Osteopathie - Teil 2: Gründerväter und klinische Aspekte


Archiv: OF.FA.09.2
Autor: Christian Hartmann
Erstveröffentlichung: Physiotherapie Med, 2009, 2: S.31–35.
Artikelserie: Teil 1, Teil 2, Teil 3
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Einleitung

Nach der ausführlichen Beschreibung von A.T. Stills Philosophie der Osteopathie im vorigen Artikel werden nun zunächst kurz jene zwei Osteopathen vorgestellt, die maßgeblichen Anteil an der Weiterentwicklung der Osteopathie hatten. Danach wird genauer auf Behandlungsphilosophie, Behandlungssetting, Untersuchung und Techniken eingegangen. Der Artikel schließt mit einem Hinweis zur Indikation bzw. zur fachlichen Kooperation.

Ich möchte hier betonen, dass es innerhalb der Osteopathie bis heute keine verbindlichen Curricula, Definitionen und auch keine Terminologie gibt. Zwar bin ich um Neutralität bemüht, kann aber hinsichtlich klinischer Aspekte eine gewisse Subjektivität nicht vermeiden.

Stills Erben

J.M. Littlejohn (1865–1947) übertrug ab 1898 die bis dahin streng anatomisch bestimmte Anatomie auf die Physiologie und transformierte die eher philosophischen Überlegungen seines Lehrers Still mittels brillanter Forschungsarbeiten in die Wissenschaftssprache des 20. Jahrhunderts. Damit wurde er nicht nur zum Mitbegründer der modernen Biomechanik, seine Forschungsarbeiten belegten erstmals auch den über vegetative Reflexbögen vermittelten Zusammenhang zwischen Läsionen des Bewegungsapparats und viszeralen Erkrankungen. In seinem Werk Psychophysiologie (1899) greift er zudem der modernen psychosomatischen Medizin voraus. (10) Seine größte Leistung bestand aber darin, dass er trotz exzellenter analytischer Forschungsarbeit den Menschen niemals als ganzheitliches Wesen aus den Augen verlor und die Kernkompetenz der Heilung ganz im Sinne von Still stets einer nicht nachweisbaren schöpferischen Kraft im Menschen – er nannte sie „Lebenskraft“ – zuschrieb. Auch für Littlejohn war der Osteopath lediglich ein ausgezeichneter Handwerker mit der Aufgabe, optimale Rahmenbedingungen für das Wirken der Lebenskraft zu schaffen. 1917 kehrte Littlejohn nach England zurück und eröffnete mit der British School of Osteopathy (BSO) in London die erste und lange Zeit einflussreichste Osteopathieschule Europas. (11)

Neben Still und Littlejohn zählt William G. Sutherland (1873–1954) zu den drei Gründervätern der Osteopathie. 1900 hatte er beim Betrachten der Suturen eines disartikulierten Schädels die Eingebung: „Abgeschrägt wie die Kiemen eines Fisches…“ und schloss daraus auf eine feine rhythmische Atembewegung der Schädelknochen. In Selbstversuchen bestätigte er diese These und folgerte, dass traumatische Ereignisse wie etwa die Geburt oder zahnmedizinische Eingriffe zu Läsionen innerhalb eines oder zwischen mehreren Schädelknochen führen können. Die daraufhin eingeschränkte Zirkulation des Liquors beeinflusst das Zentrale Nervensystem und begünstigt damit alle Arten organischer und funktioneller Störungen im Gesamtorganismus. Sutherland erkannte Gehirn, Rückenmark, Liquor und Gehirnhäute als eigenständiges, bis hinunter zum Sakrum reichendes Organsystem, in dem mittels feinster Palpation ein unabhängiger Primärer Respiratorischer Mechanismus (PRM) als die eigentliche Heilinstanz wahrnehmbar ist. Damit begründete der ehemalige Still-Schüler bereits in den 1930ern vollständig das Kraniosakrale Konzept als integralen Bestandteil der Osteopathie.[1] (15)

