Von Littlejohn lernen: Osteopathie – angewandte Wissenschaft (Teil 1)


Archiv: OT.FA.10.1
Autoren: Christian Hartmann Dr. Martin Pöttner
Erstveröffentlichung: DO - Deutsche Zeitschrift für Osteopathie 2010 4: 33–35.
Zeitschriften-Version gekürzt. Nachfolgend die bisher unveröffentlichte volle Fassung!
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Zusammenfassung

John Martin Littlejohn ist sicher der beste Interpret von Andrew Taylor Stills Werk aus einer philosophisch reflektierten, wissenschaftlichen Perspektive. Eine Sichtweise, die auf die qualitativ hoch stehenden Leistungen in der osteopathischen Praxis abzielt. Im historischen Kontext eingebettet, beschreibt der 1. Teil des Beitrags Littlejohns Verständnis der Osteopathie als eine Form der angewandten Biologie, die einen mechanistischen und vitalistischen Ansatz miteinander verknüpft.



Littlejohn unterstellt nicht, dass Ärzte Patienten heilen können, sie regen aber durch ihre Kunst – im Sinne eines Regelwissens, das den Erfolg im Einzelfall nicht sicherstellen kann – die Selbstheilungskräfte an. Weil dies besser oder schlechter geschehen kann, fordert Littlejohn eine umfassende philosophische und wissenschaftliche Bildung, vor deren Hintergrund die praktische Ausbildung der Osteopathen stattfinden soll. Littlejohn schließt den Placeboeffekt durch Suggestion oder Selbstsuggestion nicht aus, denn er gehört zum Setting der Arzt-Patienten-Beziehung. Doch jeder Placeboeffekt beruht darauf, dass es tatsächlich Selbstheilungskräfte gibt. Und in dieser Frage ist Littlejohn Vitalist, er unterstellt, es gäbe eine Vital Force, eine Lebenskraft. Hier stimmt er ebenfalls mit Still überein, der eine schöpferische Intelligenz – Gottes Apotheke – in sämtlichen anatomischen Strukturen vermutet hatte. Beide stehen damit in der direkten Tradition von Aristoteles, dessen Vermutung einer Vis medicatrix naturae von jeher einen gewissen Kontrapunkt zur kartesianisch geprägten Schulmedizin darstellte. Stills medizinhistorische Leistung war in diesem Zusammenhang seine Beobachtung, dass das freie Fließen der Körperflüssigkeiten Blut, Lymphe und „Nervenwasser“, aber auch die interstitielle Flüssigkeit v. a. in den Faszien, das essenzielle Wirkmedium für besagte Selbstheilungskräfte repräsentiert.

Littlejohn entwirft die Grundlagen

Littlejohn entwirft ab 1898 innerhalb weniger Jahre die wissenschaftliche Grundlage der Praxis der Osteopathie zunehmend als eine komplex entwickelte Biologie. Zwar kann man in diesem Rahmen nicht wissenschaftlich zuverlässig zeigen, dass es die Lebenskraft gibt. Wohl aber kennt man ihre physiologischen Offenbarungen, die auf sie verweisen. Offensichtlich ist bei Littlejohn diese Vital Force ähnlich wie bei Samuel Hahnemann im Schwingungsbereich angesiedelt bzw. kann mit den Zeichen der mechanisch erzeugten Schwingungen erreicht werden. Sie ist also keine Substanz oder Ähnliches, sondern offenbart sich unter anderem in den rhythmischen Prozessen von Organen und Flüssigkeiten im Körper, wobei der Ausdruck Vital Force für eine Dynamik oder Kraft hin zum Aufbau der „normalen“ Ordnung steht. Da Littlejohn wie Still die Gabe von Medikamenten weitestgehend ablehnt, muss die beachtliche Palette von Krankheiten im Wesentlichen durch Naturheilmethoden behandelt werden. Hierbei spielt die osteopathische Manipulation insbesondere der Wirbelsäule eine tragende Rolle, wobei es weniger um morphologische Aspekte, sondern vielmehr um ein Ausbalancieren des zentralen mit dem vegetativen Nervensystem und die dadurch erreichte Harmonisierung der vegetativ-vasomotorischen Versorgung des gesamten Körpers geht. Littlejohn unterstützt aber auch den Einsatz von Lichttherapie, Bädern, ausgewogener Ernährung usw., soweit sie unter den Gesichtspunkten der osteopathischen Philosophie angewendet werden.

