Neubewertung der klassischen osteopathischen Feldtheorie am Beispiel von Perzeption und Wahrnehmung


Archiv: OT.FA.11.3
Autoren: Christian Hartmann, Martin Pöttner
Erstveröffentlichung: Osteopathische Medizin 2011; 3: 8–12.
Artikelserie: Teil 1, Teil 2
Richtig zitieren?


 

„Dies wurde für zukünftige Generationen geschrieben, nicht nur für die gegenwärtige. Die ungeborenen Männer und Frauen werden die Richter sein.“ (Still 2005, S. I–34)

 

Zusammenfassung

Im ersten Artikel wurde auf das Fehlen einer einheitlichen osteopathischen Philosophie und die sich daraus ergebenden Konsequenzen für die Osteopathie hingewiesen. Es folgte die ausführliche Vorstellung der klassischen osteopathischen Feldtheorie (KOF) als Synthese der Philosophie der Osteopathie A.T. Stills und ihrer wissenschaftlichen Aufarbeitung durch J.M. Littlejohn. Schließlich wurde vorgeschlagen selbige geistes- und naturwissenschaftlich zu durchleuchten, um sie in eine zeitgemäße osteopathische Feldtheorie zu überführen.

In diesem Beitrag folgen nun zunächst eine allgemeine Vorbemerkung zur Wissenschaft und eine kurze Begriffsbestimmung. Anschließend wird ein zentrales Paradigma der KOF zur manuellen Diagnostik beispielhaft untersucht.[1] Aus den so gewonnenen Erkenntnissen werden Umformulierungen des Paradigmas vorgeschlagen und kritische Fragestellungen die sich daraus für die Osteopathie ergeben erarbeitet. Schließlich erfolgt noch ein kurzes Fazit.

Wissenschaft

Kaum ein Begriff ist innerhalb der Osteopathie so emotional besetzt wie ‚Wissenschaft’. Der Bogen spannt sich von Pauschalverweigerung bis hin zur dogmatischen Fixierung auf streng datenbasierte experimentelle Forschung. Begründet Ersteres den Verdacht quasi-religiösen Verhaltens[2], wird die EBM-Fixierung im experimentellen Bereich ins Besondere den subjektiven, qualitativen und hier allen voran den interpersonellen Phänomen innerhalb der Osteopathie nicht gerecht. (33), (37) Dass die Extremisten der Osteopathie mit diesem Verhalten großen Schaden zufügen liegt auf der Hand. Eine Menge lernen könnte die osteopathische Lehre und Forschung hier von den modernen Neurowissenschaften im Bereich der Kognitionsforschung. Hier begegnet man erstklassiger interdisziplinärer Forschung, in der physische und metaphysische Ansätze in ihrer Wechselwirkung erkannt und akzeptiert wurden. (5), (12), (37) Ähnlich fündig wird man in Forschungsdisziplinen wie Soziologie, psychosomatische Medizin oder empirische Medizinethik. (27)

Ein Paradigma unter der Lupe

Vorab zwei Begriffsbestimmungen, so wie sie in diesem Artikel verstanden werden:

  • objektiv: durch eine maschinell bestimmte Messeinheit ohne subjektives Bewusstsein nachweisbar.

  • subjektiv: unabhängig von seiner objektiven Nachweisbarkeit in Beziehungen wahrnehmbar[3].

Diese Begriffsbestimmung erfolgt weitestgehend wertfrei, insofern sie Zuordnungen und nicht deren Bedeutungen beschreiben soll. Es folgt nun die Auswahl und Analyse eines für die Diagnostik entscheidenden KOF-Paradigmas:

„Die osteopathische Diagnostik erfolgt ausschließlich manuell, wobei Läsionen immer im Kontext ihrer physiologischen Auswirkungen auf den gesamten Organismus wahrgenommen werden.“ (14)



Es sei hier ausdrücklich darauf hingewiesen, dass der langfristige Erfolg eines solch komplexen Projektes nur dann gelingen kann, wenn dabei keine Rücksicht auf institutionelle oder persönliche Interessen oder Begehrlichkeiten Rücksicht genommen wird. Um einen derartigen Missbrauch zu vermeiden, müssen bei diesem Prozess unabhängige externe Experten aus den Bereichen der Natur- und der Geisteswissenschaft paritätisch als Regulativ eingebunden werden.

