Triune Osteopathy


Archiv: OT.FA.04.4
Autoren: Christian Hartmann, Dr. Martin Pöttner
Erstveröffentlichung: DO – Osteopathische Medizin 2005; 2: 18–22.
Richtig zitieren?



In diesem Artikel soll ein kontroverses Randthema des Gesundheitswesens aufgegriffen werden: die Ausgrenzung der philosophischen und spirituellen Aspekte des Menschen und seine Reduzierung auf rein körperliche Aspekte im medizinischen Praxisalltag. Dieser lediglich von der psychosomatischen Medizin kritisierte Mechanismus betrifft aber nicht nur die allopathische Medizin. Auch weite Teile der Alternativmedizin müssen sich eingestehen, komplexe Heilmethoden weitestgehend vereinfacht und damit ebenfalls “entseelt” zu haben. Auch in der Osteopathie können durch alle Instanzen hindurch vergleichbare Dynamiken festgestellt werden.

Die seit drei Jahren intensiv an den Texten Andrew Taylor Stills und William Garner Sutherlands arbeitenden Autoren versuchen anhand des Begriffs Spiritualität den oben erwähnten Sachverhalt zu ergründen. Dabei kommen sie zu dem Ergebnis, dass die ursprüngliche osteopathische Philosophie gegenwärtig de facto nicht in unser Gesundheitssystem zu integrieren ist. Der Artikel soll Osteopathen zudem zum interdisziplinären Austausch mit Nicht-Osteopathen anregen, wobei hier insbesondere Kulturwissenschaftler und Quantenphysiker zu nennen sind. Vielleicht lässt sich dadurch jene Betriebsblindheit verhindern, welche die amerikanische Osteopathie im Laufe des 20. Jhdt. ihres Kernkonzeptes des triune man und damit ihrer ganzheitlichen Identität beraubt hat.

“Triune man” nach Andrew Taylor Still: die dreifach differenzierte Einheit des Menschen als mind (Verstand), body (Körper) und spiritual being (Seele als Bewegungsprinzip). Mind, body und spiritual being interagieren ständig.

Vorbemerkungen

Abendländische Begriffe sind wegen ihrer in der Regel über 2.500-jährigen Geschichte sehr vieldeutig. Um Missverständnisse möglichst auszuschließen, definieren wir daher zunächst einige im Aufsatz verwendete Begriffe.

  • “Philosophie” ist als ein individuell ausgeprägter Bestandteil des menschlichen Strebens nach begründetem Wissen und begründeter Praxis zu verstehen. Dabei besteht die philosophische Tendenz, die eigene Praxis und das eigene Wissen im umfassenden Kontext zu erfassen. So kann jeder einfache und erfahrene Bauer in seinem Lebensplan und seiner Umgebung einen überaus kompetenten Naturphilosophen darstellen.

  • “Spiritualität” bezeichnet irgendeine “geistige” Konzentration auf das Lebensinteresse bzw. die Lebensmotivation eines Menschen.

  • “Religiös” bezeichnet eine Form, dieses Lebensinteresse “geistig” wahrzunehmen. Dabei kann man mit dem Philosophen Ludwig Wittgenstein sagen, dass religiöse Äußerungen als “Lebensregeln in Bilder” gefasst gelten können. Daher darf man sie z. B. nicht mit wissenschaftlichen Äußerungen verwechseln.

Für ein angemessenes Verständnis des Aufsatzes ist ein weiterer Hinweis notwendig:
A.T. Stills Texte mit seinem Konzept des triune man scheinen sich nicht eindeutig von Akuttraumen abzugrenzen und damit eine Universalheilmethode zu suggerieren. Nun wurde die Chirurgie aber erst mit der flächendeckenden Einführung der Anästhesie gegen Ende des 19. Jhdt. langsam zu einem vollwertigen Bestandteil der Medizin. Davor galt sie als Hilfstätigkeit, die vorrangig von Laien wie Badern und einfachen Feldchirurgen ausgeübt wurde. Da sich Still jedoch auf den Medizinbegriff seiner Zeit bezieht, ist die Unterstellung, er hätte mit seiner Osteopathie sämtliche Fälle heilen wollen, aus medizinhistorischer Sicht als Fehlinterpretation zu werten.

