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„Leave it alone“ – und dann?


Archiv: OT.GB.18.1
Autorin: Jane Stark
Erstveröffentlichung: DO – Osteopathische Medizin 2017; 2: 18–22.
Übersetzung: Renate Schilling
Richtig zitieren?


Begleitartikel von Christian Hartmann: “Find it” – Paradigmenwechsel in der Diagnostik

Zusammenfassung

Finde die Läsion, passe sie an und überlasse den Rest der Physiologie des Körpers – so könnte man den bekannten, Andrew Taylor Still zugeschriebenen Leitspruch „Find it, fix it and leave it alone“ der Osteopathie ins Deutsche übersetzen. Doch stammt diese Aussage tatsächlich von Still, und wie zeitgemäß ist sie? Moderne Interpretationen zeigen: Im Zentrum von Stills Aussage standen das physiologische System des Menschen und die Selbstorganisationskräfte der Natur.


Zwar wird Andrew Taylor Still häufig die bekannte Aussage „Find it, fix it, and leave it alone“ im Sinne von „finde die Läsion, passe sie individuell an und überlasse sie dem Organismus“ zugeschrieben, doch findet sich diese nirgendwo in seinen publizierten Schriften. Unabhängig davon ist bis heute eine Postkarte mit einer unvorteilhaften Karikatur in Umlauf, die dieses Zitat Still zuschreibt (2).

Still hat aber vermutlich durchaus Aussagen im Sinne von „Find it, fix it, and leave it alone” gemacht, denn alte Osteopathen, die an der American School of Osteopathy (ASO) noch direkt von Still unterrichtet wurden, haben ähnliche, wenn auch nicht ganz identische Aussagen zitiert. Aber auch viele, die nicht direkt von Still unterrichtet wurden, schreiben ihm weiterhin fälschlicherweise genau diese Aussage zu. Dies erfolgt, obgleich es nicht der üblichen akademischen Praxis entspricht und damit Stills Botschaft nicht exakt wiedergegeben wird. Dass diese Aussage nicht in Stills Schriften erscheint, bedeutet allerdings nicht, dass er dieses Zitat nicht während Vorlesungen oder Krankenvisiten verwendet hätte. Osteopathen, die in den späten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts unmittelbar von Still gelernt haben, wären vermutlich am ehesten in der Lage, seine Aussagen zu zitieren. Einer von ihnen war H.H. Gravett, der seine Ausbildung an der ASO 1897 abschloss (1). Er nahm 1896 an Stills Vorlesungen teil und zitiert ihn folgendermaßen: „Es ist wichtig, die Läsion zu finden; genauso wichtig ist es aber auch, zu wissen, wann man sie gelöst hat, und sie dann in Ruhe zu lassen. Die Natur kümmert sich um den Rest.“ (3)

Natürlich lässt sich die Authentizität dieses Zitats ebenfalls anzweifeln, denn Gravett publizierte es erst 50 Jahre später. Dennoch erlaubt ein Vergleich seiner Aussage mit dem Gesamtwerk Stills die Annahme, dass Still eine osteopathische Untersuchung und Behandlung als etwas betrachtet hat, was über reine Technik hinausgeht.

Die konkreten manuellen Techniken sind natürlich von Bedeutung, doch nur in Verbindung mit intensivem Studium und langjähriger Erfahrung kommen sie voll zum Tragen, und dies auch nur, wenn sie von einer gewissen Demut begleitet sind. All diese Faktoren sind nötig, um einen Menschen bei der Heilung einer Verletzung oder Krankheit zu begleiten. „Finding it“ setzt für Still eine grundlegende Vertrautheit mit dem „normalen“ im Gegensatz zum „anormalen“ Zustand voraus, wie es auch folgende Aussage belegt: „Wenn Du den Unterschied zwischen der normalen und der anormalen Struktur kennst, hast Du die alles absorbierende erste Frage verstanden…“, und: „Deswegen ist es viel besser, Auge und Hand an das Normale zu gewöhnen, bevor Du das Anormale intelligent angehen kannst.“ (4)

„Fixing it“ bedeutet, den anormalen Zustand wieder in den normalen zurückzuführen [4]. Und „leave it alone“ erfordert ein Vertrauen darauf, dass die durchgeführte Behandlung richtig und wirksam ist. Dies verdeutlicht auch das folgende Zitat: „[…] wenn die Arbeit an der Läsion beendet ist, lass sie ruhen.“ [4]. Die damit vor allem beabsichtigte Botschaft bezieht sich auf das innere Wissen darum, dass die Wahl der Behandlungsform korrekt war, dass die Behandlung stimmig ausgeführt wurde und dass die Physiologie des Patienten in den Prozess mit einbezogen wurde. Die Aussage des Osteopathen E.E. Tucker, der 1903 seinen Abschluss an der ASO machte und ein enger Vertrauter A.T. Stills war, liefert uns eine noch umfassendere Deutung von dessen Botschaft: „Der Osteopath kann niemanden […] Es ist nicht er, der für die Heilung verantwortlich ist […] es ist die Natur, die die Heilung übernimmt. Der Osteopath gibt der Natur einfach nur die Möglichkeit zur Heilung zurück, die ihr mit dem Einsetzen der Krankheit genommen wurde.“ (5)

Tuckers Hinweis darauf, dass die Möglichkeit zur Heilung zurückgegeben wird, spiegelt die folgende Interpretation wider, die sich im 20. Jahrhundert in der Osteopathie durchgesetzt hat: Zunächst geht es darum, die Dysfunktion kompetent zu identifizieren, danach erfordert es Geschick, die Dysfunktion anzupassen, wobei man auf die Korrektheit von Identifizierung und Ausführung vertraut. Doch es ist letztlich das physiologische System des Patienten, das im Einklang mit den Gesetzen der Natur den Heilungsprozess bestmöglich fördert und abschließt. Aus dem Gesagten wird also deutlich, dass die Postkarte aus dem Jahr 1912 nicht nur eine unvorteilhafte Darstellung Stills wiedergibt, sondern ihm auch eine Aussage zuschreibt, die nicht ganz zutreffend ist. Wäre es heute, nach 105 Jahren, nicht an der Zeit, diese veraltete Karte aus dem Verkehr zu ziehen und sie durch eine vorteilhaftere Darstellung mit einer korrekten Aussage zu ersetzen?

Still hat eine osteopathische Behandlung als etwas betrachtet, was über reine Technik hinausgeht. Es ist letztlich das physiologische System des Patienten, das den Heilungsprozess bestmöglich fördert und abschließt.


Literatur

(1) Gracey C, Loguda-Summers D. American School of Osteopathy Alumni. 1894–1924, revised 2003. Kirksville, Missouri: Kirksville College of Osteopathic Medicine; 1999.
(2) Artist unknown. Andrew Taylor Still Caricature Postcard Find It, Fix It, and Leave It Alone, 1912. Kirksville, MO: Museum of Osteopathic Medicine, 1975.67.02.01; 1912.
(3) Gravett H. Echoes from Dr. Still’s Lectures to the Class of Ninety Six. In: Academy of Applied Osteopathy, ed. Academy of Applied Osteopathy Year Book 1948: The Academy of Applied Osteopathy affiliated with the American Osteopathic Association; 1948: 48–51.
(4) Still, AT. Das große Still-Kompendium. JOLANDOS Verlag, Pähl, 2005, S. I–89.
(5) Tucker EE. Osteopathic Campaign. Journal of Osteopathy. 1901; December: 413–417, S.414. Dt. Übersetzung: Renate Schilling.

 


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