Perzeption

Definition

In dem Paradigma zur manuellen Diagnostik begegnen uns mehrere Kernbegriffe, wobei aus Platzgründen in diesem Artikel nur auf zwei und auch nur oberflächlich eingegangen wird: manuell und Wahrnehmung.

Mit manuell ist die taktile Perzeption mit der Hand gemeint, sodass es eigentlich um die Klärung der Begriffe Perzeption und Wahrnehmung geht. Beginnen wir mit Perzeption und werfen dazu einen Blick ins Lexikon:

Reizaufnahme durch die Sinnesorgane als rein physiologischer Vorgang. (10)

Da aus der Definition nicht hervorgeht, welche Rolle die Wahrnehmung spielt, hier noch der Blick in ein zweites Nachschlagewerk:

Philosophie: reines sinnliches Wahrnehmen ohne Reflexion als erste Stufe der Erkenntnis (nach Hegel).

Psychologie: (sinnliche) Wahrnehmung (eines Gegenstands) ohne bewusstes Erfassen und Identifizieren (z. B. bei flüchtigem Hinsehen).

Biologie, Medizin: Aufnahme von Reizen durch Sinneszellen, -organe. (11)

Hieraus synthetisieren wir zur weiteren Bearbeitung folgende Definition:

Perzeption bezeichnet die Aufnahme, Weiterleitung und unbewusste Verarbeitung von Reizen ohne die daraus resultierenden bewussten Verarbeitungsprozesse.

Peripher

Auf biophysikalischer oder -chemischer Ebene wurden bereits viele Prozesse der Reizaufnahme und -weiterleitung bis ins Gehirn empirisch-wissenschaftlich erfasst. Hierzu einige Beispiele, die eine Modifizierung bewirken können:

  • Jede Form der Berührung löst über vegetative Rückkopplungen unmittelbare lokale Reaktionen aus, die den Vorgang der Perzeption modifizieren.(4), (29)

  • Physikalisch-chemische Außenbedingungen wie Lichtverhältnisse, Temperatur, Sauerstoffgehalt der Luft usw. beeinflussen das Vegetativum des Behandlers und somit auch das Reizleitungssystem. (29), (35)

  • Berührung löst komplexeste interozeptive Antworten aus. Der peripherste Anteil des hierfür zuständigen interozeptiven Systems kommt vorrangig in den Faszien vor und verläuft direkt zum Inselkortex. Dieses somit klar vom exterozeptiven System zu unterscheidende System beeinflusst je nach individueller Ausprägung ebenfalls über vegetative Verschaltungen u. a. die homöostatischen Prozesse des Körpers und damit auch die Perzeption. (7), (8), (9), (31)

  • Später ausführlicher erläuterte kognitive Prozesse beeinflussen rückkoppelnd ebenfalls die peripheren vegetativen Reaktionen und somit auch die Grundprozesse der Perzeption. Hier sei nur auf die komplexen zentralen Reaktionen auf Hautberührungen hingewiesen. (26)

Zentral unbewusst

Die durch das Reizaufnahmesystem in elektromagnetische Muster umgewandelten objektiven physikalischen Außenreize, erreichen so bereits individuell unterschiedlichst moduliert das Gehirn. Dort wird der sich kontinuierlich und unvorstellbar schnell erneuernde Informationsstrom bereits auf unbewusster Ebene weiter verändert:

  • Das bereits erwähnte interozeptive System ist auch für das verantwortlich, was wir als ‚Bauchgefühl’ oder ‚Intuition’ bezeichnen. Es handelt sich um eine Art Schnellantwort auf Reize im fast unmittelbaren Abgleich mit unbewussten Prozessen, welche durch individuelle und gemeinschaftliche Emotions- und Gedächtnisinhalte geprägt ist und unmittelbar und mittelbar die bewusste Wahrnehmung beeinflusst. (7), (9), (16), (20), (26)

  • Die Kopplung mit den Sinneszentren bewirkt einen ständigen Abgleich der eingehenden Informationen und gewährleistet die Stabilität in der globalen Bereitstellung für das Gehirn, d. h. der Bewusstwerdung. Auch hier kommen die individuell unterschiedlichen Gegebenheiten im Zentralen Nervensystem zum Tragen. (30)

