"Littlejohns Mittelweg" – Schnittstelle zur modernen Wissenschaftswelt!


Archiv: OT.NE.18.3
Autor: Christian Hartmann
Erstveröffentlichung: JOLANDOS-Newsletter. Editorial. Okt/Nov 2018.
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"Littlejohns Mittelweg" – Schnittstelle zur modernen Wissenschaftswelt!

Die kritische Reflexion der osteopathischen Gründertexte vertieft nicht nur das Verständnis für Osteopathie ganz allgemein. Sie zeigt auch, wie nah die ursprüngliche Osteopathie an den modernen Lebenswissenschaften steht. Das liegt vor allem an der Art und Weise wie sorgfältig damals mit Ausdrücken wie etwa "eigenständiges Denken", "Lebenskraft" und "Bewusstsein" umgegangen wurde. Ein besonders prägnantes Beispiel, das ich Littlejohns Mittelweg bezeichne, möchte ich Ihnen in diesem Newsletter vorstellen. (TIPP: Nicht schnell, sondern in Ruhe lesen – es lohnt sich!) 

John Martin Littlejohn schreibt 1902 über 'Lebenskraft':

„Das Prinzip besagter Lebenskraft besteht in der Kraft des Fließens oder der Schwingung wie bei den physischen Kräften. Sie kann Substanz durchdringen, ohne sie zu beeinflussen oder zu modifizieren. Es gibt also drei Ebenen:

  • die rein materielle,
  • die rein geistige oder psychische Ebene und jene,
  • die durch Vereinigung beider Ebenen entsteht – die Ebene der Lebenskraft.“ [LK, 272]


Damit scheint er auf den ersten Blick das Weltbild der dreifach differenzierten Einheit seines Lehrers A.T.Still zu übernehmen:

„Nach allen unseren Untersuchungen müssen wir entscheiden, dass der Mensch eine dreifach differenzierte Einheit ist, wenn er vollständig ist. [...] Erstens der materielle Körper, zweitens das spirituelle Lebewesen, drittens ein Lebewesen des Verstandes, das allen lebendigen Bewegungen und materiellen Formen weit überlegen ist [...] “ [SK, S. II-15

Wichtige Hintergundinformationen:

Stills Weltsicht war nicht mono- sondern pantheistisch. Bezüglich des Phänomens „Leben“ vertritt er folglich ein deutliches Top-Down-Modell: Etwas „Göttliches“ drückt sich intelligent in allen Strukturen, Funktionen und Ideen und damit auch im Leben selbst  aus. Die Hiererchie lautet:  Göttliches > unsterblicher Geist/Seele > materieller Körper/Verstand. Wie die meisten namhaften Wissenschaftler seiner Zeit war Still aus heutiger Sicht ein Vertreter des Vitalismus und des Intelligent  Design. Eine Anschlussfähigkeit an seriöse Wissenschaften der Gegenwart ist damit nicht möglich.

Littlejohn scheint Stills Weltbild geteilt zu haben – meint man, denn: Kritisches Lesen heißt genaues Lesen im Kontext! Und hier fällt in Littlejohns Textstelle zunächst Folgendes auf:

[...] die durch Vereinigung beider Ebenen entsteht – die Ebene der Lebenskraft. [...]

Das Leben wird also nicht "einghaucht", sondern entsteht irgendwie auf Basis einer Art psychophysiologischer "Verschränkung". Das wirft Fragen auf? Könnte es sein, dass Littlejohn kein Top-down, sondern vielmehr ein reduktionistisches Bottom-up-Weltbild vertritt (wie ihm einige Kritiker vorwerfen)? Oder gibt es vielleicht eine noch ganz andere und überraschende Lösung? Mit diesen Fragen im Gepäck, studiert man nun seine Texte möglichst umfassend und vorurteilsfrei. Dabei stößt man auf  viele bemerkenswerte Darlegungen, wie etwa diese zwei Seiten aus seinem 1899 in Kirksville veröffentlichten Unterrichtsskript Psychophysiologie. (Aufmerksam lesen!)

