Anamnesis und Anamnese

Liebe Freundinnen und Freunde der Osteopathie!

In meinem vorletzten Newsletter habe ich Ihnen am Beispiel des Begriffs Physis gezeigt, wie wichtig es auch für den klinischen Alltag ist, sich mit der Bedeutung von Begriffen auseinanderzusetzen. Heute widme ich mich der Anamnese. Beginnen wir mit der Wikipedia-Definition:

„Die Anamnese, von altgriechisch ἀνά (aná), deutsch auf' und μνήμη (mnémē), deutsch ‚Gedächtnis, Erinnerung'), ist die professionelle Erfragung von potenziell medizinisch relevanten Informationen durch Fachpersonal (z. B. einen Arzt). […] Ziel ist dabei meist die Erfassung der Krankengeschichte eines Patienten im Rahmen einer aktuellen Erkrankung.“ [Wikipedia, abger. 04.11.19]

Hier korrigieren wir gleich einen Fehler, denn im therapeutischen Kontext leitet sich ana von aner (ᾰ̓νήρ) ab, was nicht auf, sondern Mann, Ehemann oder Mensch bedeutet. (z.B.: Anatomie = der geschnittene Mensch;  tomé bedeutet Schnitt).


Autumn_01Orthodoxe Anamnese – Zeit ist absolut!

Die zweite Silbe mnémē (μνήμη) bedeutet Gedächtnis oder Erinnerung. Sie beschreibt die Beziehung zu etwas Vergangenem bzw. Ursprünglichem. "Potenziell medizinisch relevante Informationen", die sich hierauf beziehen, werden in der orthodoxen Medizin gewöhnlich durch systematisches Erfragen von Personen, oder dem systematischen Studium von Quellen ermittelt. (Eigen- und Fremdanamnese)

Die körperliche Untersuchung gehört aus zwei Gründen nicht zur Anamnese. Zum Einen besagt die Definition, dass es bei der Anamnese um die Erfragung von Informationen geht, es gibt aber noch einen weiteren, inhaltlichen Punkt:

Aus Sicht der klassischen Physik ist die empirische Erfassung einer vergangenen Wirklichkeit unmöglich (sonst wären Zeitreisen technisch längst machbar). Die körperliche Untersuchung kann demnach ausschließlich objektive Informationen über  den gegenwärtigen Zustand des Körpers liefern. Ein Beispiel: Zwar mag die Befundung einer Narbe auf ein vergangenes Ereignis verweisen, empirisch kann der Zustand des betroffenen Gewebes vor dem traumatischen Ereignis jedoch nicht unmittelbar erfasst werden. Dies ist nur in Bezug auf den gegenwärtige Status des veränderten Gewebes (hier:  Narbe) möglich. So selbstverständlich dies auch klingen mag, durch den absoluten Gegenwartsbezug, d.h. den fehlenden Vergangenheitsbezug, fehlt der körperlichen Untersuchung die "mnestische" Komponente. Ihr Ergebnis kann somit aus Gründen der Logik kein Teil der Anamnese sein, sondern ein von ihr unabhängiger, sie ergänzender Befund.

Dies ist aus Sicht der klassischen Physik zwingend. Aber es gibt auch noch  Metaphysik... Und hierzu verlassen wir nun die Bühne der Gegenwart und begeben uns auf der Suche nach den Ursprüngen des Anamnese-Begriffs auf eine kleine Zeitreise...



Platons Anamnesis – Zeit ist relativ!

Wirl landen ca. 500 v. Chr im antiken Griechenland und stellen erstaunt fest:

"Anamnesis ist ein zentrales Konzept in Platons Erkenntnistheorie und Seelenlehre, dem zufolge alles Wissen in der unsterblichen Seele immer schon vorhanden ist, aber bei der Geburt vergessen wird. Der menschliche Intellekt erschafft kein neues Wissen, sondern erinnert sich nur an Vergessenes. Somit beruht jede Erkenntnis auf Erinnerung. Das Wissen steht der Seele zwar immer potentiell zur Verfügung, sie hat aber für gewöhnlich keinen Zugriff darauf. Ein Zugang entsteht, wenn das vergessene Wissen durch äußere Anstöße wieder in das Bewusstsein zurückgerufen wird. Durch die Anstöße, die ein Lehrer gezielt gibt, erinnert sich die Seele des Lernenden an etwas, das ihr eigentlich bereits vertraut ist.“ [Wikipedia, abger. 04.11.19]

Lesen Sie sich diese Definition nochmals in Ruhe durch!