Behandlungsphilosophie

Die im Menschen stets auf harmonisch balanciertem Ausgleich basierenden Mechanismen sind an sich vollkommen und allein für die Heilung verantwortlich. Einschränkungen oder Erkrankungen stellen demnach keine Pathologien dar, sondern lediglich hyper- oder hypophysiologische Prozesse. (10) Der Osteopath sieht seine Aufgabe in der Verbesserung der anatomisch-physiologischen Rahmenbedingungen, damit eben jene Prozesse durch das optimierte Fließen der Körperflüssigkeiten wieder in den normal-physiologischen Zustand gelangen und eine Heilung der betroffenen Gebiete bewirken können. (3), (14) Es wird kein Wert auf schnelle und unmittelbar messbare Verbesserungen einzelner Körperabschnitte gelegt, vielmehr werden nachhaltige und integrierte Anpassungen in Bezug auf den Menschen in seiner Gesamtheit angestrebt. Da sich hierbei die sensitiv-intuitive Erfassung des Gesamtorganismus gegenüber der analytischen Bewertung lokaler Vorgänge als weit überlegen zeigt, spielt die perzeptive bzw. palpatorische Wahrnehmung zusammen mit der ganzheitlich ausgerichteten Visualisierung des Körpers eine überragende Rolle. (4), (5), (6), (8)

Behandlungssetting

Da es um die Behandlung eines lebendigen Wesens geht, ist es von größter Wichtigkeit, sich den dynamischen Veränderungen im Organismus optimal und zeitnah anzupassen. Dies gelingt, indem man möglichst viel manuellen Kontakt zum Patienten behält und erklärt, warum Osteopathie ein BeHANDeln im ursprünglichsten und besten Sinn ist und warum Behandlungspläne oder -geräte eine untergeordnete Rolle spielen.[2] Eine Behandlung dauert normalerweise 40–60 Minuten, bei Kindern 30–40 Minuten. Das Honorar beträgt je nach Ausbildungsstand und Erfahrung zwischen 60 und 100 Euro. Die einzelnen Behandlungstermine werden gewöhnlich zusammen mit den Patienten je nach individueller Einschätzung vereinbart, wobei selbst in Akutfällen selten häufiger als ein Mal pro Woche behandelt wird. Schließlich braucht der Körper Zeit, um in Ruhe auf die in ihn gesetzten Impulse zu reagieren und die daraus resultierenden Veränderungen zu integrieren. Im Idealfall wird jeder Patient bei jeder einzelnen Behandlung so wahrgenommen, als käme er zum ersten Mal. Sämtliche Untersuchungs- und Behandlungstechniken werden ausschließlich weich und mit absolutem Respekt vor den Geweben appliziert. Sobald der Patient über behandlungsbedingte Schmerzen oder Unwohlsein klagt, wird sich der Osteopath unmittelbar anpassen. Somit bestimmt nicht der Osteopath, sondern der Patient oder genauer gesagt die palpatorisch gewonnene Information den Ablauf einer Behandlung. (4), (5), (6), (8)

Untersuchung

In der Osteopathie geht es stets um das Erfassen eines Menschen in seiner individuellen Gesamtheit und nicht um die analytische Befundung einzelner Körperteile. Folglich spielen das sorgfältige manuelle Untersuchen sämtlicher Organsysteme sowie das Erspüren des individuellen Heilpotenzials gegenüber der übrigen, zumeist allgemeinmedizinisch durchgeführten Anamnese eine weitaus größere Rolle. Dabei erfolgt die allgemeine manuelle Untersuchung durch das sogenannte „Listening“ (Zuhören), das man sich grob als eine Art Sammeln qualitativer Gewebeinformationen bei interpretationsfreiem Visualisieren vorstellen kann. Das geduldige „Sich-Einstimmen“ auf sich selbst, den Patienten und den Behandlungsraum, eine entspannte (Selbst-)Wahrnehmung und vor allem das Sich-Lösen vom therapeutischen Erwartungsdruck sind Grundvoraussetzungen für eine gute osteopathische Untersuchung. (5), (6)

Sämtliche Gewebe des Körpers neigen bei hyper- oder hypophysiologischen Zuständen oder Reizen zur Kontraktion. Der Körper versucht diese mechanische Disharmonie gewöhnlich durch fasziale Ableitungen im Körper zu verteilen. Dieses Phänomen macht sich der Osteopath zunutze, indem er besagte Spannungen mit den Händen zu erspüren versucht. Beim initialen globalen Listening steht der Osteopath hinter dem Patienten, legt seine Hände sanft auf die Schultern und später auf den Kopf des Patienten und spürt, wohin die faszialen Züge gehen. Diesen Zügen folgt er mit seinen Händen bis zu den „somatischen Dysfunktionen“ (alt: Primärläsionen), die sich häufig entfernt von den eigentlichen Schmerzgebieten befinden. Hier erkunden die Hände dann beim lokalen Listening vor allem Mobilität und Motilität der betroffenen Organe, wobei gleichzeitig immer in den gesamten Körper gespürt wird. (5), (6), (8)