Angewandte Geschichte I

Aufgrund dieser Erweiterung werden Littlejohns Anhänger in der Folgezeit Broadists genannt und von den Anhängern Stills, den sog. Lesionists, als Verräter der „Urlehre“ verachtet. Bezeichnenderweise gab es zwischen Still und Littlejohn selbst niemals Auseinandersetzungen. Das Verhältnis war stets von gegenseitig hohem Respekt geprägt. Die Unfähigkeit beider Seiten zum gegenseitig befruchtenden Austausch darf als Urwurzel der bis heute noch bestehenden Rivalitäten insbesondere zwischen den ärztlichen und nichtärztlichen Lagern gelten.

Gerade Littlejohns Ansatz der Erweiterung der Osteopathie bietet übrigens bei genauerer Betrachtung berufspolitischen Sprengstoff: Alles, was auf bessere Rahmenbedingungen für die inhärente Selbstheilung abzielt, entspricht der osteopathischen Philosophie und ist somit integraler Bestandteil der Osteopathie. Statt die Osteopathie der Medizin im Sinne einer „Medizinischen Osteopathie“ unterzuordnen bzw. anzugliedern, werden vielmehr entsprechende Bereiche der klassischen Medizin in die Osteopathie integriert. Das gewebeschonende Verplatten einer Fraktur wäre demnach ebenso Osteopathie wie etwa eine Notfallversorgung, da beides die Rahmenbedingungen für die Selbstheilungskräfte optimiert. Da nach den Ergebnissen der modernen Placeboforschung auch die Empathiegabe des Behandlers bei zahlreichen Anwendungen einen relevanten Einfluss auf das Behandlungsergebnis hat, muss sogar die innere Einstellung des Osteopathen als wichtiger, wenn nicht sogar als der essenzielle Bestandteil der Osteopathie betrachtet werden. Littlejohn eröffnet der Osteopathie damit einen völlig neuen und bis heute zumeist unerkannten berufspolitischen Horizont und legitimiert ganz nebenbei den Begriff „Osteopathische Medizin“ im Sinne einer eigenständigen Medizinphilosophie, ähnlich wie dies bei der Anthroposophischen Medizin der Fall ist.

Die naturheilkundliche Vorgehensweise, mit osteopathischen Manipulationen als integralem Bestandteil, ist als allgemeine Medizin und nicht als „Verfahren“ oder „Methode“ konzipiert. Der allgemeine philosophische und wissenschaftliche Hintergrund ermöglicht so ausgebildeten Osteopathen andere Konzeptionen wie Regular Medicine („Schulmedizin“), Hydrotherapie, Physikalische (physische) Therapie, Elektrotherapie, Chiropraktik und Massage (vor allem des Lymphsystems) u. a. kritisch zu beurteilen.

Die so erlangte Kompetenz, die durch eine sehr gute und immer weiter zu verbessernde Ausbildung befördert wurde, ermöglichte es der Osteopathie in den Vereinigten Staaten bereits um 1910 in fast allen Bundesstaaten als der Regular Medicine gleichgestellte Medizinform anerkannt zu werden. Die beachtlichen Heilungserfolge der Osteopathie mit entsprechendem Zuspruch der Bevölkerung dürften ebenfalls eine entscheidende Rolle gespielt haben. Damit wird Littlejohn zum eigentlichen Wegbereiter der Osteopathie auf akademischer und berufspolitischer Ebene.

Nach 1917 verfolgt Littlejohn dieses Programm gleichermaßen für Großbritannien. Bis in die späten Texte setzt sich Littlejohn für die Parität mit der Regular Medicine ein, wobei er die wesentlichen und überwiegend symptom- und strukturzentrierten Grundsätze der „schulmedizinischen“ Behandlung nie anerkennt. Allerdings hat er schon vor der Jahrhundertwende in Anwesenheit A.T. Stills dessen Rhetorik sanft korrigiert: Still – der „Genius des Mississippi-Tals“ – habe manches singulär entdeckt, gleichwohl lägen seine Entdeckungen durchaus auf bestimmten Hauptlinien der allgemeinen Anatomie und Physiologie aus dem 16. Jahrhundert, teils sogar schon aus dem 4. Jahrhundert v. Chr. Zudem seien Physiologie und Anatomie des Menschen keine spezifisch medizinischen Disziplin, sondern lägen als allgemeine biologische Disziplinen jeder angemessenen Medizin zugrunde, also auch der Osteopathie. Alles medizinische Wissen sei demnach als Menschheitserbe Allgemeingut und keinesfalls Eigentum der Regular Medicine. Und schließlich sei die Zentrierung der Schulmedizin auf die Medikamentengabe historisch keineswegs selbstverständlich, wie sich an neuzeitlichen Beispielen aus Frankreich und Schottland überzeugend belegen lasse. Folgerichtig war Littlejohn auch einige Jahre Professor für Physiologie an einem Medical College der Universität Chicago. Man beachte: als Physiologe, aber keineswegs als Schulmediziner.