  • Die Verarbeitung in den Emotions- und Gedächtniszentren führt rückkoppelnd zur Modifizierung im gesamten perzeptorischen System. So wird ein in frühen Jahren mit körperlicher Gewalt konfrontierter Mensch eine andere perzeptive Primärwahrnehmung besitzen, als Jemand, der mit viel liebevoller Berührung aufgewachsen ist. (2)

  • Auch die ‚Tagesform’, d. h. allgemeines Befinden, Stoffwechsellage, Schlafbilanz etc. führen zu einer weiteren Individualisierung der Reizstromverteilung sowohl peripher als auch zentral. (1)

  • Hauptsächlich durch Spiegelneurone vermittelte empathische Interaktionen während der Diagnostik beeinflussen ihrerseits die zentrale Reizverarbeitung. (15) Daher ist das klinische Setting grundsätzlich nicht unter dem Aspekt zweier getrennter Personen zu sehen, sondern vielmehr im Sinn einer ‚Meta-Person’, die eine Einheit beider Personen repräsentiert.

  • Der Grad der Konzentration bzw. Fokussierung, d. h. der gerichteten und präsenten Aufmerksamkeit bestimmt nachhaltig die globale Verfügbarkeit eines Reizes für spätere bewussten Verarbeitungsprozesse. Insofern spielen diverse Innen- oder Außenreize wie Gedanken oder Raumtemperatur eine ebenso wichtige Rolle, wie etwa die Fokussierung, wie etwa der ‚mindful touch’. (25), (31)

Schlussfolgerung

Ein durch taktile Perzeption weitergeleiteter Reiz unterliegt bereits vor der Bewusstwerdung einer Vielzahl individueller Filter. Entsprechend liegt hier bereits im afferenten Bereich durch intero- und exterozeptive Mechanismen eine massive und nicht-standardisierte Verzerrung der objektiven physikalischen Wirklichkeit vor.[4]

Wahrnehmung

Definition

Werfen wir wieder einen Blick ins Lexikon:

“Wahrnehmung bezeichnet im Allgemeinen den Prozess der bewussten Informationsaufnahme eines Lebewesens über seine Sinne. Auch die aufgenommenen und ausgewerteten Informationen selbst werden… Wahrnehmung(en) genannt.” (10)

Es geht also um Prozesse, die unserem Bewusstsein zugänglich sind. Diese Grenze bezeichnet auch die Grenze zwischen Perzeption und Wahrnehmung, wobei hier eine genaue philosophische Bestimmung noch notwendig wäre.

Kognitive Prozesse

Die Neurowissenschaften und allen voran die Kognitionsforschung liefern gerade in punkto Wahrnehmung eine Menge für die Osteopathie wichtiger Erkenntnisse. Erneut nur eine kleine Auswahl: (4)

  • Die bewusst durch die Interozeption generierte Intuition führt normalerweise zu einer unmittelbaren Handlungsmotivation. Dem Menschen ist es aufgrund seiner „Ich-Schnittstelle“ jedoch möglich intuitive Handlungsreize durch kognitive Prozesse vor ihrer Umsetzung zu modifizieren oder sogar zu unterdrücken. Auch hierbei spielen gespeicherte Emotions- und Gedächtnisinhalte eine bedeutende Rolle. (7), (9), (16), (20), (26)

  • Es ist möglich reale Wahrnehmungen ohne das Vorliegen eines physikalischen Reizes autosuggestiv zu generieren. Beim Gummihand-Versuch betrachtet der Proband beispielsweise die Nachbildung seiner Hand, wobei die richtige Hand verdeckt bleibt. Gummihand und unsichtbare echte Hand werden zunächst simultan stimuliert. Nach einer bestimmten Zeit wird nur noch die Gummihand stimuliert. Dennoch sind im prämotorischen Kortex des Probanden entsprechende passende Aktivierungen zu messen. Das Gehirn hat also die Gummihand in ihr ‚Meta-Selbst’ vollständig integriert, d. h. eine Illusion wird vom Gehirn als Wirklichkeit wahrgenommen. (3), (6), (19) Das Potenzial autosuggestiver Triggerung steigt mit dem Grad der Feinheit und ‚mindfulness’ der Palpation.

