W.G. Sutherlands Kernparadigmen – eine historische Reise


Archiv: OT.FA.17.1
Autor: Christian Hartmann
Erstveröffentlichung: Dieser Blog-Beitrag. (upload: 09.08.2017)
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Zusammenfassung

Die Kraniale oder Kraniosakrale Osteopathie nach William Garner Sutherland (1873–1954) enthält einige Kernparadigmen, die in der Osteopathie-Szene als originäre Gedanken Sutherlands gelten. Im vorliegenden Artikel soll gezeigt werden, dass hier bereits theoretische Erkenntnisse vorlagen, auf die Sutherland direkt oder indirekt Zugriff haben konnte und auch hatte. Dabei handelt es sich um anatomische, anatomisch-physiologische und auch metaphysische Aspekte, die Sutherlands Entwicklung der Kranialen Osteopathie maßgeblich beeinflussten.

„Abgeschrägt wie die Kiemen eines Fisches!“

Sutherland war ein großer Verehrer von A.T. Still (1828–1917), dem Entdecker der Osteopathie. In einem Kapitel in Einige Gedanken stellt er Stills Gedanken ins Zentrum seiner Überlegungen und versucht diese durch Zwischen-den-Zeilen-Lesen zu deuten. So inspiriert, hat Sutherland 1899, noch während seiner Ausbildung an Stills American School of Osteopathy, bei der Betrachtung eines disartikulierten Schädels eine Eingebung:

„Mir kam damals folgender Gedanke: Abgeschrägt wie die Kiemen eines Fischs und auf einen beweglichen Gelenkmechanismus im Dienste einer Atmung hindeutend. […] Wenn man weiter auf diesem osteopathischen Wege denkt, wird die Aufmerksamkeit auf eine weitere Goldader gelenkt: nämlich Dr. Stills Hinweis auf die ‚Bewässerung der verdorrenden Felder’ des Körpersystems durch die „Wasser des Gehirns.“ (Sutherland 2008, S. II–191)



Der Inhalt des gesamten Kapitels zeigt sehr gut, wie Sutherland aus Stills Gedanken die Kernparadigmen seines kranialen und später kraniosakralen Ansatzes entwickelt (Sutherland 2008, S. I–190–198.)

  • Eigenmotilität von Gehirn und Rückenmark;

  • Fluktuation der zerebrospinalen Flüssigkeit;

  • Mobilität der intrakranialen und intraspinalen Membranen;

  • artikuläre Mobilität der Schädelknochen;

  • unwillkürliche Bewegung des Sakrums zwischen den Ossa;

  • Dura mater als reziproke Spannungsmembran (Sutherland 2008. Fuller 2013, S.287.)



Besagte „Eigenmotilität“ ist durch rhythmische Aktivität gekennzeichnet, die Sutherland später „Atem des Lebens“ nennt. Dieser drückt sich im Körper in unterschiedlichsten Bewegungsformen auf anatomischer, physiologischer, aber auch metaphysischer Ebene aus und ist für die Heilung verantwortlich. Liest man nur dieses Kapitel, entsteht der Eindruck, Sutherland habe diese Paradigmen originär erdacht. Dies ist jedoch ein Irrtum.

Emanuel Swedenborg

Eine Textstelle aus seinen Schriften gibt uns einen Hinweis:

„Wenn Sie zum Mechaniker für den kranialen Mechanismus werden, indem Sie Schädel-Dysfunktionen korrigieren, dann werden Sie auch zum Apotheker. Dieser Gedanke lässt sich beliebig fortführen. Es ist kein neuer Gedanke. Swedenborg erklärte bereits vor 200 Jahren, dass sich das Gehirn bewegt. Haben wir etwas ganz Neues zu bieten? Nein.“ (Sutherland 2008, S. II–150)



Der amerikanische Osteopath und Mitglied der Neuen Kirche (eine Nachfolgebewegung der sogenannten Swedenborgianer) David Fuller, D.O., F.A.A.O. nahm dies zum Anlass, einen intensiven Textvergleich zwischen den Schriften von Still, Sutherland und den anatomisch-physiologischen Abhandlungen des schwedischen Universalgelehrten und Mystikers Emanuel Swedenborg (1688–1772) vorzunehmen. 2013 verröffentlichte er nach langjähriger Arbeit Osteopathie und Swedenborg, ein Buch, das Sutherlands Randbemerkung nicht nur deutlich belegt, sondern auch umfassende historische Zusammenhänge erhellt.

In den späten 1930ern begegnete Sutherland dem Zweitübersetzer von Swedenborgs anatomisch-physiologischen Arbeiten, Alfred Acton (1867–1956). Bis dahin war Sutherlands kraniale Forschung ausschließlich biomechanisch orientiert. Nun übernahm er nicht nur die wesentlich tiefer in die Gesamtphysiologie des menschlichen Körpers reichende Sichtweise Swedenborgs, sondern er folgte ihm auch in dessen lebenslangem Bemühen, eine anatomisch-physiologische Grundlage für den Austausch zwischen „diesseitigen“ und „jenseitigen“ Informationen im menschlichen Körper zu finden. Es würde zu weit führen, darauf weiter einzugehen, daher sei nur angedeutet, dass Swedenborg bereits einen fluktuierenden Liquor, die Dura als Sinnesorgan und „reziproke Spannungsmembran“ (sic!) sowie ein kraniosakrales System ebenso benennt wie physikalische und „feinstoffliche“ Schwingungen. Tatsächlich wurden die o.a. Paradigmen bereits von Swedenborg theoretisch beschrieben. (Fuller 2013, S. 287–310.) Sutherland gebührt ohne Zweifel der Verdienst, sie therapeutisch nutzbar gemacht zu haben.

