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Die philosophische Auferstehung der Medizin

 


Archiv: BL.OT.GB.17.1
Autor: Peter Striebel
Erstveröffentlichung: Dieser Beitrag
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Im 19. und 20. Jahrhundert sind weite Bereiche der Biologie und Medizin durch die Ausdifferenzierung und technische Industrialisierung der physikalisch-chemischen Forschungsmöglichkeiten dem Wissen erschlossen und der unmittelbaren Anwendung übergeben worden. Dies ging einher mit einer Entphilosophierung der medizinischen Ausbildung an den Universitäten. Die Fragen eines Studium generale, die Auseinandersetzung mit den Geisteswissenschaften wurde in der medizinischen Ausbildung durch die Wucht und Menge der gelieferten Ergebnisse zur Randerscheinung. Die akademische Reflexion wurde zunehmend durch die technisierte Wissensproduktion ersetzt und die akademischen Grade großteils einem bildsamen Austausch entrissen und mathematisch standardisiert.

Dies führte zu einem kulturell und biologisch fragwürdigen, notfallmedizinischen Verhalten bei der ärztlichen Begleitung im Alltag. Die Anwendung von Überlebenshilfen der Akutmedizin wurde als zufriedenstellende Dauerlösung im Alltag akzeptiert und als Standard in die hausärztliche Grundversorgung bagatellisiert sowie politisch-pekuniär missbraucht. Die Anwendung militärischer Begrifflichkeit zur Beschreibung phänomenologischer Sachverhalte bestimmte häufig den ärztlichen Grundton und ein unreflektiertes Verordnungsverhalten im standardisierten Reglement (Anm. d. Hrsg.: z.B. "Den Husten bekämpfen", "Den Krebs besiegen", etc.). Interesse und zwischenmenschliche Begegnung wurden dem Doppel-Blind-Versuch geopfert und die Versklavung der biologischen Entwicklungspotenz von Lebewesen vorangetrieben. Macht wurde Motto.

Ebenso bediente sich eine philosophisch hilflose Pädagogik häufig der neurobiologischen Manipulation als konzeptionelles Instrument. Menschliche Werte und Würde wurden unter einem naturwissenschaftlichen Vorwand verhaftet und im Kontext eines theoretisch-konstruktiven Materialismus ethisiert. Der Mensch war in seiner naturwissenschaftlichen Technik eingeschlafen. Nur Krieg, Naturkatastrophen und Seuchen schienen ihn noch zu gefährden.

Doch unter dieser Oberfläche lauert sie selbst, die NATUR. Sie drängt gleich einer Pflanze durch die geteerten und zubetonierten Bereiche der Kultur. Ihre philosophische Kraft erwacht aus dem Taumel der Narkose und wach-lebendig steht sie auf. Sie tönt in das individuelle Menschsein, ruft nach Eigenständigkeit im Denken, nach Menschen, die bereit sind, für ihre Kultur einzutreten.

Ich bescheinige der Notfallmedizin ihren tatsächlichen Wert und möchte sie vor dem gedankenlosen Alltagsroutinier beschützen. Ich werde helfen, das militärische Gedankengut der Medizin zugunsten biologisch-phänomenologischer Begriffe umzugestalten. Ich werde bemüht sein, das wachsende Menschsein vor überflüssigen Handlungen zu schützen, damit es sich entwickeln kann. Ich werde versuchen, zu helfen, wo der Mensch bei seinem Weg in Auseinandersetzung mit der Natur der menschlichen Gemeinschaft bedarf.


© Peter Striebel, 2017 


 

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