  • Bei allen Wahrnehmungen handelt es sich um oszillierende elektromagnetische Cluster, also reine Repräsentationen im Gehirn. Diese werden blitzschnell auf die externe Reizquelle zurückprojiziert und vermitteln somit das Gefühl einer kohärenten Welt. Das Gefühl des unmittelbaren Kontakts mit der Außenwelt ist demnach eine Illusion. Diese Bewusstseinstransparenz und Kohärenzwahrnehmung ist für unser Überleben in der äußeren Wirklichkeit aber von allergrößter Bedeutung. (13), (21), (22), (23), (24), (28), (36)

  • Traumforschungen haben gezeigt, dass es dem Gehirn möglich ist unabhängig von externen Reizen ganze Welten zu illusionieren, wobei die intersubjektive Kontrolle den Grad der Illusionierung beeinflusst. Darüber hinaus haben Untersuchungen im Bereich der luziden Träume gezeigt, dass das Gehirn sogar ein voll agentives Ich virtuell generieren kann, d. h. ein Ich, das sich seiner Handlungen voll bewusst ist und diese ebenso bewusst steuern kann, wobei auch hier aktuell ein kontroverser philosophischer Diskurs im Gang ist. (18), (39)

  • Da alle Wahrnehmungen individuell modifizierte Repräsentation im Gehirn bezeichnen, kann man in sich selbst niemals zwischen der so genannten subjektiven Erste-Person-Perspektive und der objektiven Dritten-Person-Perspektive unterscheiden. Mangelnde Kenntnis zur introspektiven Differenzierungsmöglichkeit gepaart mit dem Wunsch nach emotionaler Sicherheit liegen jenem Mechanismus zu Grunde, bei dem eine persönliche Überzeugung zur objektiven Wirklichkeit deklariert wird.

  • Die bewusste Wahrnehmung einer bestimmten Information hängt von der globalen Verfügbarkeit im Gehirn ab, die ihrerseits wahrscheinlich auf die Synchronisation der bereits erwähnten oszillierenden elektromagnetischen Cluster bestimmt wird. Diese Synchronisation kann bewusst oder unbewusst durch Fokussierung, ‚mindfulness’, Konzentration, entspanntes Beobachten etc. unterschiedlichst getriggert werden. (25), (31)

Ergebnisse

Das Paradigma neu formuliert

Perzeption und Wahrnehmung bezeichnen stark subjektiv geprägte Prozesse basierend auf objektiven physiologischen Mechanismen. Dabei rufen objektiv externe physikalische Reizquellen nach modifizierter Reizaufnahme und -weiterleitung letztlich eine repräsentative Abbildung im Gehirn hervor, welche nicht identisch mit der physikalischen Realität ist. Insofern müsste das Paradigma der manuellen Diagnostik bereits nach dieser oberflächlichen Analyse etwa wie folgt abgeändert werden:

„Die osteopathische Diagnostik erfolgt ausschließlich palpatorisch, wobei Läsionen immer im Kontext ihrer physiologischen Auswirkungen auf den gesamten Organismus interpretiert werden. Sie ist rein subjektiv und intertherapeutisch nicht übertragbar.“



Aus Platzgründen muss auf die weitere Analyse des Paradigmas verzichtet werden. Hier soll nur das Ergebnis des endgültigen Vorschlags vorgestellt werden:

„Die osteopathische Diagnostik erfolgt ausschließlich palpatorisch, wobei hyper- oder hypophysiologische Veränderungen des Organismus niemals lokal, sondern stets im Kontext ihrer physiologischen Auswirkungen auf den gesamten Organismus sowie dessen inhärente Mechanismen interpretiert werden müssen. Sie ist rein subjektiv und intertherapeutisch nicht übertragbar.“

 

Kritische Fragestellungen

Die Ergebnisse der Analyse wirft nicht nur kritische Fragen bzgl. des manuellen Ansatzes in der Osteopathie auf, es liefert auch z. T. eindeutige Antworten:

F: Ist manuelle Diagnostik bzw. das was man ‚fühlt’ objektiv?
A: Nein, da beim Prozess der Perzeption und Wahrnehmung erhebliche intero- und exterozeptive Subjektivierungen stattfinden.

F: Kann das was man ‚fühlt’ auch rein suggestiv sein?
A: Ja, vor allem dann, wenn man unter Erwartungsdruck steht bzw. gerade etwas Neues erlernt hat, da hier die globale Verfügbarkeit der entsprechenden Informationen unverhältnismäßig stark ist.

