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Wie kam Allopathie in die Osteopathie?


Archiv-Nr.: OT.FA.03.1
Autor: Christian Hartmann
Erstveröffentlichung: DO – Deutsche Zeitschrift für Osteopathie 2003; 2: 33.
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1_Still
Abb 1: Andrew Taylor Still


Andrew Taylor Still (1828–1917), der seine ersten medizinischen Erfahrungen – weitab etablierter Fakultäten – mitten im Wilden Westen Amerikas machte, wuchs in einem medizinischen Span­nungsfeld auf. Einerseits prägten Ader­lässe, zahlreiche unnötige Operationen, das Verabreichen giftiger Emetika, Whiskey und Morphium durch mangel­haft ausgebildete Ärzte das Erschei­nungsbild der „heroischen“ Medizin (1), andererseits gewannen durch den zunehmenden Medizinverdruss alterna­tive Heilmethoden wie Homöopathie und Knocheneinrenken, aber auch spirituelle Strömungen enorm an Einfluss. (2) Seine Erfahrungen als Wundarzt im Bürgerkrieg und der tragische Tod drei seiner Kinder im Februar 1864 führten schließlich zum verbitterten Bruch mit großen Teilen der bis dahin von ihm selbst ausgeübten ärztlichen Praktiken. (3)

Getrieben von der Suche nach einer besseren Art der Medizin, entwickelte Still in den Folgejahren sein osteopathi­sches Konzept, das sich langsam durchzusetzen begann und 1892 schließlich zur Gründung der American School of Osteopathy (ASO) in Kirksville, Missouri führte. Artikel IV der ersten Schulsatzung lautete u. a.:

“Das Anliegen dieser Einrichtung ist es, ein College für Osteopathie einzurich­ten, dessen Ziel es ist, die bestehenden Systeme der Chirurgie, der Geburtshilfe und allgemeinen Behandlung von Krankheiten zu verbessern…” (4)



Still betrachtete die Osteopathie also nicht als Alternative zur, sondern als Verbesserung der bestehenden Medizin. So verwundert es nicht, dass das Curriculum der ASO bereits 1898 weitestgehend dem Lehrplan gängiger medizinischer Fakultäten entsprach und Fächer wie Chemie und Chirurgie mit einschloss. Anatomie wurde ausführlicher gelehrt und es wurde zusätzlich osteopathische Praxis und Philosophie unterrichtet. Pharmakologie im Rahmen der klassischen Materia medica fehlte jedoch gänzlich. (5)

 

2_Labor
Abb. 2: Biochemisches Labor der ASO, ca. 1910

Im Zuge einer explosionsartigen Zunahme osteopathischer Ausbildungs­stätten und aufgrund des mangelnden Nachschubs an solide ausgebildeten DOs (diplomas of osteopathy = Osteo­pathen) als Lehrkräften, nahm zwangs­läufig die Zahl jener Lehrer zu, die ursprünglich MDs (medical doctors = Ärzte) waren und nun im Schnellverfah­ren einen DO verliehen bekamen. Der Boden für Spannungen bezüglich der Curricula war bereitet und rasch spalteten sich die Lager.



3_Surgery
Abb 3: Dr. George Still leitet eine OP an der ASO, ca. 1915

Eine Fraktion bildeten die sog. „lesion osteopaths“, Anhänger Stills und zumeist „reine“ DOs. Sie lehnten flankierende Maßnahmen wie z.B. Impfungen ab, da eine Verbindung osteopathischer Philosophie mit anderen medizinischen Philosophien ihrer Meinung zufolge unmöglich war. (6)

Ihnen standen die „broadists“, zumeist MD-DOs., gegenüber. Ihrer Ansicht nach stellte das Ausklammern sämtlicher Fortschritte der Medizin eine kurzsichtige Betrachtungsweise dar, da sie nicht nur die freie Entscheidung der Osteopathen, sondern auch die Versor­gungsqualität der Patienten entschei­dend beeinträchtigte. (7)

