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Vom Gegen- und Miteinander


Archiv: OT.FA.04.2
Autor: Christian Hartmann
Erstveröffentlichung: DO - Deutsche Zeitschrift für Osteopathie 2004, 3: 30.
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Als J.W. Cline, MD, damaliger Präsident der American Medical Association (AMA) aus Kalifornien, die Osteopathen 1952 als „cultists“ bezeichnete und die Zusammenarbeit als unethisch abtat, war das nichts Neues. Neu hingegen war, dass er zur gleichen Zeit als Repräsentant der California Medical Association (CMA) in geheimen Verhandlungen mit der California Osteopathic Association (COA) über eine Fusion verhandelte. Nachdem die AMA in den USA jahrzehntelang erbittert, aber erfolglos gegen die Osteopathie gekämpft hatte, wählte Cline eine altbewährte List und unterbreitete dem Gegner ein verlockendes Angebot: Sämtliche DOs in Kalifornien würden den Titel eines „Acquired MD“ erhalten. Im Gegenzug sollten die osteopathischen Colleges umbenannt, die Referenzen auf ihren Begründer A.T. Still einschließlich seines vitalistischen Ansatzes mit dem Kernparadigma der auf die fließenden Körperflüssigkeiten bezogenen Läsion aus den Statuten gestrichen und kein weiterer DO-Grad mehr vergeben werden.

In Ihrem Bestreben nach gesellschaftlicher Anerkennung ging die CAO 1961 gegen den erbitterten Widerstand der restlichen AOA-Mitglieder auf Clines Angebot ein. Die AOA verlor bei diesem sogenannten California Merger fast ein Sechstel ihrer Mitglieder und nicht wenige prophezeiten das Ende der Osteopathie in den USA. Doch es sollte anders kommen:

Die „Acquired MDs“ wurden von der Bevölkerung weit weniger geschätzt als die „echten“ Ärzte und – was noch wichtiger war – die ehemaligen DOs. So fochten einige ehemalige DOs, über deren Köpfe hinweg die Vereinbarung getroffen wurde, 1974 die unsägliche Abmachung erfolgreich vor dem Verfassungsgericht an. Viola Frymann (1921–2016), Alexander Tobin (1921–1992) und Ruth Kelly (1902–1987) standen an der Spitze dieser Bewegung. (2) Schließlich wurde die osteopathische Ausbildung im Bundesstaat Kalifornien 1977 nach 16-jähriger Unterbrechung wieder aufgenommen.

Clines misslungener Schachzug stärkte die Osteopathie sogar, denn die einfache Integration in das medizinische System hatte bewiesen, dass sich die Osteopathie zumindest auf gleichem Niveau wie die allopathische Medizin bewegte. (1)

Dass es auch anders geht, zeigt uns Irvin Korr, PhD (1909–2004): Korr war zu seiner Zeit führend in dem Gebiet der neurophysiologischen Wissenschaft. Er forschte und lehrte ab 1945 fast drei Jahrzehnte am Kirksville College of Osteopathic Medicine. Als Ordinarius für Physiologie verhalf er der Osteopathie zu immenser wissenschaftlicher Anerkennung. Umso erstaunlicher erscheint es, dass seine Arbeiten nach seinem Tod nicht weitergeführt wurden. Auch im deutschsprachigen Raum hört man immer wieder von namhaften Osteopathen, dass seine Arbeiten irrelevant seien. Jeder Kenner seiner Arbeiten kann nur vermuten, dass diese Ansicht auf der Unfähigkeit oder dem Unwillen, sich mit Korrs Texten im historischen Kontext wissenschaftlich auseinanderzusetzen, beruht. Tatsächlich ist Korr – der zu Lebzeiten World’s Who is Who in Science war – nach J.M. Littlejohn (1866–1947) und Louisa Burns (1870–1958) der bis heute einzige Wissenschaftler, der Stills ursprünglich vitalistisches Konzept in konsequenter Grundlagenforschung auf allerhöchstem wissenschaftlichen Niveau untermauert hat. Und damit zählt er neben Littlejohn und Burns zu den bedeutendsten wissenschaftlichen Anwälten der ursprünglichen Osteopathie.

