Osteopathie ­– Erbin der hippokratischen Medizin


Archiv: OT.NE.20.3
Autor: Christian Hartmann
Erstveröffentlichung: JOLANDOS-Newsletter. Editorial. März 2020.
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Liebe Freundinnen und Freunde der Osteopathie,


Osteopathie ­– Erbin der hippokratischen Medizin

Seit einigen Wochen ist die Diskussion um Impfungen wieder einmal hochgekocht. Dabei feuern Impfbefürworter und Impfgegner heftige Salven aufeinander ab. Die leidenschaftliche Sprache erinnert auf den ersten Blick an A.T. Still, der hierzu auch eine klare Position hatte:

„Die Menschen haben angefangen zu rufen ‚Aufhören!‘, denn viele Wirte sind täglich so sinnlos ermordet worden durch Gifte, welche durch Subkutanspritzen mit Gewalt in ihr System eingeflößt wurden.“ [Still-Kompendium, S. II-163]

Dieses Thema sachlich zu besprechen würde den Rahmen des Newsletter-Editorials sprengen. Dazu ist es einfach viel zu komplex. Ich möchte das Zitat vielmehr als Einstieg nutzen, um an Stills Umgang mit Andersdenkenden zu zeigen, warum seine Philosophie der Osteopathie ganz im Sinne der antiken Idealmedizin war.


LIEBE, WAHRHEIT, MENSCHLICHKEIT

Zunächst scheint es fast so, also rufe Still 'Mörder' in Richtung der Impfbefürworter. Bei umfassenderem Textstudium zeigt sich jedoch, dass diese Einschätzung fundamental falsch ist. Wie oft nach markigen Worten, begründet Still seine Position ausführlich. Häufig geschieht dies in Metaphern zu anatomisch-physiologischen Zusammenhängen. Persönliche Abwertungen sucht man vergeblich. Ganz im Gegenteil, nicht selten folgt sogar ein Versöhnungsgedanke:

„Ich möchte nicht im Geringsten gegen die Bemühungen Jenners hetzen. Ich denke, sie waren gut, aber ich glaube wirklich, […], dass die Philosophie, die ich hier vorstelle, schützen kann vor Lepra, Masern und Syphilis, ebenso wie vor Pocken und anderen Krankheiten.“  [III-163]

Still kritisiert zwar Jenners 'Philosophie', daraus abgeleitete Handlungen und die Folgen, nie jedoch Jenner als Mensch 'an sich'. Er zollt ihm sogar Respekt und Sympathie, in dem er ihm gute Bemühungen unterstellt. (Kein Wunder, beide waren Brüder im Geiste, auf der Suche nach einer besseren Medizin). An anderer Stelle geht Still sogar noch viel weiter:

"Ich möchte sagen, dass ich die alten Mediziner wegen ihrer Treue liebe. Ich bedaure sie aber auch für ihr vollständiges Versagen. Ich weiß, dass sie gute Absichten hatten." [IV-11]

Fru-hling_2020_bEin schönes Beispiel dafür, dass zentrale Aussagen Stills zu seiner Philosophie der Osteopathie, wie etwa "Gesundheit zu finden ist Aufgabe des Arztes. Krankheit kann jeder finden" [III-44], weit mehr sind, als nur therapeutische Lehrsätze. Es handelt sich um universale Prinzipien, die Still auf alle Aspekte des Lebens und damit auch auf alle Menschen überträgt. Überzeugt von einer vollkommenen und guten Schöpfung, geht es darum stets das Gute, das Potenzial und die Möglichkeiten der Natur und damit auch und vor allem im anderen Menschen zu erkennen und anzuerkennen. Abwerten kann jeder. Kritik am Menschen? Nein! An der Sache? Ja! Hier fordert Still sogar, dass unentwegt um Vernunft gerungen werden muss. Diese um Rationales kämpfende und zugleich jeden Menschen liebende Haltung bildet die Seele von Stills Philosophie der Osteopathie (weit vor allen anderen 'Prinzipien'). Er selbst drückt es so aus:

"Osteopathie ist ein aggressiver Feldzug für die Liebe, die Wahrheit und die Menschlichkeit. Wir lieben jeden Mann, jede Frau und jedes Kind..." [I-145]"

Osteopathie ist also kein Kampf gegen Jemanden, sondern für

1) die uneigennützige und alle(s) umfassende Liebe (im Sinne von agape)

2) die naturwissenschaftliche Suche nach Wahrheit,
3) eine von Menschlichkeit geprägte Ethik.

EINE LEGITIME ERBIN

Dies aber sind auch Stützpfeiler der antiken Naturphilosophie, die ihrerseits Fundament der hippokratischen Medizin war. Alle hippokratischen Ärzte verstanden sich, wie Still, als therapeutisch handelnde Naturphilosophen! Ihr ärztlicher Initiationsritus, der Schwur des Hippokratischen Eides beinhaltet daher nicht nur die Bekenntnisse zu Rationalität und Ethik, sondern verschlüsselt auch zu Agape, der uneigennützigen Liebe: Heilig und rein will ich mein Leben und meine Kunst ausrichten und bewahren.“ [nachzulesen in: Hippokrates und die Heilenergie]

Nicht die Hightech-Effizienz-Medizin mit ihrer naturwissenschaftlichen Fixierung, einem ethischem Feigenblatt und ohne Agape, ist legitime Erbin der hippokratischen Medizin, sondern Stills Philosophie der Osteopathie. Und so bezeichnet J.M. Littlejohn die ursprüngliche Osteopathie auch vollkommen richtig als apostolische Sukkzession der (hippokratischen) Medizin  [Littlejohn-Kompendium, S. 34f]. Und in diesem Licht erscheinen gerade die Lebenswerke von W.G. Sutherland und Rollin Becker, als osteopathiehistorische 'Agabe-Überlebenskapseln' innerhalb einer modernen Osteopathie, die mit jedem Anpassungsschritt an das orthodoxe Gesundheitssystem ihren Erbanspruch weiter verliert. Automatisch stellt sich die Frage: Wo steht die moderne Osteopathie wirklich?


PRÜFSTEIN GEGENWART

Damit sind wir wieder in der Wirklichkeit der Gegenwart angekommen, dem einzig wahren Prüfstein für die Osteopathie. Wie viel ‚aggressiver Kampf für Liebe, Wahrheit und Menschlichkeit‘, wie viel Naturphilosophie wird gelebt? Wie reagiert man beispielsweise auf Impfdogmatiker? Bleibt man wortlos im Hintergrund? Diskutiert man auf Basis wissenschaftlich fundierter Argumente? Kritisiert man Person oder Sache? Sucht man das Gute im Gegenüber? Unterstellt man beste Absichten? Bietet man Raum für Versöhnung?

Die Seele der Osteopathie könnte sich an diesem Prüfstein wunderbar schärfen. Oder sie wird darunter langsam zermahlen... Jede/r einzelne trägt hier mit dem eigenen Denken und Handeln eine ganz persönliche Verantwortung.



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Christian Hartmann

 

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