Von Littlejohn lernen: Osteopathie als angewandte biologische Wissenschaft (Teil 2)


Archiv: OF.FA.11.1
Autoren: Christian Hartmann Dr. Martin Pöttner
Erstveröffentlichung: DO – Deutsche Zeitschrift für Osteopathie, 2011, 1: S.35–37.
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Zusammenfassung

Andrew Taylor Still (1828–1917) und John Martin Littlejohn (1866–1947), die beiden Gründerväter der Osteopathie, haben in Ihren Schriften die Osteopathie als eine Form der angewandten Biologie verortet, in der sich – wie in Teil 1 aufgezeigt – vitalistische und mechanistische Aspekte spannungsreich verbinden. Diese Verortung, die die “Ganzheitlichkeit” der Osteopathie betont, ist nicht nur von historischem und methodischem Interesse, sie hat vielmehr Auswirkungen auf berufspolitische Fragestellungen: In der Beantwortung der Frage, ob Osteopathie zu gleichen Teilen biologische Wissenschaft und Philosophie ist und somit als eigenständige Therapieform Anerkennung findet.

Warum ist der Ansatz Littlejohns nun „ganzheitlich“? Littlejohn nimmt diese Frage ausweislich in seiner Psychophysiologie sehr ernst. U. a. enthält dieser Text eine durchaus diskutable Erörterung der „höheren psychischen Funktionen“ des Menschen, womit er sich auf der Höhe des damaligen Diskurses befindet und z. T. direkt im Gespräch mit dem pragmatistischen Philosophen, Physiologen und insbesondere Psychologen William James steht, der sich übrigens offenbar auch für die Osteopathie eingesetzt hat. Littlejohn hat vor allem die Psychologie als Lehrfach in das osteopathische Kurrikulum in Kirksville eingeführt, ebenso hat er dafür gesorgt, dass diese auch in der British School of Osteopathy gelehrt wurde. Noch entscheidender aber ist, dass er dies vor dem Hintergrund seines biologischen Ansatzes getan hat, den man wohl als „autopoietisch“ bezeichnen muss. Jedem Organismus liegt nach Littlejohn ein doppeltes Verhältnis zugrunde:

  1. Ein Selbstverhältnis, in dem sich der Organismus im Kontext seiner Umwelt auf sich selbst bezieht – und ein

  2. wechselseitiges Verhältnis der Teile des Organismus zum Ganzen des Organismus.

Beim Menschen realisiert sich das Selbstverhältnis als Psyche, entsprechende Formen sind mindestens den Tieren, aber wohl auch den Pflanzen nicht abzusprechen. Das wechselseitige Verhältnis von Teilen und Ganzem kann sich nur über „Kommunikation“ vollziehen.

Damit steht philosophisch und wissenschaftlich das Phänomen der Relation bzw. der Beziehung im Vordergrund der Aufmerksamkeit Littlejohns. Nichts ist isoliert, sondern auf das Ganze des Organismus bezogen – und umgekehrt. Wie Jane Stark eindrucksvoll belegt, findet sich diese Überzeugung auch bereits in Stills Ausführungen zu den Faszien. Alles ist zudem auf das Selbstverhältnis des Organismus bezogen – und umgekehrt. Insofern besteht im philosophisch-wissenschaftlichen Gefolge von Littlejohns Lehrer Herbert Spencer, dem Amerikanischen Transzendentalismus und dem amerikanischen Pragmatismus, vielleicht auch – indirekt über den Amerikanischen Transzendentalismus vermittelt – einigen Ideen der deutschsprachigen Phänomenologie zufolge, kein ausschließender Gegensatz von Natur- und Kultur(Geistes)-Wissenschaften, sondern eine differenzierte Kombination komplexer Beschreibungsweisen. Die praktische Kontrolle solcher allgemeiner Überzeugungen im Blick auf Krankheit und Gesundheit findet in der allgemeinmedizinischen klinischen Praxis der Osteopath/inn/en statt. Schon Still hat diese pragmatistische Kontrolle z. T. sehr weitgefasster philosophisch-wissenschaftlicher Theorien eingeführt. Bei Littlejohn wird damit Ernst gemacht, deshalb hat er ein umfassendes Dokumentationssystem für osteopathische Behandlungen gefordert und z. T. auch schon in den USA verwirklichen können. Denn jede einzelne Erfahrung ist wichtig, sie kann vorhandene Einsichten bestätigen, manche infrage stellen – und Neues ins Spiel bringen, sodass die osteopathische Praxis ständig verbessert werden kann. Mithin gelingt es Littlejohn dem Anspruch nach, eine ganzheitliche philosophisch reflektierte wissenschaftliche Theorie vorzulegen, die auf qualitative hochstehende Leistungen der Osteopath/inn/en setzt und von diesen ständig in der Praxis überprüft, verändert und im besten Fall verbessert werden kann.