F: Wie kann ich erkennen, ob das, was ich fühle Erste-Person-Wissen oder Dritte-Person-Wissen ist?
A: Gar nicht, da das Beobachtungssubjekt zugleich Beobachtungsobjekt ist.

F: Kann ich manuelle Diagnostiken bzw. Veränderungen durch osteopathische Behandlungen manuell objektiv verifizieren?
A: Aufgrund der epistemologischen Asymmetrie[5] ist dies unmöglich.

F: Wie kann Osteopathie dann ‚hands-on’ gelehrt werden?
A: Lediglich in Positionierung und Art und Weise der Berührung kann vermittelt werden. Insofern kann man hands-on das Wie, nicht aber Was vermitteln. Eine intertherapeutische manuelle Überprüfung von Diagnosen ist daher ebenso wenig möglich, wie die Absicherung der Diagnosen durch Standardisierung der Techniken.

F: Wie sind Studien zu beurteilen, bei denen manuelle Diagnostik die Grundlage für die Evaluation therapeutischer Maßnahmen bildet?
A: Jede manuelle Diagnose bezeichnet lediglich eine nicht-verifizierbare Annahme. Daher wird jede darauf aufbauende Schlussfolgerung entsprechend kritisch zu bewerten sein.

F: Wenn manuelle Diagnostik niemals die Wirklichkeit abbilden kann, wie kann man dann sicher die richtige Behandlung durchzuführen?
A: Gar nicht. Ist man sich im Sinne des Pragmatismus allerdings darüber klar, dass Abbildungsbeziehungen nur scheinbar etwas über Realitäten aussagt, genügt der subjektive Eindruck der taktilen Perzeption und bildet die Hauptgrundlage für weitere Entscheidungen. Wissen und Können spielen demnach eine ebenso große therapeutische Rolle wie selbstreflektive, ethische und empathische Fähigkeiten der Behandler.

 

Ausblicke

Die manuelle Diagnostik ist folglich rein subjektiv. Eine Objektivierung ist aus heutiger Sicht nicht möglich, daher sind entsprechende Deklarierungen – sei es vor Patienten, Schülern oder in der Öffentlichkeit - streng genommen intellektuell nicht aufrichtig. Dies ist per se nicht zu verurteilen, es bedeutet lediglich, dass man den Boden der Wissenschaft und Spiritualität verlässt und sich religiös verhält. Hierzu eine verständliche Übersicht zu Religion, Spiritualität und Wissenschaft, die lediglich Charakteristika dieser Begriffe beleuchtet[6]:

Religion

Fideismus

  • Kultivierung einer Illusion

  • Maximierung des emotionalen Gewinns

  • Rationalität wird der emotionalen Kohärenz des Ichs geopfert

  • Dogmatismus

  • Intellektuell unaufrichtig

  • Organisiert sich

  • Missionierend

 

Spiritualität

Epistemische Einstellung

  • Suche nach Wissen

  • Unmittelbare Erfahrungen

  • Auflösung des Ichs

  • Erfahrung ist nicht übertragbar

Ideal der Wahrhaftigkeit

  • Offen für rationale Argumente

  • Radikal intellektuell

  • Nicht organisierend

  • Nicht missionierend

 

Wissenschaft

Rationale Methodik

  • Systematische Maximierung des Wissensgewinns

  • Suche nach objektiven Beweisen; strikt datenbasierte Ausrichtung

  • Lässt alte Theorien beim Kontakt mit neuen Erkenntnissen kollabieren.

Prinzip der Parsimonität

  • Minimierung ontologischer Annahmen

  • Organisiert sich

  • Stellt Wissen zur Verfügung



Die Glaubwürdigkeit der Osteopathie wird nicht nur von ihrer Fähigkeit abhängen, sich vorurteilsfrei jener Wissenschaftswelt zu öffnen, in der sich Geistes- UND Naturwissenschaften gegenseitig befruchten. Auch die ehrliche Außendarstellung ist von enormer Bedeutung. Das hier erarbeitete Paradigma schlägt im Sinn der intellektuellen Aufrichtigkeit ein offenes und ehrliches Bekenntnis zur Subjektivität in der manuellen Diagnostik vor. Da klassische Medizin, Politik, Kostenträger auf objektive Ergebnisse fixiert sind, würde ein klares Bekenntnis zur Subjektivität zunächst wahrscheinlich kurzfristig zu einer Top-down-Abwertung und Schwächung der berufspolitischen Position führen. Im Zuge der Bottom-up-Aufwertung durch zufriedene Patienten wird der Mut zu einer entsprechend gelebten intellektuellen Aufrichtigkeit aber durch den Marktdruck letztlich auch auf institutioneller Ebene Änderungen bewirken. Kompromisslösungen bei der Ausformulierung der neuen Paradigmen sind daher grundsätzlich skeptisch zu bewerten.