Ein einfaches Beispiel: Ein Patient kommt mit persistierenden PHS-Beschwerden rechts, trotz bereits vor einem Jahr durchgeführter Akromionplastik. Das globale Listening ergibt Primärzüge im Oberbauch, zu den Schultern bzw. in Richtung Schädelbasis und Kopfgelenke. Auf Nachfrage gibt der Patient an, in den letzten Jahren immer wieder „mit dem Magen zu tun“ und vermehrt „haubenartige“ Kopfschmerzen gehabt zu haben. Weiß man, dass bei Magendysregulationen auch die fasziale Organhülle kontrahiert, und kennt man die Faszienverläufe oberhalb des Magens, erklären sich nach kranial rechtslastig verlaufende Zugspannungen. Da das Schultergelenk überwiegend durch Weichteile geführt wird, kann selbst eine minimale Veränderung der Schulter-Biomechanik auf Dauer eine PHS bewirken.

Aus didaktischen Gründen erfolgt die Dokumentation gewöhnlich in Bezug auf drei Körpersysteme: parietal, viszeral und kraniosakral. In den vergangenen Jahren rückt aber auch verstärkt die Befundung des fluidalen Systems in den Mittelpunkt, was den Entdecker der Osteopathie, A.T. Still, wohl besonders gefreut hätte, vermutete er doch bereits in den 1890ern im freien Fließen der Körperflüssigkeiten DAS Medium des natürlichen Selbstheilungsmechanismus.[3] (14)

Behandlungstechniken

Osteopathen verfügen über ein enormes Repertoire an Techniken. Anfänger halten sich bei der Auswahl gewöhnlich an erlernte Leitlinien, erfahrene Osteopathen verlassen sich hingegen ausschließlich auf ihre Intuition. Osteopathen sind sich der Individualität von Heilungsprozessen bewusst, versuchen nicht, diese mit allzu harten oder schnellen Impulsen zu beschleunigen, und erhöhen dadurch die Wahrscheinlichkeit einer nachhaltigen Integration. Besteht ein hohes Potenzial, kann intensiver, schneller und struktureller gearbeitet werden, bei niedrigem Potenzial muss man entsprechend zurückhaltend vorgehen. Gerne werden strukturelle, funktionelle oder energetische bzw. direkte und indirekte Techniken voneinander unterschieden. Diese Abgrenzung ist allerdings lediglich von didaktischem bzw. akademischem Wert, hängen doch Struktur und Funktion aufgrund komplexer Regelmechanismen immer zusammen. Jede der nachfolgend aufgelisteten Techniken muss unter diesem Aspekt betrachtet werden: [4]

  • Strain-/Counterstrain-Techniken: Durch kurze, gezielte Impulse werden „Antworten“ in den behandelten Geweben ausgelöst. (7)

  • Muskel-Energie-Techniken (MET): Unterschiedliche METs verbessern Tonus und Durchblutung der Muskulatur. (12)

  • High-Velocity-Low-Amplitude-Techniken (HVLA): Mit kleinen, schnellen Anwendungen wird die Position einer Struktur verändert. Hier besteht eine große Ähnlichkeit zu den historisch wesentlich jüngeren, weicheren chiro- bzw. manualtherapeutischen Techniken. (4)

  • Faszien-Release-Techniken: regen die Faszien dazu an, traumatische Muster selbst zu „entwirren“ (unwinding). (13)

  • Viszerale Techniken: verbessern die allgemeine Mobilität und Motilität der inneren Organe gegenüber angrenzenden Geweben. (1)

  • Kraniosakrale Techniken: beseitigen Einschränkungen im Kraniosakralen System und harmonisieren den Primärrhythmus.[5] (16)

  • „Intuitiv“-Techniken: Häufig merkt man bereits bei der Palpation feine fluktuierende Bewegungen anatomischer Strukturen. In diesem Fall „reitet“ man mit den Händen auf den Geweben und folgt einfach nur dem Körper. Es gehört zu den bisher ungeklärten Phänomenen der Osteopathie, warum gerade diese „Technik“ insbesondere bei funktionellen Störungen sehr erfolgreich ist. (8)



Behandlungsdauer und Behandlungserfolg richten sich ausschließlich nach dem subjektiven Empfinden des Patienten und nach der Bewegungsqualität sämtlicher Gewebe in Bezug auf das Individuum in seiner Gesamtheit. Quantitative bzw. objektive Parameter wie etwa das Bewegungsausmaß eines Gelenks spielen hierbei keine wesentliche Rolle.

