Die Zukunft der Osteopathie: Wir statt ich!


Archiv: OT.NE.17.4
Autor: Christian Hartmann
Erstveröffentlichung: JOLANDOS-Newsletter. Editorial. Juli 2017.
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Liebe Freunde und Freundinnen der Osteopathie,

wie aktuelle Forschungsergebnisse aus mehreren Wissenschaftsbereichen belegen, scheinen lebendige Systeme nachweislich dann erfolgreicher zu sein, wenn sie in die Gruppe als Ganzes betreffenden Entscheidungen keinen hierarchischen, sondern dezentrale Organisationsformen wählen. Nur in diesen offen vernetzten und durchgängig transparenten Systemen kommt es zur Entfaltung kollektiver Intelligenz (Schwarmintelligenz), die selbst eine dissipative Struktur darstellt.

Selbst wenn die einzelnen Gruppenmitglieder in Untergruppen gegliedert sind, unterliegen ihre Entscheidungen keinen festen Regeln. Denken und Handeln sind eigenständig, intuitiv und improvisatorisch, wobei die Bewusstheit – soweit vorhanden – nicht auf das Erreichen eines Ziels als Individuum, sondern auf das gemeinsame Sein und Wirken der Gruppe gerichtet ist. Dieser Mechanismus unterliegt allen selbstorganisierenden Systemen – wie etwa „Leben“.

Erstaunlich ist, dass die hierbei unvermeidlich auftretenden Fehler Einzelner nachgewiesenermaßen den Erfolg der Gruppe begünstigen (s.z.B. diesen Beitrag aus Nature). Ebenso bemerkenswert ist, dass sich auf gruppeninterne Fragestellungen bezogene „Leader“ in Situationen, die die Gruppe als Ganzes betreffen, vollständig in die Gruppe integrieren (s.z.B. diesen Artikel).

„Heldenkult“ sowie gruppenisolierte Zielstrebigkeit oder Perfektionsstreben stehen dem Gruppenerfolg demnach im Weg. Das Motto heißt vielmehr: Mut zum eigenständigen Denken und Handeln! Mut zu Mittelmäßigkeit, Unwissen und Fehlern! Mut, gewohnte Positionen zu verlassen, wenn es die Situation erfordert. Und all dies immer in der Bewusstheit des Teils einer Gemeinschaft zum Wohl einer Gemeinschaft. Allein aus dem Grund, das Überleben der Gruppe, d.h. jener Instanz, die Voraussetzung dafür ist, dass wir als Individuum überhaupt sinnhaft existieren können, zu sichern.

Und was hat das alles mit Osteopathie zu tun?

Wer A.T. Stills Texte studiert hat, weiß, dass kollektive Intelligenz (Still: “Mind”), eigenständiges und selbstbewusstes Denken und Handeln unabhängig von Autoritäten bzw. „jenseits der Wagenspuren zu denken“ (Still: “mind”), den Mut Fehler zu machen und das Motiv, als Teil der Gemeinschaft in ihrem Sinn zu wirken, wesentliche Paradigmen der ursprünglichen osteopathischen Philosophie sind. In ihr transformiert die therapeutische Rolle vom „erlösenden Helden“ zum „redlichen Handwerker“. Der (ursprüngliche) Osteopath versteht sich hierbei als gleichwertiges Individuum unter gleichwertigen Individuen. Ein therapeutisches Selbstverständnis wie es nicht besser ins dezentral geprägte 21. Jahrhundert passen könnte. Das Problem ist: Die „moderne“ Osteopathie ist noch immer in Denkmustern des 19. Jahrhunderts verhaftet: Heldenkult („Meet the stars“, „big heads“), Lehreinrichtungen, die unkritisch übernommene Lehrmeinungen marktorientiert dozieren, anstatt zum eigenständigem Denken anzuregen, berufspolitische Institutionen, die hierarchisch denken und agieren, Wissenschaft, die keine Grundlagenforschung fördert, Konkurrenzdenken auf allen Ebenen etc. Kein Milieu, in dem die ursprüngliche (= kritische) Osteopathie-Philosophie überhaupt beginnen, geschweige denn sich entwickeln könnte. Da bleibt die Frage: Kann ein Gruppenerfolg der osteopathischen Philosophie, d.h. der kritischen Osteopathie, überhaupt gelingen?

Meiner Meinung nach ja, wenn:

  1. die Vertreter der bestimmenden Osteopathie-Generation auf internationaler Ebene zu einer heilsamen Katharsis bereit sind oder

  2. eine neue Osteopathie–Generation (in unbekannter Zukunft) den Mut hat, eigenständig zu denken und zu handeln, neue Wege zu beschreiten und neue dezentrale Strukturen mitzugestalten. Nicht für sich, sondern für eine generationsübergreifend denkende Osteopathie-Gemeinschaft.



In diesem Sinne…

 

Viel Freude und Erfolg auf Ihrer osteopathischen Reise!



Ihr
Christian Hartmann


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