Nicht nur, dass er umfassendes Wissen über den Stand der Wissenschaft seiner Zeit besitzt, bestechend ist vor allem seine klare Sprache und Darlegung der Thematik. Dabei positioniert er sich als Nicht-Wissender im besten sokratischen Sinn: Littlejohn lässt die Entscheidung top-bottom oder bottom-top offen und wählt den zu allen Seiten offenen Mittelweg. Er überspringt so aus wissenschaftshistorischer Sicht 100 Jahre, in denen sich naturwissenschaftliche  Reduktionisten (Geist lässt sich auf Materie zu reduzieren, basta!) und geisteswissenschaftliche Idealisten (Nein, nein, der Geist ist etwas vom Materiellen Unabhängiges, basta!) spinnefeindlich gegenüberstanden und die Wissenschaftswelt prägten. Erst in jünster Zeit – vor allem durch den rasanten Aufstieg der Kognitionsforschung (Stichwort: Mönche im Labor!) – kommt es erstmals seit der Spätrenaissance wieder zu einflussreichen Annäherungen und Kooperationen.

Auf Stills Grundlagen aufbauend, verschaffte Littlejohns Mittelweg der Osteopathie vor ca. 100 Jahren einen enormen Vorsprung – den sie bis heute weder erkannt und genutzt hat! Die löblichen Versuche im Bereich  "Faszien" lenken leider nur davon ab, dass Osteopathie völlig am Wesentlichen vorbei forscht. Warum? 

Machen wir einen Sprung ins Heute:

Das enorme Erfahrungswissen der Osteopathie –  SpürenFühleninneres Erlebenintrospektive und interpersonelle Phänomene während der Berührungempathische Beobachtungetc. – all diese semantischen Informationen sind auf der Suche nach der Verbindung zwischen "physischer" (bottom) und "metaphysischer" (top) Phänomenen innerhalb der modernen Neuro- und Informationswissenschaften pures Gold wert. Viele transdisziplinär orientierte Wissenschaftler würden würden sich die Finger ablecken, um an solche Informationquellen aus dem unmittelbaren therapeutischen Alltag und dazu noch von Seiten der Behandler zu kommen! Was aber fehlt sind universelle Schnittstellen, so wie sie Littlejohn liefert und wie sie innerhalb der Osteopathie-Welt unter einem 100-jährigen Berg selbstzentrierten Verhaltens begraben liegen.

Nur ein radiakles und mit historisch reflektierter Osteopathie beginnendes Umdenken, würde hier enorme Möglichkeiten eröffnen und ein Selbstverständnis begründen, das glaubhaft reflektiert, selbstkritisch und grundsätzlich respektvoll auch gegenüber Andersdenkenden ist – ein erster vernünftiger Schritt hin zu einer Osteopathie, die das attribut "modern" verdient. Eine nachhaltige Zukunft verlangt nach mehr. Hier gilt es, viel Geld in die Hand für ein dezentrales Netzwerk in die Hand zu nehmen, in dem auch Nicht-Osteopathen federführend und transdisziplinär Einfluss nehmen. Dort nämlich, wo es um philosophische oder kulturhistorische Aspekte geht. Auch wenn das einigen Osteopathen nicht behagt: Ohne diese Öffnung werden die mit Littlejohn begründeten – und immer noch gültigen –  Schnittstellen zur Wissenschaftswelt nicht reaktiviert werden können. Zugegeben, ein Generationen-Werk, aber... 

... wir können auch klein anfangen: 

Sie wollen für sich, Ihre Lehrer, Schüler, Mitarbeiter oder sonstige Gruppen eine entsprechend fundierte Einführung in diese Themenkomplexe und die ursprüngliche Osteopathie? Basierend nicht auf Lehrermeinungen, sondern auf nachprüfbaren Quellen? Ein Fundament für Ihren Weg in Ihre osteopathsiche Zukunft, in der Sie möglicherweise Teil des oben angesprochenen Netzwerks werden? Dann besuchen Sie mein Seminar Historisch reflektierte Osteopathie. Zusammen mit dem Zugang zu den Originaltexten der Gründerväter, wird sich Ihr Blick nicht nur auf die Osteopathie ändern. Es wird auch Ihr therapuetisches Selbstverständnis und damit Ihre praktische Arbeit zutiefst bereichern. 

Das ist die eigentliche Revolution der ursprünglichen Osteopathie. 

 

In diesem Sinne…

Viel Freude und Erfolg auf Ihrer osteopathischen Reise!



Ihr
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Christian Hartmann

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