Hatte Stills Ziel darin bestanden, die bestehende medizinische und chirurgische Praxis zu verbessern, so setzte Littlejohn dieses Ziel ambitioniert um. Allerdings konnte er nicht verhindern, dass osteopathische Institutionen aus markt- und machtpolitischen Überlegungen wieder zur Schulmedizin zurückkehren wollten, was wohl auch ein Grund für Littlejohns Rückkehr nach Großbritannien gewesen sein dürfte.

Versöhnung von Wissenschaft und Philosophie

Wie an Still lässt sich auch an Littlejohn gut beobachten, dass die klassische Osteopathie 2 Denkstile spannungsreich miteinander kombiniert. Sie orientiert sich teils mechanistisch, teils vitalistisch. Für Littlejohn ist klar, dass man zu Unterstellungen wie derjenigen der Lebenskraft (Vital Force) nur durch die mechanischen Operationen der Anpassung (Adjustment [1]) kommt. In seinen Vorlesungen unterbreitet er dafür konkrete Vorschläge, ohne dass diese dogmatisiert werden (können), und folgt darin Still. „Heilung“ im strengen Sinne erfolgt aber nur durch die Lebenskraft selbst. Die mechanischen Operationen der Osteopathen müssen in deren vitales Zeichensystem übersetzt werden, damit sie angeregt wird, die Heilung selbst zu vollziehen. Das aber macht es notwendig nachzuweisen, dass die osteopathische Manipulation an alle wichtigen Zentren des Nervensystems herankommt. Littlejohn ist zwar davon überzeugt, dass zwischen Blutsystem und den beiden Nervensystemen eine wechselseitige Abhängigkeit besteht. Aber die Steuerung des Menschen läuft, laut Littlejohn, über das harmonische Zusammenspiel beider Nervensysteme und über die manipulative Ansprache des Gehirns an der Wirbelsäule, wodurch man die Vital Force erreicht.

Angewandte Geschichte II

Verfolgt man aufmerksam die moderne Forschung, nicht zuletzt im Bereich der Bewusstseinsforschung in der Medizin, aber auch in der Physik und Philosophie, erscheinen Stills und Littlejohns Denkansätze der harmonischen Versöhnung linearer Fakten (Mechanismus) und nichtlinearer bzw. nichtlokaler Phänomene (Vitalismus) geradezu visionär. Zumal letztere zunehmend von quantenphysikalisch orientierten Forschungsergebnissen auch im Bereich der Medizin bestätigt werden. Da die Quantentheorie in der Wissenschaftswelt aber eher als Philosophie, denn als Naturwissenschaft angesehen wird, müssen folglich vitalistische Aspekte der Osteopathie, z. B. Littlejohns Postulat der Life Force bzw. Vital Force, entsprechend umbewertet werden. Da sich quantentheoretische Phänomene naturgemäß nicht mit linearer Forschung erschließen lassen, folgt daraus auch die brisante Erkenntnis, dass durch eine Beschränkung der osteopathischen Forschung auf lineare Aspekte die Osteopathie letztlich als „Verfahren“ zementiert wird. Diese Betrachtung ist auch wissenschaftsgeschichtlich berechtigt, da im Bereich der Wissenschaften die Quantenmechanik eine Reihe philosophischer Unterstellungen wieder hat attraktiv werden lassen, die zwischen 1700 und 1900 nicht immer sehr angesehen waren, aber in philosophischen und literarischen Zirkeln wie etwa im amerikanischen Transzendentalismus durchaus respektiert wurden.

Für Kenner der Originaltexte von Littlejohn besteht kein Zweifel daran, dass er paritätisch sowohl lineare Forschungsansätze für die mechanistischen Aspekte der Osteopathie als auch nichtlineare Forschungsansätze für ihre vitalistischen Aspekte eingefordert hatte. Und tatsächlich liegt hierin der einzige Lösungsweg, die Osteopathie als Human based Medicine davor zu bewahren, ihren vitalistischen Anteil in der stark linear ausgerichteten und leider zunehmend dogmatisierten Evidence based Medicine zu verlieren. Es darf mit Spannung beobachtet werden, ob die verantwortlichen Institutionen, aber auch jeder einzelne praktizierende Osteopath den idealistischen Mut und die wissenschaftliche Kompetenz aufbringen werden, um sich in einem gemeinsamen öffentlichen Statement zur Osteopathie als biologische Wissenschaft und Philosophie zu gleichen Teilen durchzuringen. Ganz nebenbei behält die Hand nur auf diesem Weg ihre Berechtigung nicht nur „quantitatives“, sondern zugleich auch „qualitatives“ Element zu sein. Ein Beispiel zur Verdeutlichung: Das für die Osteopathie so wichtige „Listening“ kann zum Großteil nur auf Basis nichtlinearer Forschung begründet werden und fällt somit in den Bereich der Philosophie. Gleiches gilt für Begriffe wie Empathie, intratherapeutische Aspekte, Behandler-Patient-Beziehung, psychophysiologische Phänomene wie Bewusstsein usw. Wer diese Phänomene unbedingt auf die lineare Ebene zwingen möchte, wird dem Geist der Gründerväter nicht gerecht.

