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Osteopathische Identität - einige Reflexionen


Archiv: OT.NE.18.2
Autor: Christian Hartmann
Erstveröffentlichung: JOLANDOS-Newsletter. Editorial. Jul/Aug 2018.
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Nach einigen Monaten Pause möchte ich Ihnen wieder einmal ein paar Reflexionen zur Osteopathie anbieten. Dabei geht es um die osteopathische Identität. Um einen etwas tieferen und hintergründigeren Zugang zu vermitteln, befasst sich der erste Teil des Editorials mit einem kurzen historischen Abriss der Entwicklung der menschlichen Identität. Die anschließend benannten Bedingungen und Motive, die ihr zugrunde liegen, werden danach als Übergang zur Betrachtung der osteopathischen Identität(skrise) verwendet.

 

 


 

MENSCHLICHE IDENTITÄT

Einige markante Errungenschaften des Menschen führten nach heutigem Wissensstand zu bemerkenswerten Sprüngen innerhalb der langen Evolution der menschlichen Bewusstheit:

Vor ca. 400.000 Jahren: Der Mensch entwickelt die Fähigkeit zur Abstraktion. Bildliche Symbolik und Sprache eröffnen eine völlig neue Form der Kommunikation. Inneres Wissen wird erstmals im Außen ausgetauscht und vernetzt. Therapeutische Maßnahmen folgen streng magischen Ritualen.

Vor ca. 12.000 Jahren: Der Mensch kultiviert Ackerbau und Viehzucht und wird damit sesshaft. Siedlungsbau beginnt und erfordert zentrale und vernetzte Versorgungsstrukturen im Bereich der Nahrungs- und Tauschorganisation. Siedlungen wachsen und regionale Handelsnetzwerke expandieren.

Ab ca. 5.000 Jahren: Erste Städte erfordern rationale Verwaltungs- und Steuerungsformen. Die Erfindung von Schrift und Mathematik führt zur Strukturierung des zunehmend komplexeren Wissens. Die Wirklichkeit wird verstärkt in geordneten Mustern und – aufgrund gesellschaftlicher Neuordnung – zunehmend in Hierarchien wahrgenommen. Ich-Bewusstheit im heutigen Sinn, die Idee einer Seele und dem Weiterleben nach dem Tod entstehen. Schriftliche Weitergabe von Wissen beginnt. Gesetze und die erste monotheistische Buchreligion entstehen (Judentum).

Vor ca. 3.000 Jahren: In den Handelszentren im östlichen Mittelmeer prallen viele Weltsichten aufeinander. Auf der Suche nach der “Wahrheit” entsteht Philosophie und führt zur umfassenden Systematisierung von Sprache und Wissen. Künstlern und Philosophen offenbart sich erstmals bewusst die schöpferische Kraft des einzelnen Menschen im Denken und Handeln. Das Individuum erwacht. Das „Ich“ betrachtet die Welt als Verstandeswesen zunehmend selbstbewusst von „außen“. Die zuvor ganzheitlich-intuitive Jenseits-Diesseits-Wahrnehmung wird rationalisiert (Dualismus: Geist–Körper). Die rationale Medizin mit dem Modell der Selbstheilung entsteht.

Vor ca. 1500 Jahren: Das Christentum wird Staatsreligion im Römischen Reich. Nach dessen Untergang füllen Kirche und Klöster-Netzwerke Teile des entstandenen Machtvakuums. Mönche arbeiten zur rationalen Bestätigung christlicher Dogmen ihre spirituellen Erfahrungen philosophisch auf. Das zentrale Dogma der Erbsünde lädt den antiken Dualismus kirchlich-moralisch auf (Gut–Böse). Die Überwindung des Weltlichen als Böses rückt in den Fokus. Das positive Menschenbild der Antike kehrt sich um. Krankheiten werden als Strafen für Sünden erkannt. Die pathozentrische Medizin entsteht.

