Osteopathische Wissenschaft


Archiv: OT.NE.14.3
Autor: Christian Hartmann
Erstveröffentlichung: JOLANDOS-Newsletter. Editorial. September 2014.
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Liebe Freunde der Osteopathie,

zunächst einmal möchte ich mich für das enorm positive Feedback sowohl am Bücherstand in Bad Nauheim während des VOD-Kongresses, als auch auf die letzten beiden Newsletter bedanken. Unbequemes und kritisches Reflektieren (auch auf die Osteopathie bezogen) scheint in der deutschsprachigen Osteopathie lebendiger zu sein denn je. Und das ist wichtig, denn sonst entwickelt Osteopathie sich nicht weiter. In diesem Zusammenhang noch eine kritisches Thema: OSTEOPATHISCHE WISSENSCHAFT


Dass der Mensch mehr ist, als die Summe seiner Teile, wissen wir. Dementsprechend ist eine systemisch ausgerichtete Medizinwissenschaft gleichermaßen natur- und geisteswissenschaftlich ausgerichtet und bewertet quantitative und qualitative Studien gleichrangig. In diesem Zusammenhang lohnt sich ein Blick in die aktuelle Osteopathie-Wissenschaft:

Hier finden sich kaum geisteswissenschaftlich geschulte Betreuer und qualitative Abschlussarbeiten werden gar nicht erst zugelassen. Dafür werden quantitative Studien im Sinne ‘wie wirkt Technik x bei Krankheit y’ geradezu ‘gepusht’. Dass diese krankheitsorientierte Forschungsphilosophie ursprünglich für die Pharmaindustrie entwickelt wurde – egal? Dass der Mensch in seiner Gesamtheit damit nicht erfasst werden kann? Dass Subjektivität eine entscheidende Rolle bei der Behandlung spielt? Dass aus ethischen Gründen auch die Bedeutung der Ergebnisse wichtig ist? Dass die historische Aufarbeitung essenziell für die eigene Identität ist? Alles egal?

Und warum hat die osteopathische Wissenschaft auf dem ‘qualitativen’ Auge ganz offensichtliche Sehstörungen? Ganz einfach: Sie ist seit ihrem bestehen ein wichtiges Instrument der Berufs- und Schulpolitk. Und wer hier punkten will (Stichworte: Anerkennung <=> Abrechnung), muss unser krankheitsorientiertes ’Gesundheits’system entsprechend mit rein quantitativen Wirksamkeitsnachweisen ‘füttern’!


Ohne das Gegengewicht qualitativer Arbeiten etabliert sich Osteopathie damit aber zunehmend als krankheitsorientierte Methode. Und ein Blick in die Geschichte zeigt: Eine rein quantitative Ausrichtung der osteopathischen Wissenschaft führte bereits in den USA und im Commonwealth zum Untergang der ursprünglichen gesundheitsorientierten Osteopathie. Daher kann nur ein radikales Umdenken das Schiff wieder auf Kurs bringen:

  1. Entkopplung von Wissenschaft und Berufs- bzw. Schulpolitik.

  2. Mehr geisteswissenschaftlich geschulte Betreuer.

  3. Freie Themenwahl beim Forschen für Studenten.

  4. Ausgewogenheit zwischen quantitativen und qualitativen Studien.

  5. Überwindung jeglichen Dogmatismus.

Wie Thomas Kuhn in seinem Standardwerk Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen darlegt, erfolgen solche Paradigmenwechsel nicht durch Einsicht der ‘Etablierten’, sondern stets, weil eine neue, idealistische Generation die etablierte wissenschaftliche ‘Regierung’ ablöst. Die Zukunft der osteopathischen Wissenschaft, und damit die Zukunft der gesamten Osteopathie liegt also in den Händen der jungen Generation. Von ihrer Fähigkeit zu Reflektieren und ihrem mutigen Denken, Sprechen und Handeln wird es abhängen, wohin das Schiff Osteopathie steuern wird: Weiter in Richtung krankheitsorientierte Methode oder wieder zurück zu einer gesundheitsorientierten Philosophie, die den Menschen nicht nur im Behandlungsraum, sondern auch in der Forschung als das respektiert, was er ist: Mehr als die Summe seiner Teile.

Man darf gespannt sein…

Viel Freude und Erfolg auf Ihrer osteopathischen Reise!



Ihr
Christian Hartmann


 

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