Angewandte Geschichte

Beachten Sie, dass die berufspolitische Anerkennung der Osteopathie als eigenständige Medizinform in den Vereinigten Staaten bereits vor dem Flexner-Report erfolgte. Dieser zwang die osteopathischen Colleges 1910 zur radikalen Anpassung ihrer Kurrikula an jene der medizinischen Fakultäten. Insofern kann die in den USA praktizierte Osteopathie nicht mehr als Grundlage zu jenem Verständnis dienen, welches zur Anerkennung der Osteopathie als eigenständige Medizinform geführt hat.

Weiterhin enthüllt das Verständnis dieser historischen Zusammenhänge, warum sich die Gegner der Osteopathie so vehement gegen die Anerkennung der Osteopathie als „Philosophie“ stemmen, ist sie doch Vorraussetzung für jegliche eigenständige Medizinform. Osteopathie wird folglich geschickt auf Begriffe wie „Methode“ oder „Verfahren“ reduziert, um eine Eingliederung des Konkurrenten in das eigene System zu initiieren. Sämtliche in diesem Zusammenhang gezeigten positiven Äußerungen zur Osteopathie dienen dabei nur als Türöffner für die Einverleibung. Dadurch wird verhindert, dass sich die Osteopathie als medizinischer Kristallisationspunkt etablieren kann. Wer mit der augenblicklich unter Hochdruck vorangetriebenen politischen Initiative der Manualmediziner mit einigen physikalischen Verbänden im Schlepptau vertraut ist, erkennt augenblicklich die Parallele zu den Vorgängen in den Vereinigten Staaten vor exakt 100 Jahren. Sätze wie „Die Osteopathie ist Bestandteil und Erweiterung der Manualmedizin.“ werden dabei ebenso geschickt platziert, wie die nahezu unbewusste Suggestion des Begriffs Osteopathische Medizin im Sinne einer schulmedizinischen Disziplin.

Nur ein mutiges und gemeinsames Bekenntnis aller osteopathischen Institutionen und Praktizierenden zur Osteopathie auch als Philosophie und die massive Förderung nicht-linearer Forschungsaktivitäten werden hier ein erneutes Desaster für die berufspolitische Identität der Osteopathie verhindern können. Littlejohn könnte hier als entscheidender Ratgeber dienen, benennt er doch bereits vor über 100 Jahren die dazu notwendigen Grundvoraussetzungen (von den Autoren aus Littlejohns Schriften kompiliert):

  1. Hervorheben philosophischer Unterschiede zur Schulmedizin, da eine Unterscheidung bloß auf technischer bzw. anatomisch-physiologischer Ebene nicht möglich ist. Klares Bekenntnis zur Osteopathie als biologische Wissenschaft, d. h. als Naturwissenschaft.

  2. Vierjährige Vollzeitausbildung im Sinne einer biologischen Wissenschaft mit osteopathisch-allgemeinmedizinischer Anwendung in der Praxis.

  3. Unabhängige (nicht-lineare) Grundlagenforschung einerseits, um neue Horizonte zu erschließen, und (lineare) gleichermaßen unabhängige klinische Forschung zur Qualitätssicherung der praktischen Arbeit.

  4. Schaffung unabhängiger Medien zur neutralen Darstellung der Osteopathie in der Öffentlichkeit und in Fachkreisen.

  5. Scharfe Trennung der Berufspolitik von Wissenschaft und Ausbildung zum Vermeiden lähmender Kompetenzkämpfe und opportunistischer Interessenskonflikte.

