Chaos und Katharsis in der Osteopathie


Archiv: OT.NE.17.1
Autor: Christian Hartmann
Erstveröffentlichung: JOLANDOS-Newsletter. Editorial. Januar 2017.
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Liebe Freunde der Osteopathie,

willkommen im historischen Jahr 2017, dem 100. Todesjahr von Andrew Taylor Still (1828–1917)!

Ein solcher Anlass ist zugleich eine gute Gelegenheit innezuhalten, um Bilanz zu ziehen:

Als Still 1917 starb, zählte die Osteopathie in den USA bereits zu den etablierten Medizinformen und setzte aufgrund ihrer Behandlungserfolge während der Spanischen Grippe (1918-1920) erstmals ein kräftiges Ausrufezeichen. Nach einem Abflauen dieser Anfangseuphorie begann die amerikanische Osteopathie sich erst ein halbes Jahrhundert später mit dem Aufkeimen anderer alternativer Methoden langsam wieder zu etablieren, um sich bis heute zu einer massiven Bewegung innerhalb der amerikanischen Medizin zu entwickeln.

Kurz nach Stills Tod eröffnete John Martin Littlejohn (1866–1947) in London die bis heute weltweit einflussreichste Ausbildungsstätte der Osteopathie, die British School of Osteopathy (BSO), die zur Verbreitung der Osteopathie in den Staaten des Commonwealth, aber auch in einigen spanischsprachigen Ländern geführt hat. In Deutschland begann die Entfaltung der Osteopathie schließlich ab den 1980ern, wobei sich hier aufgrund besonderer berufspolitischer Gegebenheiten (Heilpraktiker!) ein äußerst vielfältiger Mix an osteopathischen Strömungen etablieren konnte. Zum heutigen Zeitpunkt gehört die Osteopathie weltweit zu den bedeutendsten und einflussreichsten komplementärmedizinischen Richtungen und alles deutet darauf hin, dass dieser erstaunliche Boom weiter anhalten wird.

Klingt alles ziemlich gut, nicht wahr? Leider gibt es aber ein Problem, dessen sich viele Osteopathen überhaupt nicht bewusst sind und das nicht wenige osteopathische Institutionen gerne ignorieren. Der amerikanische Internist J.D. Howell fasst dieses Problem in seinem bemerkenswerten Artikel "The paradox of osteopathy" in folgenden zwei Fragen zusammen:

"Falls Osteopathie ein funktionelles Äquivalent der Allopathie ist, welche Rechtfertigung gibt es für ihre weitere Existenz? Und falls eine rein osteopathische Behandlung einen Wert hat, warum sollte sie nur auf Osteopathen beschränkt sein?"(1)


Will Osteopathie nicht nur als Worthülse überleben, muss es ihr gelingen, diese ebenso berechtigten wie kritischen Fragen mit klaren und rational nachvollziehbaren Argumenten zu beantworten. Also stellt sich die Frage: Existieren Grundprinzipien in der Osteopathie, die als Alleinstellungsmerkmal dienen und auf die sich Weiterentwicklungen innerhalb der modernen Osteopathie überhaupt erst beziehen können?

Die vier in der WHO verankerten Prinzipien der Osteopathie ("Körper als Einheit" etc.) klingen zwar griffig, repräsentieren aber keine Eigenständigkeit. Viele allgemein-, alternativ- und komplementärmedizinischen Ansätze basieren auf ebendiesen Prinzipien. Auch "Ganzheitlichkeit" und das "Behandeln von Ursachen statt Symptomen" sind keineswegs osteopathiespezifisch, sondern seit Jahrtausenden in der Medizin bekannt. Es bleibt die ernüchternde Erkenntnis, dass die moderne Osteopathie ihre Identität nicht rational nachvollziehbar begründen kann. Was nun?

Ein auf Sand gebautes Haus sollte abgerissen und erst dann neu errichtet werden, wenn es auf einem soliden Fundament ruhen kann.

Für die Osteopathie würde dies bedeuten: noch einmal ganz von vorne, d.h. mit der wissenschaftlichen Aufarbeitung ihrer Wurzeln, beginnen. Dass diese Aufarbeitung aus geistes- und nicht mehr aus naturwissenschaftlicher Sicht erfolgen muss, erklärt sich übrigens dadurch, dass die systematische Bestimmung von "Grenzen, Reichweiten und Möglichkeiten" (Andreas Grimm) und damit die Erarbeitung der Identität eines Sachverhalts schon immer das originäre Kerngeschäft der Philosophie war. Nicht umsonst prägte Still den Ausdruck "Philosophie der Osteopathie". Denn seine Texte umfassen nicht nur den kritischen Blick von "innerhalb" der Osteopathie auf rein klinische Überlegungen und auf die orthodoxe Medizin, sondern – und das ist entscheidend – weitaus umfangreicher auch von "außerhalb" auf sich und die Osteopathie selbst. Letztlich war es diese Fähigkeit Stills, Schicksalsschläge und intuitive Begabungen vollkommen rational zu reflektieren, die ihn über eine Katharsis zu seiner (bis heute wissenschaftlich noch nicht erarbeiteten) Osteopathie führen sollte.

Man darf gespannt sein, ob die Osteopathie in Deutschland den gleichen "Still'schen Mut" hat und durch eine möglicherweise schmerzhafte Katharsis die Osteopathie endlich zukunftsfähig machen wird. Den kommenden Osteopathie-Generationen wäre es jedenfalls zu wünschen, denn ohne die vor allem aus Stills Schriften durchaus abzuleitenden Alleinstellungmerkmale werden diese nicht nur berufspolitisch, sondern auch in ihrem therapeutischen Rollenverständnis in eine Zukunft "auf dünnem Eis" geschickt. Skeptisch, ob dies überhaupt notwendig ist? Dann werfen Sie ruhig einmal einen Blick in die angelsächsische Osteopathiegeschichte.

Damit dies nicht geschieht, widme ich mich seit nunmehr 20 Jahren mit dem JOLANDOS Verlag der Veröffentlichungen von Quelltexten der Gründerväter sowie darauf bezogener Sekundärliteratur. Nur so können Interessierte (auch Nicht-Osteopathen!) sich aus tradierten Meinungen lösen, um sich – ganz im Sinne Stills – auf systematischem Weg ein eigenes Bild von der Osteopathie zu machen.

In diesem Sinn ...

Viel Freude und Erfolg auf Ihrer osteopathischen Reise!


Ihr
Christian Hartmann


(1) The Paradoxy of Osteopathy. N. Engl. J. Med. 1999; 341 (19): 1465–8. doi:10.1056/NEJM199911043411910. [Dt. Übers.: C. Hartmann]

 

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