Altes Wissen der Medizin

Das Phänomen von Bewegungen innerhalb des Schädels ist bereits seit der Antike Objekt umfassender Studien. Hippokrates von Kos (ca. 460–370 v.Chr.) beschreibt erstmals Gehirnbewegungen, Plinius d. Jüngere (ca. 61–113) berichtet von arteriell oder respiratorisch bedingten Pulsationen des Gehirns und Rufus von Ephesos (ca. 98–117) ist der Ansicht, Gehirnbewegungen entstünden durch die Vermittlung einer pulsierenden Bewegung der Dura mater. Diese Pulsation wurde arteriellen oder respiratorischen Ursachen zugeordnet. Ventrikel spielen eine große Rolle und ebenso ein „Spiritus animalis“ (beseelter oder belebter Geist), der innerhalb des Gehirns über den Liquor in das Nervensystem gelangt. Mit Untergang des Römischen Reichs erstarb dieser Forschungsbereich, um im 19. Jahrhundert wieder aufzuerstehen – mit dem Nicht-Mediziner Swedenborg als Vorboten. 1811 konnten die ersten Gehirnbewegungen wissenschaftlich nachgewiesen werden, 1850 auch im ausgewachsenen Schädel, und 1881 wies der italienische Anatom Angelo Mosso (1846–1910) als dritte Ursache für Gehirnbewegungen die vasomotorische Undulation nach. Somatopsychische und vitalistische Ansätze wurden diskutiert, man erforschte die Liquorzirkulation und 1860 bis 1900 entstanden zahlreiche Spezialbereiche. Durch die technische und pharmazeutische Entwicklung im Laufe des 20. Jahrhunderts verlor dieser Forschungszweig an Bedeutung und ist gegenwärtig kaum repräsentiert. (Nagel 2012). Ob und in welchem Umfang Sutherland Zugang zu all diesem Wissen hatte, ist historisch nicht geklärt. Da sich Swedenborg bei seinen Arbeiten stets auf bekannte Anatomen, die sich auch mit dieser Thematik befassten, beruft und über ihre Arbeit berichtet, kann man davon ausgehen, dass Sutherland über Acton und seine Swedenborg-Übersetzungen zumindest „gefiltert“ über all diese Phänomene Bescheid wusste. (Fuller 2013, S. 312–327.)

 

Walter Russell

Diese Entwicklung wird in den frühen 1940ern durch die Begegnung mit dem autodidaktischen Universalgelehrten Walter Russell (1871–1963) katalysiert. Viele spirituell orientierte Aussagen Sutherlands finden sich bereits in Russells Büchern The Secrets of Light und The Universal One. Ausdrücke wie „Licht im Licht“, „rhythmisch balancierter Ausgleich“ und „wie man den Zweig beugt, …“ seien an dieser Stelle nur exemplarisch genannt. (Russel 1903, 1926, 1947.) Gerade Russells Ideen sollten die erste Generation der Kranialen Osteopathen und später daraus erwachsende Strömungen, wie etwa die Biodynamische Osteopathie, prägen.

Zusammenfassung

Inspiriert durch Andrew Taylor Stills Philosophie der Osteopathie entwickelt Sutherland zunächst ein rein biomechanisches Kraniales Modell, worin die Kernparadigmen der Kranialen bzw. Kraniosakralen Osteopathie noch nicht vorkommen. Durch den Zugang zu Swedenborg bekommt er einerseits indirekt Zugang zum Wissen über Bewegungsphänomene im Schädel und andererseits Inspirationen zu physisch-metaphysischen Verknüpfungen im menschlichen Körper, die durch Walter Russell vertieft werden. Aus all diesen Einflüssen bilden sich schließlich die heute bekannten Kernparadigmen der Kranialen Osteopathie.


Literatur

(1) Fuller D.B.: Osteopathie und Swedenborg. JOLANDOS Verlag, Pähl: 2013. 287–308.
(2) Nagel T.T.: Die Erforschung der „Gehirnbewegungen“ aus medizinhistorischer Sicht. Kassel University Press, Kassel: 2012.
(3) Russell W.: The Bending of The Twig. Dod, Mead & Company, New York: 1903.
(4) Russell W.: The Secret of Light. The University of Science and Philosophy, Waynesboro, VA.: 1947, S150.
(5) Russell W.: The Universal One. The University of Science and Philosophy, Waynesboro, VA. 1926. Nachdruck 1974. Vorwort, keine Seitenangabe.
(6) Still A.T., Hartmann C. (Hrsg.): Das große Still-Kompendium. JOLANDOS Verlag, Pähl: 2005.
(7) Sutherland W.G., Sutherland A.S., Hartmann C. (Hrsg.): Das große Sutherland-Kompendium. JOLANDOS Verlag, Pähl, 2008. S. 191–192.
(8) Swedenborg E.: Über Tremulationen. JOLANDOS Verlag, Pähl: 2013.
(9) Swedenborg E., Acton A. (Hrsg.): Three transactions on the cerebrum: a posthumous work. Swedenborg Scientific Association, Bryn Athyn, PA, 1940. Reprint 2005.

 


© Christian Hartmann, 2017 


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