Zurückhaltende Medizin

Manche Ausbilder der Osteopathie vertreten eine grundlegende Überzeugung, die sicher auch für andere gegenwärtige medizinische Auffassungen gültig ist und sich auch in einem viel beachteten Patientenbuch über Osteopathie wieder findet:

Die Osteopathie versteht sich als eine ganzheitliche Medizin, die auf soliden, wissenschaftlichen und schulmedizinischen Grundlagen aufbaut. Philosophische oder gar religiöse Aspekte haben in der Osteopathie nichts verloren. (1)

Für einen außen stehenden Menschen, der zwar Philosoph und religiös, aber kein Mediziner ist, stellen sich angesichts einer solchen Äußerung zumindest zwei Fragen. Was will der Autor mir damit sagen? Und warum hat “Osteopathie” eigentlich nichts mit philosophischen oder “gar” religiösen Aspekten zu tun? Die Äußerung Christoph Newigers (Anm.: ein wissenschaftsjournalist, der die OSteopathie-Szene seit 20 Jahren studiert) steht in einem Abschnitt über “Qualitätskriterien bei der Behandlung”, in dem der Autor Patienten Ratschläge gibt, woran sie gute von schlechten Osteopathen unterscheiden können. Dabei wird auch erörtert, welche finanziellen Gepflogenheiten auf einen schlechten Osteopathen schließen lassen bzw. was Osteopathen vor dem Hintergrund ihrer fünfjährigen Ausbildung können und nicht können. Wenn daher ein Osteopath philosophische und religiöse Aspekte in die Behandlung einfließen lässt, ist er mithin als ein schlechter Osteopath erkennbar. Das Gleiche ist der Fall, wenn ein Osteopath versuchen sollte, ein psychisches Problem zu behandeln. Schließlich wurde er intensiv in manuellen Techniken zu einer Art Körperspezialist ausgebildet, der fixiertes Leben wieder in Bewegung bringen soll. Nun ist die Psyche aber nicht manuell erfassbar. Folglich ist ein Osteopath, der sich an der Psyche versuchen sollte, ein schlechter Osteopath. Ungefähr dies scheint uns der Autor wohl vermitteln zu wollen. Aber überzeugt uns das eigentlich? Ist dies überhaupt mit dem Anspruch vereinbar, als Osteopath “ganzheitliche Medizin” ausüben zu wollen? Wie kann eine Medizin ganzheitlich sein, wenn psychische Probleme von einem “gut” ausgebildeten Osteopathen gar nicht erfasst werden dürfen? Wurde das Problem im Abendland, aber auch in Arabien, Indien und China 2500 Jahre (oder noch länger) nicht anders betrachtet? Und nicht zuletzt: Entspricht dies überhaupt der klassischen Osteopathie Andrew Taylor Stills und William Garner Sutherlands, auf die Christoph Newiger in seinem schönen Buch zustimmend Bezug nimmt?

Das Zitat zeigt eine verbreitete Zurückhaltung im medizinischen Bereich an. “Philosophie” oder “Religion” scheinen dabei nichts mit “guter” Medizin zu tun zu haben. Beide Komponenten mögen reine Privatsachen darstellen, aber im therapeutischen Behandlungsalltag, der eine Interaktion zwischen Menschen darstellt, haben sie nichts verloren. Eine Behandlung hat rein medizinisch-wissenschaftlichen Prinzipien, aber keinen irgendwie gearteten philosophischen und schon gar nicht religiös gefärbten Prinzipien zu folgen. Behandler und Patient, so sehr religiös und philosophisch diese auch interessiert sein mögen, werden aufgefordert diese inneren Dimensionen vor dem Behandlungsraum zurückzulassen. “Ganzheitliche Medizin” schränkt also ihre Betrachtung so ein, dass sie definiert, was “ganzheitlich” ist: Der Körper ist das Ganze. Philosophische und religiöse Aspekte sind daher nicht nur unwichtig, sondern sogar unerwünscht. Beide Aspekte bilden aber recht häufig kombiniert den Kern dessen, was “Spiritualität” ausmacht.