In der Forschung könnten nennenswerte Ressourcen in qualitative und geisteswissenschaftlich geprägte Bereiche verlagert werden, die sich auch mit der philosophischen und ethischen Bedeutung der Ergebnisse, grundsätzlichen semiologischen oder phanömenologischen Aspekten, historischen Entwicklungen, Kosteneffektivität für das Gesundheitswesen, ressourcenschonende Behandlungssettings (‚Green Medicine’), aber auch supervisorische Evaluationen des Behandlers etc. beschäftigen. Und um einen qualifizierten Unterricht ohne die Gefahr der Verbreitung von ‚Inselphilosophien’ zu gewährleisten, empfiehlt es sich aus der Expertengruppe der Feldtheorie die gemeinsam entwickelten Paradigmen in ein beispielhaftes Curriculum festzuschreiben. Dies wäre dann ein Ausbildungsstandard der Maßstäbe setzt. Zudem müssten vermehrt externe und tatsächlich auch professionell ausgebildete Fachleute aus Bereichen wie Philosophie, Psychologie, Soziologie, Biologie, Neurowissenschaften mit den entsprechenden Fächern paritätisch zu den klassischen osteopathischen Fächern eingebunden werden. Da auch die klinische Ausbildung am Patienten in der Ausbildung vermehrt Platz finden sollte, kann eine qualitativ hochwertige Ausbildung darüber hinaus nur im Rahmen einer vierjährigen Vollzeitausbildung auf Fachhochschulniveau verwirklicht werden – so wie dies bereits vor über 100 Jahren durch Littlejohn angeregt und eingeführt wurde. Für die ärztlichen Osteopathen ist der klinische Bezug ebenfalls zu verstärken.

 

Fazit

Berücksichtigt man das rasche Wachstum und die zunehmende inhaltliche Fragmentierung der Osteopathie gilt es in den kommenden Jahren nicht nur Lehre und Forschung innerhalb der Osteopathie grundlegend zu überarbeiten. Es müssen nach Außen hin auch einheitliche Paradigmen formuliert werden, die der Osteopathie helfen sich klar zu positionieren und im interdisziplinären Kontext weiter zu entwickeln. Die ethisch motivierten Paradigmen Stills und Littlejohns über die physischen und metaphysischen Aspekte des menschlichen Lebens bieten sich in diesem Zusammenhang als idealer Ausgangspunkt für einen modernen Konsens an.

Am Beispiel zur manuellen Diagnostik wurde exemplarisch gezeigt, wie die alten Paradigmen in eine moderne Form überführt werden könnten. Dabei wurde deutlich, dass die Ergebnisse der manuellen Diagnostik rein subjektiv sind. Dies widerspricht weitestgehend der momentanen Außendarstellung, die palpatorische Untersuchungsergebnisse als objektiv darstellen und sich damit religiös verhalten, da sie eine objektiv eine nicht belegte Annahme als objektiv ‘verkaufen’.[7] Will Osteopathie im Kontext von Wissenschaft und Spiritualität wahrgenommen werden, muss sie sich intellektuell aufrichtig verhalten, was in punkto manuelle Diagnostik ein klares Bekenntnis zur Subjektivität der manuellen Diagnostik bedingt. Dies impliziert logischerweise auch ein Bekenntnis zu den metaphysischen Aspekten im Menschen. Versteht man Osteopathie darüber hinaus als Beruf(ung), geschieht all dies stets getragen von jenen tiefsten Motiven, die den Gründervätern bereits als Grundlage auf ihrer Suche nach einer ‚besseren’[8] Medizin gedient haben und damit bis heute den eigentlichen Kern der Osteopathie bilden: Liebe, Mitgefühl und Respekt.

