Osteopathie - Teil 1: A.T. Stills Medizinphilosophie


Archiv: OF.FA.09.2
Autor: Christian Hartmann
Erstveröffentlichung: Physiotherapie Med, 2009, 2: S.31–35.
Artikelserie: Teil 1, Teil 2, Teil 3
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Vorbemerkung

Kaum eine Behandlungsform verzeichnet im deutschsprachigen Raum vergleichbare Zuwachsraten wie die Osteopathie. Noch vor wenigen Jahren kaum beachtet, wurden in Hessen inzwischen die Ausbildungsrichtlinien zum „staatlich anerkannten Osteopathen“ verabschiedet (15). Angesichts immer schwierig werdender beruflicher Rahmenbedingungen in der Physiotherapie fragen sich nun viele, ob ein „Umstieg“ auf Osteopathie Sinn macht. Leider gibt es kaum neutrale Informationen zu Inhalten, Ausbildung bzw. Anerkennung. Die folgenden drei Leitartikel der Physiotherapiemed sollen hier Abhilfe schaffen.

Da Osteopathie untrennbar mit ihrem Entdecker, dem amerikanischen Landarzt Andrew Taylor Still (1828–1917) verknüpft ist, beschäftigt sich der vorliegende Artikel ausführlich mit Stills „Philosophie der Osteopathie“. In der Märzausgabe folgt die Beschreibung der weiteren Entwicklung der Osteopathie bis zum heutigen Tag mit einer Übersicht der verschiedenen Strömungen und Techniken. Der letzte Artikel schließlich befasst sich mit Ausbildung und Berufspolitik speziell im Hinblick auf die Physiotherapie.

Der Boden ist bereitet

Im antiken Griechenland arbeitete der Idealarzt noch ganzheitlich im besten Sinn: Er war Körperarzt, Seelsorger und Philosoph zugleich. Als die römisch-katholische Kirche die Seelsorge übernahm, verschwand das physisch-metaphysische Spannungsfeld und mit ihm der Nährboden für philosophische Betrachtungen aus der Medizin. Zur Geburtsstunde der Osteopathie Mitte des 19. Jahrhunderts im Mittleren Westen der Vereinigten Staaten, hatte man sich gänzlich der Organmedizin verschrieben. Behandlungen bestanden aus der rigorosen Anwendung überlieferter Dogmen, wobei sich das Repertoire des „heroischen“ Arztes fast ausschließlich auf Aderlass, giftige Brechmittel, Opium und Wundchirurgie beschränkte. (6) Mäßige Behandlungserfolge führten dazu, dass volksmedizinische Strömungen wie etwa die Homöopathie zunehmend an Bedeutung gewannen. Dies galt umso mehr in den noch jungen Vereinigten Staaten. Anders als im hierarchisch erstarrten Europa lebte man dort im Geist des Amerikanischen Transzendentalismus sein angeborenes Recht auf Freiheit, persönliche Entfaltung und eigene Meinung. (11) Die freie Berufswahl, lediglich basierend auf persönlicher Befähigung, ermöglichte es zudem Laienärzten ohne universitäre Ausbildung insbesondere in ländlichen Gegenden legal zu praktizieren. (12)

Andrew Taylor Still

In dieser Zeit wird A. T. Still 1828 in Virginia geboren. Sein Vater, ein einflussreicher Methodistenprediger und Laienarzt, übersiedelte schon früh mit seiner Familie ins raue Grenzland nahe Kansas City, wo er das Reservat der Shawnee-Indianer betreute. Bald hatte sich der wissbegierige Sohn Andrew mit deren Medizin vertraut gemacht. Indem er den Vater bei Krankenbesuchen auf entlegenen Farmen begleitete, erlernte er zudem das ABC der klassischen Medizin als Teil seelsorgerischen Beistands. Wie nicht wenige amerikanische Ärzte seiner Zeit stand auch A. T. Still der „heroischen“ Medizin von Anfang an kritisch gegenüber, da sich deren theoretische Konzepte in der praktischen Anwendung häufig als erfolglos und nicht selten sogar als gefährlich erwiesen. Als er schließlich 1865 nach dem Ende des amerikanischen Bürgerkriegs hilflos mit ansehen musste, wie drei seiner Kinder innerhalb weniger Wochen an blutiger Meningitis bzw. Lungenentzündung verstarben und keiner der herbeigerufenen Geistlichen und Mediziner helfen konnte, brach er mit allen kirchlichen und medizinischen Institutionen und machte sich auf den Weg, eine „bessere Medizin“ zu finden. (12) Sie sollte einfach, wirksam und für jedermann nicht nur verständlich, sondern auch erlernbar sein. (2), (3), (13)