Vor ca. 1000 Jahren: Aus den Klosterschulen entstehen in Europa Universitäten, die sich vernetzen. Die Demokratisierung des Wissens erfasst die Gelehrtenwelt. Philosophisches Gedankengut der Antike gewinnt zunehmend außerkirchlichen Einfluss und begründet die Strömung des Humanismus. Das positive Menschenbild kehrt noch ganz von der christlichen Bilderwelt durchdrungen langsam zurück.

In den letzten 500 Jahren: An den Universitäten entstehen Naturwissenschaften. Die Emanzipation des wiedererstarkten Individuums von der Kirche beginnt. Europa entdeckt die Welt. Die Kirche spaltet sich. Kriege und Seuchen folgen und überziehen Europa. Aus dem Humanismus entwickelt sich die Aufklärung. Buchdruck und volkssprachlich verfasste Fachliteratur beschleunigen die Demokratisierung des Wissens. Entdeckungen wie Elektromagnetismus und Erfindungen wie Dampfmaschinen leiten um 1750 die erste industrielle Revolution ein.

Seit ca. 150 Jahren: Universitäre Strömungen erschüttern die christliche Dogmatik (z.B. Evolutionstheorie, Nietzsches „Gott ist tot!“) und das intuitiv verinnerlichte Bild einer fest bestimmten dualistischen Wirklichkeit (z.B. Quanten- und Relativitätstheorie). Das Computerzeitalter beginnt. Elektronisch-digitale Globalisierung des Wissens durch das Internet (z.B. Wikipedia).

Allen eben beschriebenen Entwicklungen der menschlichen Bewusstheit scheinen zwei Motive zugrunde zu liegen:

  • Bedürfnis nach äußerer Sicherheit („Überleben“) => Entschlüsselung physischer Phänomene => Neugier auf Verstehen => rationale Reflexion => Philosophie/Wissenschaft.

  • Bedürfnis nach innerer Sicherheit („Sinnhaftigkeit“) => Neugier auf Erleben einer inneren Rückanbindung (lat. re-legere) an eine über das Ich hinausgehende Heimat => Spiritualität/Religion.

Neugier ist somit der eigentliche Ausgangspunkt auf dem Weg zur äußeren und inneren Sicherheit des Menschen. Sich gegenseitig befruchtender „Verstand“ und „Herz“ der Weg selbst.

Diese kurze Übersicht hat uns einige Ursprünge und Entwicklungen des Menschen vermittelt – beides Grundvoraussetzungen zur Bestimmung einer eigenständigen menschlichen Identität. Die Bestimmung der Identität eines Phänomens ist demnach ohne kritische-historische Rückschau auf den gesamten Zeitverlauf des Phänomens nicht möglich.

OSTEOPATHISCHE IDENTITÄT

Für die moderne Osteopathie bedeutet das: Ohne die kritisch-historische Rückschau über die gesamte Osteopathie ist eine osteopathische Identität nicht bestimmbar. Und diese Rückschau muss zwingend an ihrem Anfang, d.h. bei den Texten A.T. Stills zu seiner Philosophie der Osteopathie beginnen. Bleibt sie bei ausbleibender wissenschaftlicher Analyse unbekannt oder vage, kann eine von dort ausgehende Entwicklungen bis in die Gegenwart nicht belegt und damit die Identität einer modernen Osteopathie nicht glaubhaft nachgewiesen werden. So einfach ist das.

Kein Mensch kann das Projekt “osteopathische Identität” allein bewältigen. Und ohne enge Zusammenarbeit mit interessierten Historikern und Philosophen, fehlt jener gesunde neutrale Blick “von außen”, der die momentan herrschende “inzestuöse Verzerrung” innerhalb der Osteopathie vermeiden kann. Die Osteopathiegeschichte beweist: 120 Jahre nur um sich selbst kreisende Osteopathie-Strömungen, die sich vor dem Philosophie-Begriff scheuen, berufs- und marktpolitisch beherrschte osteopathische Institutionen und vermeintliche Szene-Gurus haben eher Chaos als Klärung bezüglich der osteopathischen Identität bewirkt.