Nachdem der Streit um begleitende Maßnahmen wie Hydro- oder Elektro­therapie rasch zugunsten der Broadists entschieden worden war, entbrannte um die Integration der Pharmakologie ein unerbittlicher Kampf. Eine Schlüsselfunk­tion kam hierbei der American Osteo­pathic Association (AOA) als offiziellem Ansprechpartner der Behörden zu. Da ihre Führung überwiegend aus „lesionists“ bestand, wurde eine Aufnahme der Pharmakologie in die empfohlenen Lehrpläne abgelehnt. Ausgenommen hiervon waren lediglich Anästhetika, Antiseptika und Gegen­gifte. Der Streit eskalierte, als zwischen 1906 und 1913 einige Colleges – darun­ter auch das einflussreiche Chicago College unter Leitung von J.M. Littlejohn – durch die Verankerung einer selbstverfassten „osteopathischen Materia medica“ eine Kraftprobe mit der AOA provozierten. (8) Die AOA reagierte prompt und drohte ihrerseits mit Sankti­onen. (9) Auch wenn Letztere nachgeben mussten, wurde das Thema nun öffent­lich diskutiert und der Druck auf die AOA wuchs. (10)

4_Littlejohn
Abb. 4: J. M. Littlejohn (1865–1947)

Still versuchte 1915 auf einer AOA-Versammlung in Portland vergeblich, das Blatt noch einmal zu wenden (11). Auch die im Vergleich zur herkömmlichen Medizin großen Erfolge der „klassischen“ Osteopathie während der Spanischen Grippe 1918/19 konnten den Prozess nur vorübergehend verzögern. (12) 1924 versuchte das College in Chicago erneut eine eigene Materia medica vorzustellen. Wieder wurde diese von der AOA abgeschmettert und erneut folgten massive Proteste, diesmal seitens der Studenten. (13) Da der Einfluss der Lesionists nach dem Tod Stills rapide abgenommen hatte, musste die AOA dem Druck schließlich nachgeben. 1929 wurde das Unterrichtsfach „supplemen­tary therapeutics“ offiziell eingeführt. (14) Damit war die vollständige Integration der Allopathie in die Osteopathie vollzogen.

 


Literatur

(1) Bonner, T.: The Kansas Doctor. University of Kansas Press, Lawrence, 1959.
(2) Gevitz, N.: The DOs. Osteopathic medicine in America. The John Hopkins University Press: Baltimore, Maryland, 1991.
(3) Trowbridge, C.: Andrew Taylor Still, 1828–1917. JOLANDOS Verlag, Pähl, 2002.
(4) Still, A.T.: Das große Still-Kompendium. JOLANDOS Verlag, Pähl, 2002.
(5) Walter, G.W.: Osteopathic Medicine. Past and Present. Kirksville College of Osteopathic Medicine, Kirksville, 1993, pp. 23.
(6) Minutes of the Board of Trustees of the American School of Osteopathy, in: AOA (ed.), American Osteopathic Association archives, Chicago, 1892.
(7) Comstock, E.S.: The Littlejohns College Idea. JAOA 11:675–76, 1911.
(8) Gevitz, N.: The DOs. Osteopathic Medicine in America. The John Hopkins University Press, Baltimore, Maryland, 1991.
(9) Report of the Committee on Education, JAOA 15:398–404; 1913.
(10) Bunting, H.S.: What is Materia Medica Anyway? How far are we against it? O.P., 28:13; 1915.
(11) Booth, E.E.: History of Osteopathy and Twentieth Century Medical Practise. The Caxton Press, Cincinnati, 1924, p, 442.
(12) Osteopathy’s Epidemic record, O.P., The Caxton Press, Cincinnati, 1919, 36:1.
(13) Comstock, E.S.: A Professional Problem. JAOA 23:524, 1924.
(14) Proceeding of the House of Delegates, Forum of Ost. 3; 1929.

 


Bilder mit freundlicher Genehmigung des Museum of Osteopathic Medicine, Kirksville.

Der Text ersetzt keine therapeutische Konsultation. Der Autor des Artikels ist für keinen Schaden verantwortlich, der aus der Anwendung von Informationen aus diesem Artikel entstehen sollte.

© Christian Hartmann, 2017


 

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