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The Spotted Monster (Pocken)


Archiv: OT.FA.04.1
Autor: Christian Hartmann
Erstveröffentlichung: DO – Deutsche Zeitschrift für Osteopathie 2004; 2: 30.
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„Edward Jenner"

 

Edward Jenner (1749–1823)

Bereits vor über 3.000 Jahren gab es Berichte aus Ägypten, Indien und China über die verheerende Wirkung der Pockeninfektion (Syn.: Variola, Blattern, „The Spotted Monster“). In Europa finden sich erste Beschreibungen im Canon Medicinae des Avicenna (1135–1185). (1) Die Seuche wird dort schon im „ganzheitlichen“ Kontext als ansteckende Krankheit beschrieben, die nur Menschen einer bestimmten Konstitution erfasst. (2) Man schätzt, dass die Variola zwischen 1700 und 1880 allein in Europa und Amerika 40 Millionen Kinder dahinraffte. Auch Beschreibungen, sich vor Pocken zu schützen, datieren weit zurück. Vom Einblasen getrockneter Blatternpusteln im alten China bis hin zum Einbringen infizierten Materials in die Haut (Inokulation) im mittelalterlichen Arabien ist alles zu finden. Das Grundprinzip der Impfung schien den einfachen Menschen also bereits in alten Zeiten bekannt gewesen zu sein. So auch einigen englischen Milchbauern im 18. Jahrhundert. Um ihren Betrieb am Laufen zu halten, infizierten sie ihr Melkpersonal mit der milderen Kuhpockenform. Danach schienen sie immun gegen Menschenpocken zu sein. Dem englischen Landarzt Edward Jenner gebührt die Ehre, das medizinische Potential dieses „Bauerntricks“ erkannt, in kontrollierten Versuchen nachgestellt und 1798 veröffentlicht zu haben. (3) Die Immunisierung durch die nun als „Vakzination“ (vacca = Kuh) bezeichnete Methode erklärte er mit der Verwandtschaft beider Erreger, wobei die humane Form seiner Meinung nach beim Übergang vom Menschen auf die Kuh eine abschwächende Mutation durchmachte.

Die verheerenden Pockenepidemien führten zur raschen Verbreitung der Vakzination. Historische Quellen, wie etwa die Seuchenregister Londons, belegen allerdings ein komplettes Versagen der neuen Impfmethode. Zudem berichten zahlreiche zeitgenössische Ärzte von verheerenden Nebenwirkungen. So auch Andrew Taylor Still:

„Wenn man in Städte geht, wo die strengsten Regelungen herrschen, welche die Menschen zur Impfung zwingen, wird man feststellen, dass es dort ebenso viel Pocken oder mehr gibt als in den Städten, wo es überhaupt keine Impfung gibt … Die Furcht vor Krankheit und Tod durch Impfung lässt die Menschen zögern, einen Impfstoff durch militärische Gewalt in die Arme von Kindern oder älteren Leuten spritzen zu lassen.“ Und weiter: „Ich möchte nicht im Geringsten gegen die Bemühungen Jenners hetzen. Ich denke, sie waren gut, aber ich glaube wirklich, dass effektivere und ungefährlichere Substanzen verwendet werden können als die fauligen Verbindungen von Pocken.“ (4)



Stills Alternative:

„Ich glaube, wir befinden uns auf der sicheren Seite, wenn wir ausgedehntere Experimente mit Pocken und ihrer Bekämpfung durch Cantharidin oder irgendeine andere Substanz, die ein ansteckendes Fieber verursacht, machen. Wenn wir ein ansteckendes Fieber haben, erfasst dieses Fieber den ganzen Körper und hält ihn unter Kontrolle, bis es sein Werk vollendet hat.“ (5)



Hier zog er der Idee einer Kreuzimmunisierung, also einen eher homöopathischen Denkansatz vor.

Er hatte zudem eine genaue Vorstellung der Pathophysiologie. Sämtliche Erreger gelangen demnach über schlecht versorgte Lungen in das Blutsystem und von dort in die Zellen, in der es nach Vermischung der Flüssigkeiten zu einer Art „Explosion“ kommt. Dies führt zu einer Veränderung der Blutkörperchen und der krankhafte Prozess gelangt über das Lymphsystem in den Faszien schließlich zur Haut. Modern ausgedrückt: Einnistung des Pockenvirus in die Zellkern-DNA nach hämatogener Streuung, Virus-Replizierung bis zum Zerfall der Zellmembran, Immunantwort durch freigesetzte Zellbestandteile mit konsekutiver Hautreaktion. So erklärt sich auch Stills osteopathischer Behandlungsansatz: „Deshalb müssen wir zur Bekämpfung dieser Krankheit die Nerven auswählen, die mit der Reizwahrnehmung, Bewegung, Ernährung und den willentlichen und unwillentlichen Kräften der Lungen zu tun haben.“ Hier irrt Still in einem zentralen Punkt, denn bei Variola handelt es sich um keine Tröpfcheninfektion. Sein Behandlungsansatz muss daher durchaus kritisch bewertet werden. Damit teilt er ungewollt das Schicksal seines Kollegen Edward Jenner, denn heute weiß man: Kuh- und Menschenpocken sind jeweils eigenständige Virusstämme. Eine Kreuzimmunisierung ist somit ausgeschlossen.


Literatur

(1) Wittmann, J.: Pest, Pocken und Masern im Lateinischen Canon Medicinae des Avicenna, Diss. TU München, Eigenverlag, 1994, S. 1–2.
(2) Alpago, Andrea: Canon Medicinae des Avicenna. Lib. 4, Fen. 1, Trac. 4, Cap. 6. Basel, 1556, S. 807.
(3) Jenner, E.: An inquiry into the causes and effects of the Variolae vaccinae, a disease discovered in some of the western counties of England, particulary Gloucestershire, and known by the name Cowpox. Lond. 1798. Dtsch. Übers. v. Ballhorn. Hannover, 1799.
(4) Alle Still-Zitate und seine Pathophysiologie der Pocken finden Sie in Still A.T.: Das große Still-Kompendium. JOLANDOS Verlag, Pähl, 2005.
(5) Toxin der Familie der Ölkäfer. Rötung der Haut, Blasenbildung, bis hin zur eitrigen Geschwüren. Intern harntreibend und magenreizend. Zudem löst C. eine schmerzhafte Erektion aus, warum es auch als Aphrodisiakum verwendet wurde (Syn.: „Spanische Fliege“).
Internet

http://www.infobitte.de/free/lex/allgLex0/k/kantharidin.htm (04.03.2004)

 


Bilder mit freundlicher Genehmigung der Mary Evans Picture Library, London.

Der Text ersetzt keine therapeutische Konsultation. Der Autor des Artikels ist für keinen Schaden verantwortlich, der aus der Anwendung von Informationen aus diesem Artikel entstehen sollte.

© Christian Hartmann, 2017 


 

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