Natürlich, es gab und gibt immer wieder wirklich gut gemeinte Ansätze in Form von Veröffentlichungen und Veranstaltungen zum Thema „Philosophie“ oder „Geschichte“ der Osteopathie. Dort sucht man aber vergeblich nach gelehrten Historikern und Philosophen, mit denen sich Osteopathen auf gleicher Augenhöhe zum Thema austauschen. So erscheinen diese durchaus ehrenhaften Versuche von außerhalb der Osteopathie betrachtet bestenfalls naiv und schlimmstenfalls inzestuös oder peinlich.


Gibt es hier einen Ausweg?


Seien wir mutig und lassen Sie uns ein wenig träumen:

Aus der wachsenden Menge unzufriedener OsteopathInnen erwächst ein menschliches Netzwerk, das fernab berufs- oder marktpolitischer Einflüsse, d.h. aus reiner Neugier an der Sache, die eigene Identität vom Ursprung an erforscht. Dieses Netzwerk wird beraten von erfahrenen Osteopathen und  osteopathiekundigen und -interessierten Historikern und Philosophen. Man hört einander interessiert zu, man ist begierig darauf, voneinander zu lernen, man sucht die osteopathische Identität im gemeinsamen Austausch und auf Basis überprüfbarer Quellen.

Initiiert, getragen und beseelt wird dieses Netzwerk aber nicht von den „Alten“, sondern vom Abenteuergeist junger interessierter und engagierter OsteopathInnen und Osteopathie-StudentInnen, die sich ihr eigenes Bild von der Osteopathie machen wollen. Als echte Erben Stills ist ihr Motiv pure Neugier an der Sache („D.O.“ bezeichnete für Still keinen Titel, sondern „Dig on!“, also die grundsätzlich neugierige Haltung zur Welt). Die "Alten“, denen die Jungen wohlwollend-skeptisch zuhören, verstehen sich in diesem Netzwerk als stille Berater im Hintergrund. Sie entziehen sich jeglicher Verehrung, vermeiden das Dozieren und Dogmatisieren und ermutigen die Jungen unentwegt zum eigenständigen Denken. Und Sie lernen von den Jungen. Alle begegnen sich auf Augenhöhe.

Und so verstehe ich auch A.T. Still, wenn er schreibt:

“Dies ist für zukünftige Generationen geschrieben, nicht nur für die Gegenwart. Die ungeborenen Männer und Frauen werden die Richter sein.” (A.T. Still, I–69)

Man darf gespannt sein, wann die osteopathische Generation der selbstkritischen Richter in Erscheinung treten wird.

 


 

In diesem Sinne…

Viel Freude und Erfolg auf Ihrer osteopathischen Reise!



Ihr
Christian Hartmann
Christian Hartmann

 

 



P.S.: Den ersten deutschsprachigen Versuch einer systematischen Analyse zum Thema osteopathischen Identität, die Bedeutung der ursprünglichen Osteopathie in diesem Zusammenhang und warum Geschichte und Philosophie hierbei eine wichtige Rolle spielt Sie in Gedanken zu A.T. Stills Philosophie der Osteopathie.

P.P.S.: Sie wollen wirklich tief in die Thematik "Was ist Osteopathie?" einsteigen. Dann empfehle ich Ihnen den Besuch des Seminars Geschichte und Philosophie der Osteopathie. Eine kurze Beschreibung, aktuelle Termine für Teilnehmer und Veranstalter, Bedingungen und einige Feedbacks von Teilnehmern finden Sie hier.  


 

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  • Die "Alten" sind zerstritten

    Dieses Netzwerk wird vermutlich an einem tragfähigen Konsens darüber scheitern, was osteopathisches Denken und Handeln eigentlich ist. Die "Alten" sind darüber zerstritten und die "Jungen" daher verwirrt.

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