Aus der Satzung der ersten Osteopathieschule: Osteopathie ist Medizin!


Archiv: OT.NE.16.1
Autor: Christian Hartmann
Erstveröffentlichung: JOLANDOS-Newsletter. Editorial. Oktober 2016.
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Liebe Freunde der Osteopathie,

wieder einmal ein paar Gedanken zur Osteopathie…

1892 schrieb A.T. Still im Artikel III der Verfassung seiner Schule:

“Das Ziel dieser Einrichtung ist es, die bestehenden Systeme der Chirurgie, der Geburtshilfe und allgemeinen Behandlung zu verbessern, und sie auf eine rationalere und wissenschaftlichere Basis zu stellen, sowie die Informationen an die medizinische Profession weiterzugeben.” (1)



Der Ausdruck verbesserte (Original: improvement) zeigt, dass Still Osteopathie nicht als alternative oder komplementäre Behandlungsform zur Medizin, sondern als Erweiterung des bestehenden Denkens innerhalb der Medizin betrachtete. Aus dem Gesamtkontext seiner Texte ergibt sich in diesem Zusammenhang interessanterweise, dass neues Grundwissen und daraus resultierende Anwendungen dabei nur ein Nebenprodukt sind. Im Wesentlichen beschreibt Still ein neues therapeutisches Rollenverständnis: weg vom heilenden Helfer, hin zum interessierten Beobachter, eigenständigen Denker und pragmatischen Kunsthandwerker.
Diese Art Therapeut ist neugierig auf alle Fragen des Lebens, fähig zu staunen und jederzeit bereit seine Überzeugungen in Frage zu stellen, falls neue Erkenntnisse auftauchen. Er übernimmt nicht einfach ungeprüft ‘gelehrtes’ Wissen oder ‘gold standards’, reproduziert nicht einfach Techniken, rennt keinen ‘großen Namen’ hinterher und ist stets bemüht Grenzen, Möglichkeiten und Reichweiten jeden Tag aufs Neue zu überprüfen und zu bestimmen. Mit einem Wort: Er versteht sich als ursprünglicher Denker – als Philosoph.

Die Tatsache, dass Still im o.a. Satzungspunkt rationalere und wissenschaftlichere und nicht rational bzw. wissenschaftlich schreibt, weist zudem auf seine Überzeugung hin, dass es immer wissenschaftlich nicht fassbare Aspekte geben wird, die zum Menschen und somit auch zur Medizin/Osteopathie gehören. Zugleich drückt er aber auch aus, dass der Osteopath stets bestrebt ist, diese Phänomene nicht einfach als gegeben hinzunehmen, sondern das Erlebte mit dem Verstand rational zu ergründen, um sich in keinen Glaubenssätzen zu verlieren.
Stills philosophischer Osteopath würde in diesem Kontext beispielsweise den Craniosakralen Rhythmus (CSR) als subjektiv wahrgenommenes Naturphänomen einschätzen, für dessen gelehrte Bedeutung bis heute ein objektiver Nachweis fehlt = als Hypothese. Er würde den CSR nicht kategorisch ablehnen, nur weil dieser sich wissenschaftlich nicht fassen lässt. Zugleich würde er sich aber davor hüten, an seine Existenz zu glauben, d.h. sie für objektiv/absolut wahr zu halten. Er würde sinngemäß wohl sagen: “Der CSR könnte existieren, es könnte sich bei ihm aber genauso gut um ein massensuggestives Phänomen handeln. Wir können mit ihm als Hypothese arbeiten, sollten aber bemüht sein, ihn nicht nur zu erleben, sondern ihn auch rational zu ergründen.”

Sie sehen, die intensive Beschäftigung mit Stills Texten führt dazu weit über die gewohnten therapeutischen Alltagsthemen hinaus über Osteopathie und seine Vertreter selbst nachzudenken. Philosophie der Osteopathie im besten Sinn also.

Lust auf mehr diese Art der Philosophie der Osteopathie?

Dann ist dieser Titel genau das Richtige für Sie:

Gedanken zu A.T. Stills Philosophie der Osteopathie



In diesem Sinn …

Viel Freude und Erfolg auf Ihrer osteopathischen Reise!



Ihr
Christian Hartmann


(1) Das große Still-Kompendium, JOLANDOS Verlag, Pähl, 2005, S. I–66.

 

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