Philosophie – was kann sie für die Osteopathie bedeuten?


Archiv: OT.GB.19.1
Autor: Dr. phil. Martin Ingenfeld
Erstveröffentlichung: osteopathisch 2017; 1: 105–107 105
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Zusammenfassung

Die Osteopathie steht seit ihrer Entstehung in einem engen Zusammenhang zu einer an der Philosophie orientierten kritischen Selbstreflexion wie auch zum medizinischen und wissenschaftlichen Erkenntnisstand ihrer Zeit. Die andauernde Vertrauenskrise des Gesundheitswesens, aber auch der dramatische Erkenntnisfortschritt in der naturwissenschaftlich fundierten Medizin sollten Anlass sein, diese Auseinandersetzungen selbstbewusst fortzuführen – ohne die eigenen Wurzeln zu verleugnen, aber auch ohne unüberlegte Abgrenzungen.

Durch den Fortschritt emanzipierten sich immer mehr Fächer von der Philosophie. Littlejohn wollte wissenschaftliche Standards etablieren. Durch die Vertrauenskrise der Medizin besteht Anlass, sich wieder stärker auf philosophische Fragestellungen einzulassen.


Philosophie – was kann sie für die Osteopathie bedeuten?

J.M. Littlejohns großes Anliegen war es, A.T. Stills Osteopathie auf der Höhe der Wissenschaften seiner Zeit zu verorten. Bei Still stand dagegen eher der Begriff der Philosophie im Mittelpunkt: Philosophy of Osteopathy (1899) und The Philosophy and Mechanical Principles of Osteopathy (1902) nannte er zwei seiner Bücher [10]. Das ist aber kein grundsätzlicher Widerspruch, sondern eher eine andere Akzentsetzung. Denn was Philosophie eigentlich genau ist, wie und mit welchem Ziel man sie betreiben sollte – diese Fragen sind so alt wie die Philosophie selbst. Dasselbe gilt für das aktuell wieder intensiv diskutierte Verhältnis von Philosophie und (Natur-)Wissenschaft.

Wie steht es aber um die Osteopathie und um die Heilkunde allgemein? Welche Rolle kann die Philosophie dort spielen? Diese Fragen richten sich natürlich auch an die Osteopathen selbst. Jeder kann sie sich selbst stellen und eigene Antworten darauf finden. Der Blick zurück ist dabei aber sehr aufschlussreich: Wie auch immer der philosophische Aspekt bei Still genau zu verstehen ist – es zeigt sich jedenfalls, dass seine Überlegungen zur Osteopathie stets eng verbunden waren mit Überlegungen zum Wesen von Gesundheit bzw. Krankheit im Organismus und zur eigenen Rolle als Behandler. Still war dabei stets bereit zur Selbstkritik (4).

Osteopathie und Medizin im 19. Jahrhundert

Die Anfänge der Osteopathie liegen im Mittleren Westen der USA (2), (5). Dem freiheitsliebenden Geist der Frontier-Epoche entsprechend waren dort die Ausbildung in der Medizin und auch deren Ausübung im 19. Jahrhundert kaum reguliert. Auch Still erlernte seinen Beruf wie ein Lehrling bei seinem Vater, der als Wanderprediger quasi nebenberuflich Arzt war. Das Ausbildungs- und das wissenschaftliche Niveau in der

Medizin waren eher niedrig. Während des Bürgerkriegs (1861–1865) starben mehr Soldaten an Infektionen und mangelnder Hygiene als infolge der Kampfhandlungen. Andererseits war es so einfacher, neue Ansätze zu entwickeln und zu etablieren (6).

Von Europa her setzte sich in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts ein modernes Verständnis der Medizin durch. Zelltheorie und Mikrobiologie führten endgültig zum Bruch mit der seit der Antike vorherrschenden Humoralpathologie, die Gesundheit und Krankheit mithilfe der vier Körpersäfte Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle zu erklären suchte. Dieses Paradigma blieb zwar schon zuvor nicht unwidersprochen, aber mit der sog. Heroic Medicine trieb es in der Frontier- Epoche noch einmal besondere Blüten: Exzessive Aderlässe, hochgiftige Abführ- und Brechmittel waren übliche, immer wieder angewandte Mittel. Dass die reguläre Medizin sich auf derart drastische Maßnahmen verließ – mit ihren Nebenwirkungen und fragwürdigen Heilungserfolgen –, ließ Raum für alternative Ansätze. Erst um 1900 – zu dieser Zeit hatte sich der neue Ansatz an den Universitäten längst durchgesetzt – begann die formale akademische Regulierung der medizinischen Ausbildung. Dies war allerdings nicht nur eine Folge von Veränderungen innerhalb der Medizin selbst.

Noch um 1810 hatte z. B. die Humboldtsche Bildungsreform in Preußen die traditionelle Einordnung der Naturwissenschaften in den Bereich der Philosophie bestätigt. Frei von politischen und wirtschaftlichen Interessen sollten die Universitäten als Orte der Forschung und Lehre einer ganzheitlichen Bildung des Menschen zum mündigen Individuum dienen. Der beträchtliche Fortschritt in Physik, Chemie und Biologie aber trug dazu bei, dass sich die einzelnen Fächer immer mehr von der Philosophie emanzipierten.

Und der große Erfolg gab ihnen Recht: Die einzelnen Naturwissenschaften begründeten sich als eigenständige Disziplinen, gestützt auf Mathematik, Beobachtung und Experiment sowie den Erkenntnisfortschritt durch Hypothesenbildung und Falsifikation (1).

