Physis – weit mehr als nur 'Körper'


Archiv: OT.NE.19.2
Autor: Christian Hartmann
Erstveröffentlichung: JOLANDOS-Newsletter. Editorial. Jun/Jul 2019.
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Liebe Freundinnen und Freunde der Osteopathie,

die Bedeutungen therapeutischer Ausdrücke verändern sich im Lauf der Geschichte einer Kultur. Nehmen wir zum Beispiel den Begriff Physis. Hierzu finden wir bei Wikipedia:

„Physis ist im allgemeinen Sprachgebrauch ein Synonym für den menschlichen Körper.“ (1)

Entsprechend definiert sich Physiotherapie als ...

„... eine Form spezifischen Trainings und der äußerlichen Anwendung von Heilmitteln, mit der vor allem die Bewegungs- und Funktionsfähigkeit des menschlichen Körpers wiederhergestellt, verbessert oder erhalten werden soll.“ (2)

Und unter Physiologie versteht man...

„... die Lehre von den normalen, insbesondere biophysikalischen, Lebensvorgängen ...; sie bezieht das Zusammenwirken aller physikalischen, chemischen und biochemischen Vorgänge im gesamten Organismus in ihre Betrachtung ein.“ (3)

Nun graben wir ganz im philosophischen Geist der Osteopathie (Sie wissen ja: „D.O. bedeutet Dig on!“) tiefer und lesen bei Physis etwas weiter unten: 

„In Theologie, Philosophie und Naturwissenschaft ist ‚Physis‘ ein Fachterminus, der meist mit ‚Natur‘, natürliche Beschaffenheit‘, ‚Naturbeschaffenheit‘ oder ‚Körperbeschaffenheit‘ übersetzt wird.“ (1)

Hierzu eine kleine historische Reflexion:

Naturwissenschaft ist die bei Weitem jüngste der drei genannten „Disziplinen“. In der Folgezeit spaltete sie sich zusammen mit der Physik zunehmend aus der Naturphilosophie ab. Der in der christlichen Dogmatik als „weltliche Beschaffenheit“, im Sinne "irdischer Beschaffenheit" verstandene Physis-Bergiff, wurde in „körperliche Beschaffenheit" umgedeutet. (Die damalige Physik befasste sich ausschließlich mit der Untersuchung mechanischer Körper).

Aber auch "irdische Beschaffenheit" war bereits eine Uminterpretation: In der griechischen Antike, in der Physis ca. 700-800 v. Chr. erstmals von Homer erwähnt wurde, verstand man unter diesem Begriff ursprünglich "natürliche Beschaffenheit". In der Antike fasste man den damit verbundenen Naturbegriff wiederum weitaus komplexer auf, als dies heute der Fall ist. Für die damaligen Philosophen-Ärzte (antike Ärzte waren primär Philosophen) war Natur das, ...

"... was die Bestimmung und den Zweck des Seienden ausmacht. Sie betrifft sowohl die den Dingen innewohnende Kraft (Dynamis, Energiea) als auch den diesen zugehörigen Ort und die damit verbundene Bewegung.“ (4)

Antiker-arzt_02_Physis ist also nicht mit physikalischer Struktur ("körperliche Beschaffenheit") gleichzusetzen, sondern bezeichnet auch alle in ihr liegenden Entwicklungspotentiale, Zwecke, Bewegungen etc. Die Physis des Menschen erscheint daher auch in vielfältigen Formen, die sich in körperlichen, geistigen und darüber hinausgehenden Phänomenen ausdrücken. So ist der Mensch in dieser antiken Philosophie-Medizin eine synchrone Einheit aus sich unentwegt wandelnden multidimensional vernetzten Ausdrucksformen. Dynamik und Potenzial dieser Ausdrucksformen hängen dabei von unveränderlichen Gegebenheiten, veränderbaren Rahmenbedingungen und nicht zuletzt auch wesentlich von der inneren Haltung des betroffenen Menschen ab. (5)

Die Philosophen-Ärzte der Antike mussten in ihrer Ausbildung kairos schulen, d.h. die Fähigkeit Synchronizitäten innerhalb all dieser physis-Aspekte mit deren inhärenten Wandlungspotenzialen empathisch zu "erspüren". Durch diese Fähigkeit erlangten sie Erkenntnisse darüber, ob eine Therapie Sinn machte und welche Maßnahmen zu ergreifen waren (Leibesübungen, veränderte Lebensführung, Aufklärungen und Unterweisungen, besondere Rituale, Schlafkur, Traumdeutung, Arzneimittel, Ausleitungen, etc.). Lag das Stimmigkeitsgefühl für eine Behandlung nicht vor, galt ein Philosophen-Arzt als unqualifiziert, wenn er dennoch behandelte. (5)

[Bildquelle aus dem Editorial: Kölner Jahrbuch, 22, 1989. 241-364, Abb. 26]

Auch A.T. Still verstand sich als Arzt mit primär philosophischer Haltung zur Welt. Kein Wunder, dass in seiner ursprünglichen Osteopathie nicht Techniken im Fokus standen, sondern allen voran ein tiefes Verständnis für die "natürlichen Beschaffenheiten" des Menschen vor allem auf geistiger (Verstand) und auf körperlicher Ebene (Anatomie & Physiologie), gepaart mit dem bedingungslosen Vertrauen in die "natürlichen Gesetze".

Genau genommen ist (ursprüngliche) Osteopathie damit nicht nur Heilkunde und Heilkunst, sondern darüber hinuas eine Heilform mit großem physiologischen Potenzial... ;-)

Und das war’s mal wieder.

Genießen Sie den Sommer, bis zum nächsten Newsletter und wie immer...

Viel Freude und Erfolg mit Ihrer Osteopathie!

Ihr 

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Christian Hartmann
Inhaber JOLANDOS e.K. 

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