Eine allgemeine Heranführung

Der Ausdruck “Spiritualität” geht auf das lateinische Wort spiritus zurück. Es bedeutet in der deutschen Sprache vor allem “Geist” und “Hauch”. Wer also “Spiritualität” betont, unterstellt sehr häufig, dass das Zentrum des Lebens, dasjenige, was “lebendig” macht und in “Bewegung” bringt, zwar auf den Körper bezogen, aber nicht im strengen Sinne äquivalent mit den physischen und biotischen Prozessen des Körpers ist. Man betont in der Regel, dass es sich um etwas Unsichtbares, nur indirekt Erfassbares handele – wie eben den “Hauch”. So kann man zugeben, dass es dies z.B. ohne Strukturen und Funktionen des zentralen und autonomen Nervensystems nicht gibt. Doch wird man darauf bestehen, dass es nicht äquivalent mit diesen Strukturen und Funktionen ist. Und auf diese Weise sucht man einen Weg zur vollständigen “Ganzheit” des Menschen, der ja ein somatisch-psychisches Individuum ist, das in sozialen Beziehungen, in einer Gesellschaft lebt. Eine ernsthaft “ganzheitliche” Medizin stellt sich die Aufgabe, das Phänomen von Krankheit und Gesundheit auf das gesamte Individuum in allen seinen Interaktionen zu beziehen. Diesen Anspruch erhebt zumindest die moderne Osteopathie in ihrer Außendarstellung und er ist in den außereuropäischen Traditionen des Ayurveda und der Traditionellen Chinesischen Medizin ebenso zu finden wie in der klassischen Medizin der Antike von Hippokrates und Galen. Der Mensch wird als psychisch-somatische Einheit betrachtet, dessen Lebenszentrum bzw. zentrales Lebensinteresse durchaus religiös oder geistig-spirituell bestimmt sein kann. In diesen drei medizinischen Traditionen findet sich entsprechend eine klare philosophische Reflexion der eigenen medizinischen Praxis. Um den Menschen zu nützen und nicht zu schaden, muss man ein Bild des ganzen Menschen in seinen Beziehungen im Universum haben. Und die medizinische Praxis muss sich selbst kritisch betrachten, was ihr möglich und was ihr nicht möglich ist. Unter diesem Gesichtspunkt verstanden die Griechen und Römer die Medizin als Kunst, als techne oder ars. Das besagte, man wusste um die allgemeinen Regeln von Krankheit und Gesundheit und was am Besten zu tun sei. Der einzelne Fall ließ sich aber mit bestehendem Regelwissen oft nicht behandeln, so dass er das vorhandene Regelwissen infrage stellte und zur Erweiterung drängte. Entsprechend kann dieses Wissen, das in diesen Fragen “immer auch alles anders sein kann” (Aristoteles (2)), durchaus auch religiös chiffriert werden. Man ruft beim Ablegen des Hippokratischen Eides deshalb den Apollon und die Hygieia an. Der religiöse Bezug verweist somit auf einen Punkt, der Patienten und Ärzten entzogen ist: die bereits Hippokrates und Galen bekannten Selbstheilungskräfte der psychisch-somatischen Einheit. Damals war man davon überzeugt, dass ein religiöses Engagement, eine spirituelle Komponente für beide Seiten, Arzt und Patient, im Zeitraum einer begleitenden Therapie hilfreich sein könne. Sie befreit von der Illusion, die Heilung technisch herbeiführen zu können.