Während seiner Wanderjahre 1864–74 durch das dünn besiedelte Grenzland erkannte Still das enorme Potenzial der Hände nicht nur als therapeutisches, sondern auch als feinstes differenzialdiagnostisches Instrument. In jener Zeit perfektionierte er die Kunst der Palpation und legte so das Fundament für die moderne manuelle Medizin und damit auch für den wesentlichsten Aspekt in der Physiotherapie. Auf seiner Suche studierte er vorurteilsfrei eine Vielzahl von Methoden, darunter Bonesetting und Magnetismus, interessierte sich aber auch für spirituelle Strömungen wie etwa den Swedenborgianismus. Dabei übernahm er strikt nur das, was sich in der Praxis an seinen Patienten bewährte. (2), (3), (13)

Der Natur bis ans Ende vertrauen

Voll Ehrfurcht vor der Schönheit der Natur als Ausdruck einer vollkommenen und an keinen definierten Gott gebundenen Schöpfung, faszinierte Still besonders deren Fähigkeit zur Selbstordnung. Den Menschen als Teil der Natur betrachtete er als eine gänzlich von dieser höheren und uns wohlgesonnenen Intelligenz durchdrungenen Maschine. Folgerichtig sah er deren Selbstordnung, d. h. Selbstheilung, ausschließlich jener höheren Entität untergeordnet. Ganz im Sinne von Bacons Diktat „Die Natur beherrscht nur, wer sich ihr unterwirft“ erschien es ihm richtiger, diese Intelligenz nutzbar zu machen, als sich selbst die Fähigkeit des Heilens anzumaßen. Damit verschob Still den Fokus von der Behandlung objektiver pathologischer Symptome hin zur Freisetzung der individuellen physiologischen Potenziale des Patienten. In seinen Worten:

„Gesundheit zu finden, ist Aufgabe des Arztes, Krankheit kann jeder finden.“ (13)



Still verstand seine „bessere“ Medizin als Teil einer zutiefst optimistischen Lebensphilosophie. Der Biograf Elbar Hubbard beschrieb dies so:

„Doktor Still ist stets mehr am Leben interessiert als an Medizin. Er beschäftigt sich mit Gesundheit, nicht mit Krankheit und sucht nicht nach dem Abnormalen […] Er erwähnt unentwegt die wundervollen Dinge der Natur … und Erziehung durch eine Verbindung von Hand und Herz. Gesundheit ist sein Hobby. Medizin praktiziert er nur zufällig.“ (9)



Still ging davon aus, dass

„ […] die menschliche Maschine die ApothekeGottes ist und sich alle Heilmittel der Natur im Körper befinden.“ (13),

Womit jegliche Zufuhr von Substanzen – auch homöopathischen – lediglich einen Mangel an Vertrauen in die Mechanismen der Natur bewies.

Läsionen hemmen das menschliche Fluidum

Neu für die etablierte Medizin jener Zeit war seine Beobachtung, dass die Funktion der besagten „Apotheke Gottes“ entscheidend vom Fließen der Körperflüssigkeiten - Blut, Lymphe und „Nervenwasser“ (Liquor) – abhängt. Anatomische Fehlstellungen – er nannte sie Läsionen – bildeten seiner Meinung nach die Hauptursache für eine Beeinträchtigung dieses Fließens. (5), (13) Folgerichtig erhielten Blutbahnen und Lymphgefäße, insbesondere jedoch die neuronalen Leitungsbahnen mit ihren zentralen und vegetativen Schaltstellen im Gehirn und entlang der Wirbelsäule bzw. in den viszeralen Nervenplexi in seinem Konzept eine überragende Bedeutung. (12), (13)

