anhörung fort:

„Und jetzt haben wir ein Problem. Die Osteopathen haben auch keine Zulassung und die Mediziner wollen nicht, dass sie eine bekommen. Ist ihnen der Zusammenhang nicht klar?“



Aber er schlug auch versöhnliche Töne an:

„Warum nicht zusammenarbeiten, und beide Seiten versuchen Gutes zu tun?“ (4)



Am Ende seiner Rede brandete erneut Jubel aus und diese Stimmung unter den potenziellen Wählern im Saal führte dazu, dass die eigentlich bereits vorentschiedene Anhörung in einem politischen Patt endete. Dies wiederum verschaffte der Osteopathie wertvolle Zeit, um letztlich ihr großes Ziel zu erreichen: Die Anerkennung als eigenständiger Beruf, mit allen ärztlichen Rechten!



Literatur

(1) Averbeck H.: Von der Kaltwasser- bis zur physikalischen Therapie. Europäischer Hochschulverlag, Bremen, 2012, S. 725.
(2) Barrett W.G.: Mark Twain’s Osteopathic Cure. Reprinted from the Psychoanalytic Quarterly Vol XXII, No. 4, To Saul: Compliments of the author! 10–5 Bill. 1953
(3) Clemens S.L.: Brief an A.T. Still, oder C.E. Still. 1900.
(4) Unbekannt: Mark Twain speaks for the Osteopaths. Journal of Osteopathy (JoO), Apr. 1901. Kirksville, Mo. S. 115.

 


Der Text ersetzt keine therapeutische Konsultation. Der Autor des Artikels ist für keinen Schaden verantwortlich, der aus der Anwendung von Informationen aus diesem Artikel entstehen sollte.

© Christian Hartmann, 2017 


Fußnoten


  1. Bekannt wurde die manualtherapeutisch ausgerichtete schwedische Massage durch die Brüder Dr. Arvid Kellgren (1856–1944) und Johan Hendrik Kellgren (1837–1916). Sie gründet sich in der schwedischen Heilgymnastik des schwedischen Dichters und Theologen Pehr Hendrik Ling (1776–1839) (Averbeck 2012), wobei dieser sich wiederum am deutschen Pädagogen und Begründer des ‚deutschen Turnens’ Johann Christoph Friedrich GutsMuths (1759–1839) orientierte, einem Verehrer der Werke des französischen Aufklärers Jean-Jacques Rousseau (1712–1778). Da Stills ‚Philosophie der Osteopathie’ zahlreiche Kerngedanken Immanuel Kants (1724–1804) widerspiegelt, können die modernen Wurzeln sowohl der schwedischen Massage wie auch der Osteopathie im Zeitalter der Aufklärung – einer Wiedergeburt der antiken griechischen Philosophie – verortet werden.  ↩

  2. Cyriax galt als ‚Sprachrohr’ J.H. Kellgrens in England, wo Clemens zu jener Zeit wohnte. Cyriax’ Sohn, John Cyriax (1904–1985), sollte übrigens später die Cyriax-Methode entwickeln, die ihm schließlich den Ruf als Vater der ‚Orthopädischen Medizin’ verschaffte (Averbeck 2012).  ↩

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