 


Literatur (Auszug)

(1) Alexandros N et al.: Sleep deprivation effects on the activity of the hypothalamic-pituitary-adrenal and growth axes: potential clinical implications. Clin Endocrin 1999; 51(2): 205.
(2)Amann G., Wipplinger R. (Hrsg.).: Sexueller Missbrauch: Überblick zu Forschung, Beratung und Therapie. Tübingen, 2005.
(3) Armel K.C., Ramchandran V.S.: Projecting Sensations to External Objects: Evidence from Skin Conductance Response. Proc Roy Soc Lond 2003; 270: 1499–1506.
(4) Bear M.: Neurowissenschaften – Ein grundlegendes Lehrbuch für Biologie, Medizin und Psychologie. Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg, 2008.
(5) Borry P. et al.: What is the role of empirical research in bioethical reflection and decision making? A ethical analysis. Medicine, Health Care and Philosophy 2004; 7: 41–53.
(6) Botvinick M., Cohen J.: Rubber Hand ›Feels‹ Touch That Eyes See. Nature 1998; 319: 756.
(7) Craig A.D.: Interception: the sense of physiological condition of the body. Curr Opin Neurobiol 2003; 13: 500–5.
(8) Demasio A.R.: Descartes’ Error: emotion, reason and the human brain. Grosset/Putnam, New York, 1994.
(9) Devue C. et al.: Here I am: the cortical correlates of the visual selfrecognition. Brain Res 2007; 143: 169–82.
(10) Die Brockhaus Enzyklopädie Digital: Bibliografisches Institut Software, Mannheim, 2005.
(11) Duden – Deutsches Universalwörterbuch: Das umfassende Bedeutungswörterbuch der deutschen Gegenwartssprache. Bibliographisches Institut, Mannheim, 2011.
(12) Düwell M.: Wozu braucht die Medizinethik empirische Methoden? Eine normativ-ethische Untersuchung. Ethik der Medizin 2009; 21: 201–211.
(13) Gregory R.L.: Visual Illusions Classified. Trends Cog Sci 1997; 1: 190–194.
(14) Hartmann C, Pöttner M: Klassische Osteopathie: eine Feldtheorie als Vorbild und Grundlage. Ost Med 2011: 12: 14–18.
(15) Liem T.: Wechselseitige Beziehungsdynamiken und subjektive Ansätze in der Osteopathie. Ost Med 2011; 12: 4–7.
(16) Löken L.S. et al.: Coding of pleasant touch by unmyelinated afferents in humans. 2009; Nat Neurosci 12: 547–548.
(18) LaBerge S. et al.: Lucid Dreaming Verified by Volitional Communication During REM Sleep, Perceptual and Motor Skills. Psy 1981, 52: 727–732.
(19) Lenggenhager B et al.: Video Ergo Sum: Manipulating Bodily Self-Consciousness. Science 2007; 317: 1096–1099.
(20) Montague A.: Touch: the human significance of the skin. Harper& Row, New York, 1971.
(21) Marcel A.: Consciousness and Unconsciousness Perception: An Approach to the Relations Between Phenomenal Experience and Perceptual Processes. Cog Psychol 1983; 15: 292.
(22) Metzinger T.: Grundkurs Philosophie des Geistes, Bd.1: Phänomenales Bewusstsein. Mentis, Paderborn, 2009.
(23) Metzinger T.: Bewusstsein. Beiträge aus der Gegenwartsphilosophie. Mentis, Paderborn, 2005.
(24) Metzinger T.: Präsentationaler Gehalt. In: Heckmann HD, Esken F (Hrsg.) Bewusstsein und Repräsentation. Mentis, Paderborn, 1997.
(25) Metzinger T.: Der Ego-Tunnel. BTV, Berlin, 2010.
(26) Olausson H.: The neurophysiology of unmyelinated tactilce afferents. Neurosci Biobehav Rev 2010; 34: 185–191.
(27) Peralman RA et al. (1993) Contributions of empirical research to medical ethics. Theor Med 14: 197–210.
(28) Pöppel E.: Grenzen des Bewusstseins – Über Wirklichkeit und Welterfahrung. Stuttgart, 1985.
(29) Rassner G.: Dermatologie: Lehrbuch und Atlas. Elsevier, München, 2000.
(30) Schirmer A.: Squeeze me, but don’t tease me: human and mechanical touch enhance visual attention and emotion discrimination. Soc Neurosci 2011; 6(3): 219–30.
(31) Schleip R.: Fascia: The Tensional Network of the Human Body. Elsevier, München, 2012.
(32) Singer W.: Vom Gehirn zum Bewusstsein. Suhrkamp, Frankfurt, 2006.
(33) Stech D.: Evidenz und Ethik. Kritische Analysen zur Evidenzbasierten Medizin und empirischen Ethik. LIT-Verlag, Berlin, 2008.
(34) Still AT: Das große Still-Kompendium. JOLANDOS Verlag, Pähl, 2005, S. I–173.
(35) Thews G.: Vegetative Physiologie. Springer, Berlin, 2005.
(36) Tononi G,: Consciousness as Integrated Information: A Provisional Manifesto. Bio Bull 2008; 215: 216–242.
(37) Vollmann J, Schildmann J.: Empirische Medizinethik. LIT-Verlag, Berlin, 2011.
(38) Ward R. (hg.): Foundations for Osteopathic Medicine. Lippincott, New York, 2003.
(39) Windt J et al.: The Philosophy of Dreaming and Self-Consciousness. What Happens to the Experimental Subject During the Dream State? In: Barrett D, McNamarra P (eds.) The New Science of Dreaming. Praeger Perspectives/Greenwood Press, Westport, 2007.