Indikation und Kooperation

Erinnern wir uns nochmals an Stills zentrale Aussage über die Osteopathie: „Gesundheit zu finden sollte die Aufgabe des Arztes sein. Krankheit kann jeder finden.“ Osteopathen geht es also vorrangig darum, normal-physiologische Prozesse zu aktivieren und nicht selbst aktiv zu „heilen“ bzw. „gesund zu machen“. Insofern erübrigt sich eine Indikationsfrage, da jeder Mensch von der Osteopathie profitieren kann, sei es im Rahmen einer adjuvanten Maßnahme bei primär schulmedizinisch indizierten Behandlungen (z.B. Chemotherapie bei Tumorerkrankungen, Therapien bei systemischen Erkrankungen wie MS oder ALS oder bei stabilen psychischen Krisen, intensiver Muskelaufbau nach schweren chirurgischen Eingriffen etc.) oder kausal (vor allem bei funktionell oder psychosomatisch bedingten Beschwerden). Die medizinische Kunst aller an der Behandlung Beteiligten besteht – wie in jedem medizinischen Kontext – in der differenzierten Entscheidungsfindung, wann welche Maßnahmen vorrangig sind. Dazu bedarf es der hierarchiefreien Kooperation sämtlicher Beteiligter – selbstverständlich einschließlich des Patienten! Nur so lässt sich dessen individuelles Heilpotenzial optimal nutzen und ein Behandlungserfolg nachhaltig integrieren.

 


Literatur (Auszug):

(1) BARRAL, J.P.: Lehrbuch der viszeralen Osteopathie, Elsevier, München, 2002.
(2) BUEKENS J.: Osteopathische Diagnose und Behandlung, Hippokrates, Stuttgart, 2004.
(3) DEASON, W.,: Body Fluids. The Original Osteopathic Concept, Eigenverlag, Chicago, 1940.
(4) GREENMAN: Lehrbuch der osteopathsichen Medizin, Hippokrates, Stuttgart, 2008.
(5) HERMANNS, W.: GOT – Ganzheitliche osteopathische Therapie, Hippokrates, Stuttgart, 2006
(6) HINKELTHEIN, Z.: Diagnose- und Therapiekonzepte in der Osteopathie, Springer, Berlin, 2005..
(7) JONES, (2005) : Strain & Counterstrain
(8) LIEM, T.: Leitfaden Osteopathie. Elsevier, München, 2005.
(9) LIEM, T.: Leitfaden Viszerale Osteopathie. Elsevier, München, 2005.
(10) LITTLEJOHN, J.M.: Psychophysiologie. JOLANDOS Verlag, Pähl, 2009.
(11) LITTLEJOHN, J.M.: Fundamentals of Osteopathic Techniques, JWCCO, London, undatiert.
(12) MITCHELL, F.: Handbuch der MuskelEnergietechniken 1–3. Elsevier, München, 2006.
(13) SCHWIND, P.: Faszien- und Membrantechniken. Elsevier, München, 2003.
(14) STILL, A.T.: Das große Still-Kompendium. JOLANDOS Verlag, Pähl, 2005.
(15) SUTHERLAND, W.G.: Das große Sutherland-Kompendium. JOLANDOS Verlag, Pähl, 2008.
(16) UPLEDGER, J.: Lehrbuch der CranioSacralen Therapie 1, Hippokrates, München, 2003.

 


Der Text ersetzt keine therapeutische Konsultation. Der Autor des Artikels ist für keinen Schaden verantwortlich, der aus der Anwendung von Informationen aus diesem Artikel entstehen sollte.

© Christian Hartmann, 2017 


Fußnoten


  1. Der amerikanische Osteopath John Upledger koppelte diesen Teil der Osteopathie aus und entwickelte ihn seit den 1970ern in Form der Kraniosakralen Therapie weiter. Ausführlicheres hierzu im ersten Artikel Ausführliches hierzu auch im entsprechenden Artikel in Heft 01–2008.  ↩

  2. Warum dies in den Vereinigten Staaten nicht mehr der Fall ist, erfahren Sie im dritten Artikel dieser Serie.  ↩

  3. Siehe auch ersten Artikel.  ↩

  4. Für eine ausführlichere Beschreibung sei auf die einschlägige Fachliteratur bei JOLANDOS® verwiesen.  ↩

  5. Siehe auch ersten Artikel.  ↩

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