Still und Sutherland

Wer die Werke von Still (Abb. 1) und Sutherland (Abb. 2) sorgfältig studiert, erkennt darin die gleiche Geisteshaltung. Still betonte, dass die Osteopathie Philosophie sei (3). Damit ist gemeint, dass der Osteopath den einzelnen Menschen in allen seinen Beziehungen wahrnehmen muss, um hilfreich seine Selbstheilungskräfte von Blockaden befreien zu können. Im Anschluss an Still ist dies jüngst von James McGovern und Rene McGovern zeitgemäß weiterentwickelt worden (4).

Für Still ist dabei ausschlaggebend, dass die Osteopathie aufgrund der evolutionär in die Natur des Menschen (und der Tiere) eingeschriebenen Selbstheilungskräfte handelt, die ihr vorgegeben sind – wie er im Anschluss insbesondere an Herbert Spencer formuliert (5). Still selbst drückt dies mittels einer aufklärerischen religiösen Metaphorik aus. Sie nimmt Anleihen bei den deistischen Positionen der europäischen und amerikanischen Aufklärung. Danach hat Gott die Naturgesetze geschaffen und greift entsprechend über diesen Gesetzesaspekt hinaus nicht in das Geschehen ein (was im Übrigen eine Parallele zur Götterauffassung in der griechischen Medizin darstellt). Dass Still hierzu nicht die Uhrmachermetapher wählt, die Gott als Uhrmacher versteht, der eine Welt als vollkommenes Uhrwerk hergestellt hat, wie dies häufig bei Deisten der Fall ist, liegt offenbar an seiner langjährigen Beschäftigung mit der Freimaurerei (6). So spricht er vom “Großen Architekten”, “Großen Vermesser” usf., der im Menschen sein Meisterstück “gebaut” habe. Der Mensch selbst erfasst dies über seinen “Verstand”. Insofern ist der Mensch nicht nur “materieller Körper (material body)”, sondern auch “Verstand (mind)”. Als drittes Element des einheitlichen Menschen unterstellt Still ein “spirituelles Wesen (spiritual being)”, das auf den Seelenaspekt verweist. Doch dieses spirituelle Wesen bzw. die Seele bewegt den materiellen Körper und bezeichnet daher die Dynamik des Lebens. Wenn also “Leben Bewegung ist”, dann ist nach Still bei Fixierungen der Bewegung durchaus auch die Seele beteiligt. Umgekehrt darf man von ihr die Freisetzung der Selbstheilungskräfte erhoffen. So gilt Still zufolge “man is triune” (7) – der Mensch ist eine dreifach differenzierte Einheit, deren drei Aspekte stetig miteinander kommunizieren und aufeinander bezogen sind.

Stills Schüler Sutherland baut auf den Erwägungen seines verehrten Lehrers auf. Philosophisch steht ihm hierbei nicht so sehr Spencer als offenbar vielmehr dessen Nachfolger im so genannten “Twilight Club”, der Künstler, Wissenschaftler und Philosoph Walter Russell, als geistiger Ratgeber zur Seite (8). Sutherland ist nicht nur wegen der Erweiterung des osteopathischen Konzepts auf den kranialen bzw. kraniosakralen Bereich berühmt geworden, sondern auch wegen seines umstrittenen Postulats eines Primären Respiratorischen Mechanismus (PRM). Dieser lässt sich nicht eindeutig messen, wie die verschiedenen, recht unterschiedlichen Messergebnisse nahe legen (9), sondern Sutherland verweist zufolge auf etwas, das außerhalb des Menschen liegt. Und Sutherland chiffriert dies religiös mit der traditionellen biblischen Metapher, dass Gott den Menschen aus Erde formte und ihm lebendigen Atem einhauchte (vgl. 1. Mose 2, 7). So zeigt sich in der zerebrospinalen Flüssigkeit eine tiefere Wirklichkeit, die “Flüssigkeit in der Flüssigkeit”, “flüssiges Licht” usf., die auf die göttlich der Natur eingeschriebene Möglichkeit der Heilung verweist. Es geht Sutherland um “Spiritualität” (10), die eindeutig darauf hinweist, dass der Mensch, der Patient und der Arzt sich in einer Welt vorgegebener Phänomene und Mechanismen befindet, die sich seinem Einfluss entziehen. Dies erklärt im Übrigen auch, warum Sutherland trotz seines unentwegt forschenden Geistes nie ernsthaftes Interesse am physikalischen Nachweis des PRM hatte. Schließlich handelt es sich seiner Meinung nach im Wesentlichen um eine spirituelle und auf das Individuum bezogene Quelle, eben einen “Hauch”, der sich der Newtonschen Physik naturgemäß entzieht. Versuche in diese Richtung deuten auf eine Fehlinterpretation der Ursprungstexte und den wiederholten Versuch hin, die Osteopathie ihrer spirituellen Wurzeln zu berauben, um sie systemkonformer zu gestalten.