Spätestens in den 1870ern war sich Still also des Kausalzusammenhangs zwischen anatomischer Läsion, Flussbehinderung und Erkrankung in den entsprechenden Ver- oder Entsorgungsgebieten voll bewusst. So schloss er: „Nicht den Kranken zu heilen ist die Pflicht des Behandlers, sondern einen Teil des ganzen Systems wieder so anzupassen, dass die Lebensflüsse fließen …“ (13) Durch diesen Behandlungsansatz verschob er die Aufmerksamkeit des Behandlers nicht nur von der Pathologie zur Physiologie, sondern auch vom Symptom hin zur anatomischen Ursache. Läsionen stellten keine objektiv bestimmbaren Abweichungen von einem theoretischen Ideal mehr dar – Stichwort: Winkelmesser - sondern repräsentierten vielmehr eine qualitative Dysharmonie innerhalb der individuellen anatomischen Einheit des Patienten. Die deskriptive Anatomie der heroischen Medizin wandelte sich bei Still zur funktionellen und – was ihm noch wichtiger erschien – angewandten Anatomie, was wiederum zur Grundlage der modernen Biomechanik wurde.

Stills Osteopathie – eine Medizinphilosophie

Still ging aber noch weiter und ergänzte sein Konzept um den Begriff des triune man – des Menschen in seiner dreifach differenzierten Einheit. Nicht nur Struktur und Funktion, sondern auch Verstand, Bewegung, Motivation etc. hängen aus seiner Sicht von den fließend vermittelten, dynamischen Wechselwirkungen im Körper ab. (13)

Alles, was Still nun noch fehlte, war ein passender Name für seine „bessere“ Medizin. Da es sich um mechanische Ursachen handelte, musste die Behandlung mechanisch erfolgen, insofern boten sich die Langhebeltechniken der Bonesetter an. Nachdem er diese unter dem Aspekt seiner bisherigen Überlegungen enorm verfeinert hatte, war er der Überzeugung, dass allein Anatomiewissen, ein gesunder Menschenverstand und geschickte Hände zur Ausübung einer „besseren“ Medizin nötig waren. Und da die Techniken über die Manipulation der Knochen (gr. osteon) indirekt durch Freisetzung der inhärenten Heilungskräfte auf das Leiden (gr. patheios) wirkten, nannte er sein Konzept Osteopathie. (14)

Da Still von Infektionen bis zu Tumoren alle Erkrankungen behandelte (12), praktizierte er stets als Arzt und übte nie nur eine Methode aus. Insofern stellte die Osteopathie zu jener Zeit tatsächlich eine eigenständige, ganzheitlich orientierte Medizinphilosophie dar. Ganzheitlich u.a. deshalb, weil sie keine isolierten Symptome, sondern stets das gesamte physiologische Potenzial im Blick hatte. Ob Patient oder nicht: Der Mensch blieb in Stills Wahrnehmung ausnahmslos mehr als die Summe seiner Teile.

Ablehnung und Erfolg

Dass die Osteopathie von der etablierten Medizin vehement bekämpfte wurde, hatte kaum fachliche Gründe, dazu waren Stills Überlegungen aus funktioneller Sicht zu schlüssig. Da es in ihr keinen Platz mehr für „heilende Helden“ gab – schließlich war die Natur bzw. die Schöpfung allein verantwortlich für die Heilung - stellte sie allerdings das gesamte ärztliche Selbstverständnis als „Gesundmacher“ in Frage. Darüber hinaus entlarvte Stills ausschließlich aus Liebe zur Schöpfung kompromisslos gelebte Medizin die wahren Motive vieler seiner Kollegen. Dass sie einfach und für jeden verständlich war – wie es nach Stills Meinung jede gute Medizin sein muss – und somit den Arzt legitim angreifbar für Laienkritik machte, lieferte ebenfalls einen triftigen Grund, warum die Osteopathie auf institutioneller Ebene keinesfalls toleriert werden durfte. (2)

Aller Kritik zum Trotz zogen Stills enorme Heilerfolge im Laufe der Jahre immer weitere Kreise. Schließlich war die Nachfrage so groß, dass er 1892, also im Alter von 64 Jahren, in seinem Wohnort Kirksville, Missouri, zunächst in einer kleinen, angemieteten Hütte seine American School of Osteopathy eröffnete, um dort die ersten 17 Studenten zu unterrichten. Vier Jahre später zählte die Schule 700 Studenten und Kirksville wurde geradezu belagert von Patienten, Schaulustigen, Kritikern und Interessenten. Still zog sich schon bald aus dem Lehrbetrieb zurück und widmete sich wieder unermüdlich weiteren Studien. Als er 1917 starb, existierten bereits rund zwei Dutzend Colleges für Osteopathie und über 20.000 Osteopathen, die in den Vereinigten Staaten und sogar schon in England praktizierten. (2), (14)

Stills Osteopathie und Physiotherapie

Unabhängig davon, inwieweit sich die moderne Osteopathie von Stills Philosophie der Osteopathie entfernt haben mag, eignet sich wohl kaum ein anderer medizinischer Beruf so sehr zum Erlernen der Osteopathie wie die Physiotherapie:

  • Osteopathie ist eine „Hands-on“-Methode - das tägliche Brot der Physiotherapeuten.