Vielleicht mag ein Unbehagen der Osteopathen gegenüber Korr auch darin bestehen, dass er weit über den osteopathischen Tellerrand hinausblicken konnte und – wie Still – sein Wissen aus seinen Beobachtungen der Wirklichkeit stets weit über berufspolitische oder persönliche Interessen reflektiert hinaus hat. Korr, den seine Freunde „Kim“ nannten, war damit als Nicht-Osteopath ein eindrucksvolles Beispiel dafür, dass ein gegenseitiges Miteinander selbstbewusster Partner aus verschiedenen Berufsgruppen weitaus befruchtender ist als eifersüchtige Abgrenzung:

„Dies ist der Mythos: Dass es nur einen einzigen wahren Beruf im Bereich der Medizin geben kann … dass nur dessen Mitglieder, Inhaber bestimmter Titel von bestimmten „anerkannten“ Institutionen, das Maß der Dinge, die exklusiven Erben, Hüter, Anwender, Eigentümer und Richter der Medizin sind … Osteopathen und ihre Vertreter nähren ihn (Anm.: diesen Mythos) jedes Mal, wenn sie die Frage aufwerfen: „Wie unterscheidet sich die Osteopathie von der Medizin?“ … Diese Frage ist so absurd wie die Frage „Wie unterscheiden sich Rotkehlchen von Vögeln?“ (2)



Dennoch – und das ist höchst bedeutsam – bezeichnete Korr den California Merger als größte Enttäuschung seiner Karriere. Und das aus gutem Grund: Stills Philosophie der Osteopathie ist tatsächlich eine ebenso unbequeme wie bedeutende Erweiterung des medizinischen Denkens insbesondere in Bezug auf die Rolle des Therapeuten, der vom heroischen Heiler zum redlichen Handwerker wird. (5) Auch Korr war davon überzeugt:

„Kurz gesagt bin ich fest davon überzeugt, dass die nächsthöhere Stufe der Medizin – schon lange auf dem Weg und verzweifelt erwartet – von jenen Prinzipien angeführt wird, die in einer sich kontinuierlich entfaltenden Form im ‚osteopathischen Konzept’ gründen.“ (3)



Diese Erweiterung wurde beim California Merger aufgrund persönlichen Statusdenkens temporär verraten und verkauft, aber es war vor allem Korrs Arbeiten zu verdanken, dass auf Augenhöhe verhandelt werden konnte.

Uns kann das als historische Lektion dienen: Intellektuell aufrichtige natur- und geisteswissenschaftliche Grundlagenforschung ist der einzige Weg, die gesundheitsorientierte Philosophie der Osteopathie zu erhalten und weiterzuentwickeln. Nur so wird sie der orthodoxen Medizin helfen können, ihr krankheitsorientiertes Denken zu überwinden – und nicht in ihr versinken.

Wir dürfen gespannt sein, ob es in Deutschland zu einer Art German Merger kommen wird, oder ob die Vertreter der ursprünglichen Osteopathie im Bewusstsein ihrer Stärken hartnäckig bleiben.


Literatur

(1) Kuchera M./Kuchera W.: History, Philosophy and Somatic Influences in Health & Disease, Volume 1. Greyden Press, Columbus, Ohio, 1997, S. 63–66.
(2) Frymann V.: Die gesammelten Schriften von Viola Frymann. JOLANDOS Verlag, Pähl, 2007, S. 551–555.
(3) Korr I.M.: The Collected Papers of Irvin M. Korr, AAO, 5. Auflage, Indianapolis 1995, S. 244–245, 248 (dt. Übers.: C. Hartmann).

Nachträglich ergänzte Empfehlung (4. Juli 2017):

Korr I.M.: Ein langes Leben voll Freude. JOLANDOS Verlag, Pähl, 2017.

 


Der Text ersetzt keine therapeutische Konsultation. Der Autor des Artikels ist für keinen Schaden verantwortlich, der aus der Anwendung von Informationen aus diesem Artikel entstehen sollte.

© Christian Hartmann, 2017 


 

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