Auch wenn man im Christentum beheimateten Metaphern eher distanziert gegenüber steht, kann man den Gedanken Sutherlands etwa durch eine Kombination von Quantenphysik und fernöstlicher (neo-)hinduistisch inspirierter Mystik ausdrücken, wie dies bei Handoll der Fall ist und bereits vor über 15 Jahren in den Gesprächen zwischen Jiddu Krishnamurti und David Bohm dargelegt wurde (11). Immer aber kommt es darauf an, dass Ärzten und Patienten der Heilungsvorgang evolutionär vorgegeben ist. Im Klartext: Weder Arzt noch Patient besitzen die Macht zu heilen. Das Festhalten an hierarchischen Machtstrukturen ohne Reflexion der Spiritualität verhindert somit Entfaltung der Selbstheilungskraft im Sinne des triune man. Viola Frymann hat das einmal treffend so formuliert: “Ich selbst mache gar nichts. Ich lasse es zu, dass die Dinge durch mich hindurch gemacht werden. ”(12)

Triune osteopathy

Glaubt man den großen Traditionen der Medizingeschichte bis hin zur klassischen Osteopathie nach Still und Sutherland, dann führen bei der Behandlung mit berücksichtigte Philosophie und Spiritualität durchaus zu etwas Gutem. Und tatsächlich scheint in dieser, nennen wir es mutig triune osteopathy der Schlüssel zu einer Art medizinischer Feldtheorie der Zukunft zu stecken, wie diese bei James & Rene McGovern bereits beschrieben wurden. Dabei bildet das solide Grundwissen den body, die selbstkritische Reflexion des eigenen Denkens und Wirkens den mind und die Anerkennung einer sich der Macht des Menschen entziehenden Selbstheilungskomponente das spiritual being. Zugegeben, diese triune osteopathy macht es Behandlern und Patienten nicht einfach, denn sie degradiert den Macher zum Mittler und ermahnt den ohnmächtigen Patient zu mehr Selbst-Bewusstsein und Eigenverantwortung. Ein Überdenken einträglicher, schmeichelhafter und bequemer Gewohnheiten zugunsten einer tatsächlich ganzheitlichen Sichtweise, d.h. die Anpassung des Gesundheitssystem an die traditionelle bzw. klassische Osteopathie scheint momentan jedoch utopisch. Um dennoch eine Anerkennung zu erreichen, bleibt nur noch der Weg, sie durch Ausklammern ihrer philosophischen und spirituellen Aspekte systemkonform zu machen. Ob dies allerdings im Sinne einer triune osteopathy ist und überhaupt noch als Osteopathie bezeichnet werden kann, wird hier zumindest von den Autoren ernsthaft bezweifelt. Ein kritischer Blick in die Vereinigten Staaten zeigt uns die Konsequenzen sehr klar. Nicht umsonst werden die nach dem Zweiten Weltkrieg ausgebildeten Osteopathen als so genannte lost generation bezeichnet.