In Platons Anamnesis-Konzept stehen Vergangenheit und Gegenwart im Moment des Sich-Erinnerns bzw. Wiedererkennens durchaus in einem sehr lebendigen, ja geradezu entscheidenden Kontakt (Heureka!). Wäre es möglich, dieses Anamnesis-Konzept prinzipiell in die therapeutische Welt zu implementieren? Lassen Sie es mich versuchen. Hier die o.a. Definition im Geiste der ursprünglichen Philosophie der Osteopathie A.T. Stills umformuliert:


Osteopathische Anamnese

Autumn_02"Gesundheit finden" ist ein zentrales Konzept in A.T. Stills Philosophie der Osteopathie. Dem zufolge ist die Gesundheit im lebendigen Organismus von Geburt an vorhanden, aber durch anormale Rahmenbedingungen in Vergessenheit geraten. Dies führt zu Symptomen, aus denen Leiden (pathos) entsteht. Der intelligente Organismus selbst erschafft keine neue Gesundheit, sondern erinnert sich nur an vergessene Gesundheit. Somit beruht jeder Genesungsprozess auf Erinnerung. Gesundheit steht dem Organismus zwar immer potentiell zur Verfügung, er hat aber in pathologischen Zuständen für gewöhnlich keinen Zugriff darauf. Ein Zugang entsteht, wenn die Gesundheit durch therapeutische Impulse auf körperlicher und kognitiver Ebene wieder in das Bewusstsein des Organismus zurückgerufen wird. Durch die Anstöße, die ein Therapeut gezielt gibt, erinnert sich der Organismus des Patienten an jene Gesundheit, das ihm eigentlich bereits vertraut ist. Die anschließende Genesung entspricht dem Verschmelzungsprozess mit dem Erinnerungsprozess der Organismus, welcher von seinen autonomen und inherenten, d.h. physiologischen Prozessen  möglich gemacht wird.

Verblüffend, wie sich Stills Philosophie der Osteopathie und Platos Philosophie der Anamnesis prinzipiell entsprechen, nicht wahr?

Kehren wir nun aber wieder zurück in die Gegenwart, diesen Newsletter und den Anamnese-Begriff...


Reflexionen zum Schluss

In der Osteopathie gibt es bei der Palpation neben der quantitativen Wahrnehmungsebene (warm, kalt, hart, weich etc.) auch eine qualitative Wahrnehmungsebene (sulzig, fröhlich, verschlossen, lebendig, Motilität etc.). Nennen wir diese Wahrnehmungsebene spüren.

Informationen einer vergangenen Lebenswirklichkeit sind metaphysische, d.h. qualitative Informationen. Demnach ist der Mensch theoretisch in der Lage, Vergangenes – z.B. verborgene Gesundheit – zu erspüren (= "Gesundheit finden"?). Da sich in diesem Moment die gegenwärtige Wahrnehmung auf etwas Vergangenes bezieht, erfolgt tatsächlich eine echte körperliche Anamnese.

Gut ausgebildete Osteopathinnen und Osteopathen mit entsprechend geschulter qualitativer Palpation sind daher nicht nur in der Lage eine Eigen- bzw. Fremdanamnese durchzuführen und den Körper zu befunden. Sie besitzen darüber hinaus die Möglichkeit eine umfassende körperliche Anamnese durchzuführen.

Könnte die körperliche Anamnese letztlich vielleicht ein Alleinstellungsmerkmal der Osteopathie sein? 

Nur mal so angedacht...

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Nach diesem spannenden Ausflug in metaphysische Höhen, nun aber zurück zum nicht weniger spannenden Programm des JOLANDOS Verlags. (Die nachfolgenden Infos entsprechen weitestgehend dem vorigen Newsletter, da alles nach wie vor brandaktuell ist.)

Viel Vergnügen beim Schmökern...

Ihr 

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Christian Hartmann

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