 

Zusammenfassung

Zusammenfassend kann man sagen, dass Still zwar bereits früh den Grundstein für die Versöhnung des Mechanismus (Wissenschaft) mit dem Vitalismus (Philosophie) gelegt hat, es aber Littlejohn war, der dies als erster in seiner ganzen Bedeutung durchdrungen und angemessen formuliert hat. Mit seiner Klassifizierung der Osteopathie als (angewandte) biologische Wissenschaft, deren Praxis sich als Kunstlehre vollzieht, verschiebt er den Fokus der osteopathischen Motivation radikal vom „Behandeln von Menschen“ auf das „Erforschen des Lebens an sich“. Aus der darin gewonnenen Ehrfurcht vor dem Leben – um einen berühmten Ausdruck Albert Schweizers zu nennen – ergibt sich nahezu selbstverständlich der Drang Leben zu fördern und zu erhalten, sei es im medizinischen Alltag oder im privaten Leben. Insofern bietet das Studium der Texte von Littlejohn nicht nur wertvolle Hinweise auf erfolgreiche berufspolitische und wissenschaftliche Strategien, sondern eröffnet zudem ein unendlich weites und spannendes Feld zur persönlichen Entwicklung.

 

Teil 1

 


Literatur (Auswahl)

(1) Booth E.: History of Osteopathy and Twentieth-Century Medical Practice, Jennings and Graham, Cincinnati, 1924.

(2) Gevitz N.: The D.O.’s: Osteopathic Medicine in America, John Hopkins University Press, New York, 2004.

(3) James W.: Principles of Psychology. Volume I.II, New York 1890.Lee P. Interface. JOLANDOS Verlag, Pähl, 2008.

(4) Littlejohn J.M. (hg. Wernham J.): Applied Anatomy. John Wernham Collego of Classical Osteopathy, Maidstone, undated.

(5) Littlejohn J.M. (hg. Wernham J.): Applied Physiology. John Wernham Collego of Classical Osteopathy, Maidstone, undated.

(6) Littlejohn J.M. (hg. Wernham J.): Basic Lines and the Theory of the Tripod Technique. John Wernham Collego of Classical Osteopathy, Maidstone, undated.

(7) Littlejohn J.M. (hg. Wernham J.): Fundamentals of Osteopathic Technique. John Wernham Collego of Classical Osteopathy, Maidstone, undated.

(8) Littlejohn J.M. (hg. Wernham J.): Pathology of Osteopathic Lesions. John Wernham Collego of Classical Osteopathy, Maidstone, undated.

(9) Littlejohn J.M. (hg. Wernham J.): Principles. John Wernham Collego of Classical Osteopathy, Maidstone, undated.

(10) Littlejohn J.M. (hg. Wernham J.): The Basic Principles of Osteopathy. John Wernham Collego of Classical Osteopathy, Maidstone, undated.

(11) Littlejohn J.M.: Das große Littlejohn-Kompendium. JOLANDOS Verlag, Pähl, 2009.

(12) Littlejohn J.M.: Osteopathie erklärt. JOLANDOS Verlag, Pähl, 2009.

(13) Littlejohn J.M.: Psychophysiologie. JOLANDOS Verlag, Pähl, 2009.

(14) Spencer H.: Die ersten Prinzipien der Osteopathie. JOLANDOS Verlag, Pähl, 2009.

(15) Stark J.: Stills Faszienkonzepte. JOLANDOS Verlag, Pähl, 2007.

(16) Still A.T.: Das große Still-Kompendium. JOLANDOS Verlag, Pähl, 2005.

(17) Trowbridge C.: Andrew Taylor Still 1828–1917. JOLANDOS Verlag, Pähl, 2007.

(18) Wissenschaftliche Bewertung osteopathischer Verfahren. In: Dtsch Arztebl 2009; 106(46): A–2325. (Hg. Bundesärztekammer)


Bilder mit freundlicher Genehmigung des Museum of Osteopathic Medicine, Kirksville.

Der Text ersetzt keine therapeutische Konsultation. Der Autor des Artikels ist für keinen Schaden verantwortlich, der aus der Anwendung von Informationen aus diesem Artikel entstehen sollte.

© Christian Hartmann, 2017 


 

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