Dies ging nicht spurlos an der Medizin vorüber. Sie profitierte von neuen Erkenntnissen und technischen Entwicklungen, z. B. der Entdeckung der Röntgenstrahlung 1895, und sie gewann dank der naturwissenschaftlichen Methodik eine neue theoretische Grundlage. Das schlug sich dann auch in der Medizinerausbildung in den USA nieder. Und hier kommt im Bereich der Osteopathie vor allem Littlejohn ins Spiel. Mit seiner europäischen universitären Ausbildung war er von Beginn an bestrebt, allerhöchste wissenschaftliche Standards in der Osteopathie zu etablieren und zu verbreiten, was auch durch die Herausgeberschaft des Journal of the Science of Osteopathy (1900–1903) belegt ist (3), (8).

Osteopathie und Naturwissenschaften heute

Der Führungsanspruch der Naturwissenschaften ist bis heute ungebrochen. Zwar wird dieser Anspruch immer wieder in Zweifel gezogen, wenn man sich etwa vor Augen führt, dass die Naturwissenschaften mitnichten automatisch dem Wohle der Menschheit dienen. Gerade in der Medizin stellen sich wichtige ethische, also philosophische, Fragen. Trotz der unbestrittenen Fortschritte durch die Wissenschaft scheint das Vertrauen vieler Menschen in die wissenschaftliche Medizin unserer Zeit erschüttert. Das sich daraus ergebende Unbehagen begünstigt die Positionen der Alternativ- und der Komplementärmedizin.

Allerdings stehen auch sie, wie inzwischen sämtliche Zweige des Gesundheitswesens, unter dem Generalverdacht einer primär wirtschaftlichen Ausrichtung (7). Wenn es also trotz aller Erfolge so etwas wie eine Vertrauenskrise der Medizin gibt, besteht Anlass, sich wieder stärker auf eigentlich philosophische Fragestellungen einzulassen und sich ihrem kritischen Potential auszusetzen. Für die Osteopathie schließt sich hier der Kreis zu ihren Ursprüngen, denn bei Still stand der philosophierende Mensch mit seinen Fragen im Zentrum der Osteopathie: Was ist Leben? Was ist der Zweck unserer Arbeit? Was soll damit erreicht werden? Was ist Osteopathie? Welche Rolle spielt der Patient? Welche die objektive Nachweisbarkeit der Therapie? Welche Möglichkeiten ergeben sich daraus? Welche Grenzen sind damit prinzipiell gesetzt? Was bedeutet Osteopathie für den Menschen? Für Therapeuten, die sich auf die Osteopathie als Heilkunde berufen, müssten demnach vergleichbare Fragen naheliegen.

Ein Beispiel: Das Anliegen, eine Behandlung möglichst auf den Nachweis ihrer empirischen Wirksamkeit und den aktuellen Stand wissenschaftlicher Erkenntnis zu stützen, sollte im Sinne des Patienten eine Selbstverständlichkeit sein. Evidence-based bedeutet dabei, Diagnostik und Therapie auf eine prinzipiell verallgemeinerbare und begründbare Grundlage zu stellen. Aber der nachweisorientierte Ansatz stößt gerade aufgrund seiner Orientierung an Allgemeingültigkeit auch an Grenzen, dort nämlich, wo es um den Einzelnen geht: Was für die meisten gilt, gilt eben nicht für alle. Und was bedeutet ein – wie auch immer objektiv nachweisbarer – Behandlungserfolg subjektiv für Patienten und Behandler? Wenn man evidence-based als Kernkriterium nimmt: Kann der individuelle Mensch überhaupt noch angemessen berücksichtigt werden? Eine „moderne“ Osteopathie wird erst dann authentisch, entwicklungsfähig und zukunftsorientiert sein, wenn sie diese philosophische Auseinandersetzung mit sich selbst nicht scheut.

Der nachweisorientierte Ansatz stößt aufgrund seiner Orientierung an Allgemeingültigkeit an Grenzen, wo es um den Einzelnen geht.


Literatur

(1) Chalmers AF. Wege der Wissenschaft: Einführung in die Wissenschaftstheorie. Berlin u.a.: Springer; 2006
(2) Gevitz N. The DOs. Osteopathic Medicine in America. Baltimore: Johns Hopkins University Press; 2004
(3) Hartmann C. John Martin Littlejohn: Osteopathie als angewandte Wissenschaft. In: osteopathisch 2017; 2: 12–17
(4) Hartmann C. Stills Philosophie der Osteopathie – ein neuer Blickwinkel. In: Mayer J, Standen C, Hrsg. Lehrbuch Osteopathische Medizin. München: Urban & Fischer/Elsevier; 2017: 29–41
(5) Mayer J, Standen C, Hrsg. Geschichte und Philosophie der Osteopathie. In: Lehrbuch Osteopathische Medizin. München: Urban & Fischer/ Elsevier; 2017: 3–66
(6) Ingenfeld, M. Wissenschaftliche, kulturelle und politische Zusammenhänge im 19. Jahrhundert. In: Mayer J, Standen C, Hrsg. Lehrbuch Osteopathische Medizin. München: Urban & Fischer/ Elsevier; 2017: 7–18
(7) Jütte R. Geschichte der alternativen Medizin. Von der Volksmedizin zu den unkonventionellen Therapien von heute. München: C.H.Beck; 1996

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