Neu gedeutet

Kehren wir zum Zitat Christoph Newigers zurück. Vielleicht lässt es sich ja auch durchaus positiv interpretieren. Insbesondere esoterisch orientierte Osteopathen sollten trotz ihrer zweifellos vorhandenen philosophischen und spirituellen Potenziale, ihre ganz persönlichen Ansichten lediglich als eine von vielen möglichen Ansichten akzeptieren und daher möglichst nicht in die Behandlung einfließen lassen, da sie dem Wirken der übergeordneten Selbstheilungskräfte hinderlich sein können. In diesem Sinn stimmen die Autoren Herrn Newiger durchaus zu. Gleichwohl gehört zu einem kompetenten Behandler die grundsätzliche Anerkennung der Vorgegebenheit der Selbstheilungskräfte und das ständige selbstkritische Überdenken der eigenen Position bzw. Entwicklung. Das ist jedenfalls die so gut wie einhellige Meinung der Tradition. Und sie lässt sich durchaus auch heute gut begründen wie James und Rene McGovern gezeigt haben.

Fazit

Die osteopathische Philosophie nach Still und Sutherland ist de facto nicht in unser bestehendes Gesundheitssystem zu integrieren. Einer nur scheinbar ganzheitlichen, dafür aber systemkonformen Körpertherapie steht eine tatsächlich ganzheitliche, aber gegenwärtig nicht in das Gesundheitssystem integrierbare triune osteopathy gegenüber. Folglich müssen sich Osteopathen, Lehrer, Schulen, Verbände, Akademien und politische Instanzen hier im Interesse der Patienten klar positionieren und es darf mit Spannung beobachtet werden, ob sich die amerikanische Geschichte der Osteopathie auch in Deutschland wiederholen wird. Vielleicht zeigen die deutschen Vertreter aber trotz Sach- und Interessenszwänge ein besseres Standing bzgl. der triune osteopathy. Dieses mutige Signal zum Aufbruch in eine bessere Medizin wäre den Patienten jedenfalls zu wünschen.


Literatur

(1) Newiger C: Osteopathie. Sanftes Heilen mit den Händen. 2.A. Trias, Stuttgart, 2001, S. 168.
(2) Aristoteles: Ars Rhetorica. Oxford 1959, 1357a 22–24 (vgl. Aristoteles, Rhetorik, 1981 [UTB 159], 16f).
(3) Vgl. Andrew Taylor Still: The Philosophy of Osteopathy, Kirksville 1899.
(4) Vgl. James/Rene McGovern: Dein innerer Heiler, JOLANDOS Verlag, Pähl, 2003.
(5) Vgl. [Herbert Spencer](/blog/who-is-who/sonstige/herbert-spencer: Die ersten Prinzipien der Philosophie. JOLANDOS Verlag, Pähl 2004: §§ 173–175.
(6) Vgl. Jane Stark: Stills Fascia. Unveröffentlichte These, CCO, Toronto, 2004. (Anmerkung 04.07.17: Deutsche Ausgabe: Stills Faszienkonzepte)
(7) Still (s. Anm. 3), 26.
(8) Vgl. z. B. Walter Russell: The Universal One. Swannanoa, 1926, reprint 1974.
(9) Vgl. Nicholas Handoll: Die Anatomie der Potency, JOLANDOS Verlag, Pähl, 2004.
(10) Vgl. z. B. Das große Sutherland-Kompendium. JOLANDOS Verlag, Pähl 2004, S. II–255.
(11) Vgl. Jiddu Krishnamurti im Gespräch mit David Bohm: Vom Werden zum Sein. Bern, 1987.
(12) Viola Frymann: Persönliches Gespräch mit C. Hartmann, Isny, Mai 2003.

 


Bilder mit freundlicher Genehmigung des Museum of Osteopathic Medicine, Kirksville.

Der Text ersetzt keine therapeutische Konsultation. Der Autor des Artikels ist für keinen Schaden verantwortlich, der aus der Anwendung von Informationen aus diesem Artikel entstehen sollte.

© Christian Hartmann, 2017 


 

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