Teil 2 folgt im Heft 1/2011.

 


Literatur

(1) Fußnote. Im Orginal fälschlich im Literaturverzeichnis.
(2) Booth E.E.: History of Osteopathy and Twentieth Century. Caxton Press, Cincinnati, 1924.
(3) EROP. Deklaration. JOLANDOS Verlag, Pähl, 2008.
(4) Gevitz N. Osteopathic Medicine. The Johns Hopkins University Press, Baltimore, 2004.
(5) Lee P. Interface. JOLANDOS Verlag, Pähl, 2009.
(6) Littlejohn J.M. Wernham J. (Hrsg). Applied Anatomy. JWCCO, Maidstone, o. A.
(7) Littlejohn J.M. Wernham J. (Hrsg). Applied Physiology. JWCCO, Maidstone, o. A.
(8) Littlejohn J.M. Wernham J. (Hrsg). Basic Lines and the Theory of the Tripod-Technique. JWCCO, Maidstone, o. A.
(9) Littlejohn J.M. Wernham J. (Hrsg). Fundamentals of Osteopathic Technique. JWCCO, Maidstone; o. A.
(10) Littlejohn J.M. Wernham J. (Hrsg). Pathology of Osteopathic Lesions. JWCCO, Maidstone; o. A.
(11) Littlejohn J.M. Wernham J. (Hrsg). Principles. JWCCO, Maidstone, o. A.
(12) Littlejohn J.M. Wernham J. (Hrsg), The Basic Principles of Osteopathy. JWCCO, Maidstone; o. A.
(13) Littlejohn J.M. Das große Littlejohn-Kompendium. JOLANDOS Verlag, Pähl, 2009.
(14) Littlejohn J.M. Osteopathie erklärt. JOLANDOS Verlag, Pähl, 2009.
(15) Littlejohn J.M. Psychophysiologie. JOLANDOS Verlag, Pähl, 2009.
(16) Spencer H. Die ersten Prinzipien der Philosophie. JOLANDOS Verlag, Pähl, 2007.
(17) Stark J. Stills Faszienkonzepte. JOLANDOS Verlag, Pähl, 2008.
(18) Still A.T. Das große Still-Kompendium. JOLANDOS Verlag, Pähl, 2005.
(19) Trowbridge C. Andrew Taylor Still 1828–1917. JOLANDOS Verlag, Pähl, 2008.
(20) William James. Principles of Psychology. Volume I-II, New York: 1890.
(21) Bundesärztekammer. Wissenschaftliche Bewertung osteopathischer Verfahren: Dtsch Arztebl
2009; 106: A–2325.

Anmerkung

Die Werke 6–12 wurden von John Wernham aus Littlejohns mehrbändigen und unveröffentlichten Sammelwerk „Osteopathic Notes“ kompiliert. Ein Überprüfung der inhaltlichen Gedankentreue steht noch aus.

 


Bilder mit freundlicher Genehmigung des Museum of Osteopathic Medicine, Kirksville.

Der Text ersetzt keine therapeutische Konsultation. Der Autor des Artikels ist für keinen Schaden verantwortlich, der aus der Anwendung von Informationen aus diesem Artikel entstehen sollte.

© Christian Hartmann, 2017 


Fußnote


  1. Der Begriff Adjustment muss z. B. bei Herbert Spencer, A.T. Still und J.M. Littlejohn sehr häufig übersetzt werden. Da im Weltbild der Gründerväter der Osteopathie der menschliche Körper als Teil einer vollkommenen Schöpfung ebenfalls vollkommen ist, muss dieser Begriff zwingend mit „Anpassung“ und nicht mit „Korrektur“ oder „Richten“ übersetzt werden, impliziert Letzteres doch, dass sich der Therapeut über die Schöpfung stellt.  ↩

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