  • Der intensive fachliche, aber auch persönliche Austausch in der Physiotherapie bedingt natürlicherweise eine ganzheitliche Wahrnehmung des Patienten.

  • Oft obliegt es den Physiotherapeuten, ihren Patienten anatomische Zusammenhänge in einfacher Sprache verständlich zu machen.

  • Der funktionell-mechanischen Denkansatz in der Physiotherapie ähnelt dem der modernen Osteopathie, die jedoch neben rein mechanischen inzwischen auch energetische Aspekte einbezieht und sich über den Bewegungsapparat hinaus mit sämtlichen Organsystemen befasst.

Aber auch Physiotherapeuten, die Osteopathie im ursprünglichen Sinn ihres Entdeckers erlernen wollen, sehen sich während der Ausbildung mit dem unbequemen In-Frage-gestellt-Sein ihres Therapeuten-Egos konfrontiert. „Gesundmacher“ und „Heiler“ haben daher oftmals ebenso Probleme wie Physiotherapeuten, die auf der Suche nach neuen, schnell umsetzbaren Methoden sind. Wer hingegen bereit ist, selbstkritisch über seinen eigenen Tellerrand zu blicken, dem bietet Stills Osteopathie einen faszinierenden Weg zu einem neuen therapeutischen Selbstverständnis.

Ausblick

Im nächsten Artikel beschäftigen wir uns mit der international heterogenen Entwicklung der Osteopathie bis heute, wobei das Hauptaugenmerk auf therapeutische Eckpfeiler, Techniken und Indikationen gelegt wird, wie man sie heute lehrt und praktiziert.


Literatur (Auszug):

(1) BACO DE VEROLAMIO, F.: Novum Organum scientiarum. Lugduni Batavorum, Wijngaerde & Moiardus, Amsterdam, 1620.
(2) BOOTH, E.: History of Osteopathy and Twentieth-Century Medical Practice. Jennings and Graham, Cincinnati, 1924.
(3) BOOTH, E.: Dr. Andrew Taylor Still’s Place in History. IN: JAOA, 8/1917: 17(2): 73–80.
(4) CRAMER, A.: Geschichte der manuellen Medizin. Springer Berlin, 1990.
(5) DEASON, W.: Body Fluids. The Original Osteopathic Concept. Eigenverlag, Chicago, 1940.
(6) GERABECK, W. et al.: Enzyklopädie Medizingeschichte. de Gruyter, Berlin, 2007.
(7) GEVITZ, N.: The D.O.’s: Osteopathic Medicine in America. John Hopkins University Press, New York, 2004.
(8) HARTMANN, C.: Triune Osteopathy. In: DO · Zeitschrift für Osteopathie, 2/2005, Jg. 4: 33, 2005.
(9) HUBBARD, E.: A little Journey to the Home of Andrew Taylor Still. The Roycrofters, New York, 1912.
(10) PALMER, D.: Textbook of the Science, Art and Philosophy of Chiropractic, Portland Printing House Comp., Portland, 1910.
(11) SCHULZ, D.: Amerikanischer Transzendentalismus. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt, 1997.
(12) STARK, J.: Stills Faszienkonzepte, 2.A. JOLANDOS Verlag, Pähl, 2008.
(13) STILL, A. T.: Das große Still-Kompendium. JOLANDOS Verlag, Pähl, 2005
(14) TROWBRIDGE C.: Andrew Taylor Still 1828–1917, 2.A. JOLANDOS Verlag, Pähl, 2008.
(15) http://www.osteopathie.de

 


Der Text ersetzt keine therapeutische Konsultation. Der Autor des Artikels ist für keinen Schaden verantwortlich, der aus der Anwendung von Informationen aus diesem Artikel entstehen sollte.

© Christian Hartmann, 2017 


 

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