Sutherland und das flüssige Licht


Archiv: OT.FA.04.3
Autor: Christian Hartmann
Erstveröffentlichung: DO – Deutsche Zeitschrift für Osteopathie 2003; 4: 30.
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Spiritualität

1939 stellte W.G. Sutherland (1873–1954) in The Cranial Bowl seinem Berufsstand den ersten Teil der kranialen Osteopathie vor. Er betrachtete sie von Anfang an als zwingend integralen Bestandteil der traditionellen Osteopathie, so wie diese von seinem Lehrer, A.T. Still (1828–1917), dargelegt worden war. Auch J.M. Littlejohn (1865–1947) dürfte hier inspirierend gewirkt haben, da Sutherland 1898 bis 1900 sein Einkommen als Student durch Rezensionen von Littlejohns Aufsätzen aufbesserte. Bereits damals beschrieb dieser unspezifische Eigenbewegungen innerhalb des Schädels.

Eine Interpretation seines kranialen bzw. später kraniosakralen Konzepts außerhalb der Osteopathie lehnte Sutherland nachdrücklich ab. In den späten 1940ern beginnt Sutherland gegen Ende seines Lebens zurückhaltend die Begriffe „flüssiges Licht“, „Potency“ und „Primärer Respiratorischer Mechanismus“ (PRM) in Verbindung mit dem bekannten Bibelausdruck „Atem des Lebens“ zu erläutern. All diese metaphorischen Ausdrücke – insbesondere das „flüssige Licht“ - sind dabei als Versuch zu deuten, die spirituelle Dimension jenes Phänomens ins Spiel zu bringen, das den Therapeuten bei der Wahrnehmung des PRM quasi ganzheitlich erfasst. Wie auch bei Still wäre es ein Fehler, derartige Redewendungen wörtlich zu nehmen.

Hier zeigt er sich ganz als Schüler Stills, denn auch dieser hatte die Spiritualität nie aus der Osteopathie ausgeklammert.

Wie aber kam Sutherland zu diesen neuen Erkenntnissen? Einen Hinweis darauf gibt Rollin Becker (1918–1954), ein Schüler und später engster Vertrauter Sutherlands. Nach dem PRM gefragt, antwortete dieser trocken mit: „Lies Quantenphysik!“.

Sutherland und Walter Russell

Verfolgt man nun die persönlichen Spuren Sutherlands unter diesem Gesichtspunkt, stößt man schnell auf den Namen eines amerikanischen Universalgenies: Walter Russell (1871–1963).

Der Künstler, Philosoph und Wissenschaftler Russell war bestens mit der Physik seiner Zeit vertraut und hatte trotz seiner rudimentären Schulausbildung ein umfassendes metaphysisches Konzept des Universums entworfen. Damit war er beispielsweise in der Lage, die Isotopen Deuterium und Tritium lange vor deren Entdeckung vorauszusagen. Stark vereinfacht entwickeln sich nach Russell sämtliche Existenzen in Form einer großen Spirale und basieren auf polarisiertem Licht, das stetigen und rhythmischen Wechselwirkungen unterliegt. Wer in dieser Gesetzmäßigkeit lebt, bekommt Zugang zu einem universellen harmonisierenden Potential.

Russell veröffentlichte sein metaphysisch-physikalisches Gesamtkonzept erstmals 1926 in The Universal One. Russell und Sutherland standen Mitte der 1920er im Briefwechsel und es ist zu vermuten, dass es auch zu einer oder mehreren Begegnungen kam. Auch Rollin Becker und Robert Fulford (1905–1997) wurden später mit Russell vertraut. Eine nachhaltige Beeinflussung der drei bedeutenden Osteopathen ist damit noch nicht belegt, aber dennoch sehr wahrscheinlich.

Die zentrale Bedeutung von Licht, Rhythmus und spiralförmiger Entwicklung in Russells Konzept, die Verknüpfung von Spiritualität und Wissenschaft, der Hinweis auf ein dem Menschen nicht direkt zugängliches Potential – eine Menge verblüffender Koinzidenzen.

Russell, Spencer und Still

Russell war langjähriger Präsident des von Herbert Spencer und Ralph Waldo Emerson (1803–1882) in den 1870ern gegründeten Twilight Club. Spencer und Emerson sahen die moralische Entwicklung der Menschheit zur Abenddämmerung (engl.: twilight) des 19. bzw. Morgendämmerung des 20. Jahrhunderts in großer Gefahr. Daher verpflichteten sich die bedeutenden Mitglieder des Clubs dazu, ihren Einfluss zum Wohl und zur moralischen Weiterentwicklung der Menschheit einzusetzen.

Für die Geschichte der Osteopathie von Bedeutung ist dabei die Tatsache, dass Russells Konzept auf das Gedankengut von Herbert Spencers epochalem Werk First Principles zurückgeht, welches Andrew Taylor Still wiederum bei der Entwicklung seiner osteopathischen Philosophie maßgeblich beeinflusst hat.

 


Quellen (Auszug)

(1) Fossum C.: Seminarunterlagen J.M.Littlejohn, 2003.
(2) University of Science and Philosophy, persönliche Gespräche, 2004.
(3) Russell, W.: The Universal One, Swannanoa, 1926.
(4) Russell, W.: The Bending of the Twig, New York, 1903.
(5) Spencer, H.: Die ersten Prinzipien der Philosophie, JOLANDOS Verlag, Pähl, 2004.
(6) Stark, J.: Stills Faszienkonzept, JOLANDOS Verlag, Pähl, 2003.
(7) Still A.T.: Das große Still-Kompendium. JOLANDOS Verlag, Pähl, 2005.
(8) http://www.twilightclub.org (Stand 01.03.2004)

 


Der Text ersetzt keine therapeutische Konsultation. Der Autor des Artikels ist für keinen Schaden verantwortlich, der aus der Anwendung von Informationen aus diesem Artikel entstehen sollte.

© Christian Hartmann, 2017 


 

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