Osteopathie – ohne Frauen undenkbar!


Archiv-Nr.: OT.FA.03.3
Autor: Christian Hartmann
Erstveröffentlichung: DO – Deutsche Zeitschrift für Osteopathie 2003; 4: 30.
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Einleitung

Es waren Frauen, insbesondere um A.T. Still und W.G. Sutherland, die ein Entstehen, Überleben und Umsetzen der Osteopathie überhaupt erst ermöglichten. Dieser Beitrag widmet sich vier herausragenden Frauen in der Geschichte der Osteopathie:

Martha Taylor Still

Als Martha 1828 Andrew zur Welt brachte, lebten die Stills fern jeglicher Zivilisation am äußeren Rand des sogenannten Wilden Westens. Da der Vater als methodistischer Wanderprediger oft wochenlang unterwegs war, oblag es Martha, neben den erzieherischen Pflichten auch sämtliche häuslichen und landwirtschaftlichen Aufgaben zu erledigen. Sie tat dies mit einer derart bewundernswerten Geschicklichkeit, dass hier zweifellos die Wurzeln für Stills Bewunderung der universellen weiblichen Fähigkeiten und seine liberale Einstellung liegen:

„Ein Leben als Grenzländer mit einer einfühlsamen Mutter hatte mehr mit meiner Entfaltung der osteopathischen Wissenschaft zu tun, als jede andere Unterweisung möglicherweise hätte haben können.” (1)

Mary Elvira Turner Still

Nach dem Tod drei seiner Kinder wanderte Still mittellos auf seiner „osteopathischen Mission“ durch den Mittleren Westen. Es war niemand anderes als seine Frau Mary, die in jener Zeit noch zu ihm hielt, als sich selbst enge Freunde und Verwandte wegen seiner „frevlerischen“ Ideen von ihm abgewandt hatten. Sie war es, die jahrzehntelang um das Überleben der Familie und die Ausbildung der Kinder kämpfte; sie war es, die die Familie mit viel Geschick vor dem Hungertod bewahrte und sie war es auch, die sämtliche von ihrem Mann gesammelten Objekte seiner Naturstudien auf osteopathische Relevanz hin sortierte und archivierte. Der Fundus, auf den Stills American School of Osteopathy in Kirksville zurückgreifen konnte, wäre ohne die Bemühungen von „Mother Osteopathy“, wie Mary liebevoll von den Studenten genannt wurde, ebenso undenkbar wie Stills Durchdringen der osteopathischen Idee auf seinen jahrelangen brotlosen Wanderschaften.

„Ich hätte diese frühen Tage der Angriffe und Enttäuschungen ohne ihren unbeirrbaren Optimismus und ihre treue Unterstützung niemals überlebt.“ (2)



Kein Wunder also, dass an A.T.Stills erster Osteopathie-Schule Frauen von Anfang an sowohl als Studentinnen wie auch im Fakultätskörper den Männern gleichgestellt waren. Eine Revolution für die damalige Zeit und zugleich ein Affront gegen die männerdominierte Medizinerschaft. (3)

Louisa Burns

In der osteopathischen Forschung ragt der Name Louisa Burns besonders heraus. Als Mitglied des A.T.Still Research Institute, Kirksville zählte sie zwischen 1905 und 1957 zur absoluten Elite der osteopathischen Wissenschaft. Insbesondere mit Ihrem Buch Pathogenesis of Visceral Diseases (1948) beeinflusste sie die osteopathische Forschung grundlegend. Viele wissenschaftliche Erkenntnisse der heutigen Zeit kann man bereits bei Burns in Ansätzen, zumeist aber in voller Ausprägung nachlesen. Dass sie in der American Osteopathic Association auch heute noch höchste Anerkennung genießt, beweisen die zahlreichen Vorträge der vergangenen 40 Jahre zu ihren Ehren. (3)

Adah Strand Sutherland

Anders als Still war William G. Sutherland, der Begründer der kranialen Osteopathie, ein eher zurückhaltender Mann. Seine Frau Adah verkörperte dagegen einen Menschen der Tat. Rasch erkannte sie das enorme Potential seiner neuen Theorie. Sie war es auch, die ihren Mann zur Präsentation seiner revolutionären Theorie ermutigte und sämtliche anatomischen Lehrtafeln für seinen Unterricht illustrierte. Damit nicht genug: Die Entstehung von „The Cranial Bowl“, „With Thinking Fingers“ und „Contribution of Thoughts“ sind allein ihr zu verdanken, da sie die Sammlung und Aufbereitung der Texte nahezu in Eigenregie durchführte. Ohne Adah wäre die kraniale Osteopathie in ihrer heutigen Form demnach undenkbar.

 


Literatur
(1) Still, A.T.: A.T.Still Papers, A.T.Still Memorial Library, Kirksville College of Osteopathic Medicine, Kirksville, MO, 2003. (Übers. v. C. Hartmann)
(2) Anonym: Mary E. Still Memorial, Journal of Osteopathy, Kirksville, 1910; 17: 19. (Übers. v. C. Hartmann)
(3) Walter, G.W.: Women and Osteopathic Medicine: Historical Perspectives. National Center for Osteopathic History, Kirksville, MO, 1994. (Übers. v. C. Hartmann)

 


Bilder mit freundlicher Genehmigung des Museum of Osteopathic Medicine, Kirksville.

Der Text ersetzt keine therapeutische Konsultation. Der Autor des Artikels ist für keinen Schaden verantwortlich, der aus der Anwendung von Informationen aus diesem Artikel entstehen sollte.

© Christian Hartmann, 2017 


 

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