 


Der Text ersetzt keine therapeutische Konsultation. Der Autor des Artikels ist für keinen Schaden verantwortlich, der aus der Anwendung von Informationen aus diesem Artikel entstehen sollte. 

© Christian Hartmann, 2017 


Fußnoten


  1. Selbstverständlich kann dies im gegebenen Rahmen nur skizzenhaft erfolgen. Ein derart komplexes Projekt erfordert die mehrjährige Zusammenarbeit interner und fachfremder Expertengruppen im internationalen Kontext. Dabei müssen auch bereits bestehende Versuche der Vereinheitlichung als Quelle zu Rate gezogen werden, wie etwa die Foundations of Osteopathic Medicine. (38) Ein Grobkonzept zur Umsetzung dieses Projektes erfolgt während des OIA-mettings im Rahmen des diesjährigen VOD-Kongresses in Potsdam.  ↩

  2. Siehe hierzu Tabelle unter Punkt 3.1.  ↩

  3. Zwar ist ein Blutdruckmessgerät grundsätzlich im Sinn der klassischen Physik objektiv, nicht aber der Kontext in dem es abgelesen wird. So wird das wahrgenommene Messergebnis letztlich auch mehr oder weniger stark von subjektiven Kriterien wie der Platzierung der Manschette, dem audio-visuellen Interpretationspotenzial des Untersuchers abhängen. Zudem liegt der Konstruktion und Produktion dieses Gerätes auch ein subjektiver Geist zu Grunde. Die Blutdruckmessung ist daher streng genommen nicht zu den objektiven Untersuchungskriterien zu zählen.  ↩

  4. Eine Absicherung durch bildgebende oder deskriptive Messverfahren, wie sie etwa in der Manuellen Therapie angewendet werden, mögen hilfreich sein, sie bergen aber die Gefahr der vorschnellen Interpretation eines Kausalzusammenhangs zwischen Messung und klinischer Symptomatik, obwohl für den so frei postulierten Zusammenhang zumeist keinerlei Beweise vorliegen.  ↩

  5. Hier handelt es sich um einen philosophischen Spezialausdruck. Er besagt, dass sich die Qualität einer wahrgenommenen physikalischen Realität stets subjektiv unterscheidet. Einfach ausgedrückt: Die „Röte“ eines roten blattes Papier wird von zwei Menschen niemals als vollkommen identisch wahrgenommen, obwohl das Rot im Farbenspektrum objektiv festgelegt werden kann.  ↩

  6. Selbstverständlich gibt es auch in diesem Bereich insbesondere zum Religionsbegriff unterschiedliche Definitionen. Die Übersicht basiert auf dem Votrag von Thomas Metzinger über den Begriff Bewusstsein, gehalten 2010 auf dem Kongress Wissenschaft und Meditation 2010 in Berlin.  ↩

  7. Dies betrifft selbstverständlich auch andere manuelle Diagnostikansätze wie sie etwa in der Chirotherapie, Chiropraktik, Manuellen Therapie oder aber auch bei Reiki etc. vorkommen.  ↩

  8. Weil auch dies oft falsch gedeutet wird: ‚Besser’ heißt hier nicht im Sinne der Konkurrenz zur klassischen Medizin, sondern als modernste Weiterentwicklung selbiger.  ↩

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