Still und der Ohrenschmalz


Archiv: OT.NE.17.2
Autor: Christian Hartmann
Erstveröffentlichung: JOLANDOS-Newsletter. Editorial. März 2017.
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Liebe Freunde der Osteopathie,

100 Jahre nach dem Tod A.T. Stills genießt der Entdecker der Osteopathie immer noch selbst bei einflussreichen Osteopathen einen eher zweifelhaften Ruf. Hier ein Beispiel: Vor einigen Monaten fragte mich ein bekannter Schulleiter an meinem JOLANDOS-Buchstand, was ich von A.T. Still halte. Ohne auf Antwort zu warten, bemerkte er, dass Still wohl etwas wirr (sic) im Kopf gewesen sei. Auf meine Frage, wie er darauf käme, verwies er darauf, dass Still über Ohrenschmalz geschrieben hat. Nutzen wir doch gleich die Gelegenheit, um Stills Hypothese eigenständig zu überprüfen. bevor Sie das Kapitel lesen, hier noch wichtige Vorinformationen

  • Zentralaspekte in Stills Philosophie sind die Annahme einer intelligenten und vollkommenen schöpferischen Instanz als Grundlage der physiologischen Prozesse im Körper, sowie eine grundsätzlich philosophische (= wissenschaftliche) Haltung des Osteopathen zur Welt. Kernmerkmale dieser Haltung sind z.B. Erkenntnisneugier, Beobachtung, Reflexion, Hypothesenbildung und Experiment (Überprüfung!).

  • Still verfasste das Kapitel nicht in Wissenschaftssprache, da er es nicht für Akademiker, sondern für seine Weggefährten schrieb. Diese waren als Landbevölkerung zwar überwiegend ungebildet, aber besaßen wie auch er, eine pragmatisch orientierte ‚natürliche’ Intelligenz (‚Bauernschläue’).

Nun lade ich Sie ein, das besagte Kapitel hier als PDF-Datei herunterzuladen und in einem ruhigen Moment langsam und aufmerksam zu studieren. Lassen Sie sich dabei nicht von fehlerhaften Beobachtungen, wie etwa die Ursache für Krupp-Husten vorschnell zu einem Urteil hinreißen (wir sind ungefähr im Jahr 1895. Zum Vergleich: die heroische Medizin sah zu jener Zeit ‚Ausdünstungen’ aus der Erde als ätiologisch verantwortlich.). Es geht vielmehr um Stills Bemühen, komplexe anatomisch-pyhsiologische Zusammenhänge auf Basis grundsätzlicher philosophischer Prinzipien zu erschließen. Stellen Sie sich dabei vor: Sie sind Stills ungebildeter Nachbar, er besucht Sie, sie setzen sich gemeinsam unter einen Baum und Still beginnt zu erzählen.

Fertig?

Dann greifen Sie neugierug zu ihren Anatomie-/Physiologiebüchern und suchen Sie nach vegetativen Verbindungen zwischen Cerumen(bildung) und dem thorakalen Bereich. Diggen Sie! (D.O. verstand Still als Dig on = Grabe weiter). Sie werden staunen!

Und unser empörter Schulleiter?
Die Antwort überlasse ich Still:

„‚Warum redest Du über Ohrenschmalz, dieses eklige Zeug?’

Ich entgegne: ‚Was weißt Du über Ohrenschmalz?’

Die Antwort: ‚Ich weiß nichts darüber, ich interessiere mich auch nicht dafür!’

Da Fröhlichkeit ein Organ meiner Macke ist, lasse ich diese Antwort wegen ihres Unwissens an mir abprallen und beschließe, dem Ohrenschmalz umso mehr Aufmerksamkeit zu schenken.“ (1)



In diesem Sinn…

Viel Freude und Erfolg auf Ihrer osteopathischen Reise!



Ihr
Christian Hartmann


(1) Still, A.T.: Das große Still-Kompendium, JOLANDOS Verlag, Pähl, 2005. S. III–175.

 

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