Klassische Osteopathische Feldtheorie: eine Feldtheorie als Vorbild und Grundlage


Archiv: OF.FA.11.2
Autoren: Christian Hartmann, Martin Pöttner
Erstveröffentlichung: Osteopathische Medizin 2011; 32 14–18.
Artikelserie: Teil 1, Teil 2
Richtig zitieren?


Einführung



Dieser und der folgende Artikel in der nächste Ausgabe der OM befassen sich im Wesentlichen mit dem Fehlen einer einheitlichen osteopathischen Feldtheorie und den sich daraus ergebenden möglichen Konsequenzen. Anhand der klassischen Osteopathie soll gezeigt werden, dass bereits eine Art osteopathische Feldtheorie existierte, die sich aus einer Synthese der Philosophie der Osteopathie ihres Entdeckers A.T. Still (1828–1917) und ihrer wissenschaftlichen Aufarbeitung durch J.M. Littlejohn (1866–1947) ergibt. Diese Feldtheorie wird als Ausgangspunkt für eine zeitgemäße Überprüfung und Erweiterung vorgeschlagen.

Der zweite Artikel setzt dort an, wo die klassische Feldtheorie im Wesentlichen endet: beim Gehirn und seiner überragenden Bedeutung für den Menschen. Anhand ausgewählter Erkenntnisse der modernen Kognitionsforschung wird beispielhaft aufgezeigt, wie eine Überprüfung und Erweiterung der klassischen Feldtheorie aussehen könnte. Dabei werden für die Osteopathie problematische Fragestellungen zum Themenkomplex Wahrnehmung und Wirklichkeit und die Bedeutung der intellektuellen Aufrichtigkeit herausgearbeitet. Abschließend folgen eine kurze Zusammenfassung und die Vorstellung eines Konzeptes, wie eine einheitliche osteopathische Feldtheorie praktisch erarbeitet werden könnte.

Feldtheorie

Der Begriff “Feldtheorie” wird gewöhnlich im Bereich der Physik verwendet, es gibt aber auch Feldtheorien außerhalb davon, z. B. in der Psychologie. Grundsätzlich geht es um die Wechselwirkung zwischen verschiedenen Feldern bzw. Bereichen. Da aber keine scharfen Definitionen existieren, kann unter einer Feldtheorie auch die Wechselwirkung sämtlicher von einem Fachgebiet berührter Aspekte angenommen werden. In diesem Sinn benutzte 2003 erstmals James Mc Govern, der ehemalige Präsident der A.T. Still University in Kirksville, den Begriff im osteopathischen Kontext, wobei er ausschließlich philosophische Aspekte abhandelte.

Gegenwärtig versucht Johannes Mayer in seiner Funktion als Vorstandsmitglied der Osteopathic International Alliance die Ausarbeitung einer einheitlichen osteopathischen Feldtheorie neu zu initiieren. Sie basiert im Kern auf dem Inhalt der klassischen osteopathischen Feldtheorie, so wie wir sie in diesem Artikel als Verschmelzung geistes- und naturwissenschaftlicher Aspekte vorstellen möchten.

Osteopathie ohne einheitliche Form

Der rasante Erfolg der Osteopathie hat gerade im deutschsprachigen Raum zu enormen Begehrlichkeiten geführt. Die dadurch zunehmenden Assimilationsbestrebungen, beispielsweise durch die Manualmediziner mit den Physiotherapeuten im Schlepptau, offenbaren dabei die wohl größte Schwäche der Osteopathie: ihr fehlt eine einheitliche Form, mit der sie sich sowohl abgrenzen als auch vernünftig austauschen kann. Konkret: es fehlt eine ebenso organische wie verbindliche Philosophie der Osteopathie, die sich modifiziert formuliert auch als Wissenschaft dem aktuellen Diskurs ebenso stellen wie ihn aktiv mitgestalten kann. Erst durch den Austausch zwischen Philosophie und Wissenschaft innerhalb der Osteopathie entsteht eine einheitliche osteopathische Feldtheorie, die eben jene Form liefert, die nicht nur die klinische Tätigkeit als Kunst im Sinne eines Kunsthandwerks befruchtet, sondern der Osteopathie auch langfristig eine Eigenständigkeit sichern kann.

Ausgangspunkt ist also eine einheitliche Philosophie der Osteopathie. Die immer wieder gerne fälschlicherweise A.T. Still zugeschriebenen vier Grundprinzipien der Osteopathie reichen hier bei Weitem nicht aus,[1] erfassen sie doch nicht einmal im Ansatz die Komplexität von Stills Gedankengebäude. Auch ein Blick in den wissenschaftlichen Zweig der Osteopathie hilft da nicht viel weiter. Untersuchungen im geisteswissenschaftlichen Kontext sind ebenso selten zu finden wie Arbeiten, die sich mit den spannenden Fragen in den Grenzgebieten zwischen Geistesund Naturwissenschaft befassen. Dies erscheint umso erstaunlicher, als ihr Gründer Still selbst die Osteopathie ursprünglich doch stets als Philosophie deklarierte.[2] Und das aus gutem Grund: eigene Philosophie → eigene Wissenschaft → einheitliche Feldtheorie → Eigenständigkeit. Logische Konsequenz der aktuellen Situation: Osteopathie wird über kurz oder lang von politisch mächtigeren manualtherapeutischen Strömungen geschluckt werden.

Woher aber eine einheitliche Feldtheorie nehmen? Die Erfahrung der jüngsten Vergangenheit zeigt, dass es insbesondere im Bereich der Ausbildung einen Wildwuchs an Meinungen über eine derartige “Philosophie” gibt – sofern zu diesem Thema überhaupt Stellung genommen wird – und ein runder Tisch somit utopisch erscheint. Gut gemeinte Versuche in den vergangenen Jahren scheiterten regelmäßig nach kurzer Zeit – oder fristen als bewundernswerte Einzelengagements ein unbedeutendes Schattendasein. Läge es da nicht auf der Hand den ursprünglichen Rosenstrauch der Osteopathie einfach mal wieder freizulegen, um zu sehen, ob er nicht als Kristallisationspunkt dienen könnte? Und tatsächlich: Studiert man die Texte von Still und Littlejohn eingehend, offenbart sich etwas, das durchaus den Namen klassische osteopathische Feldtheorie tragen könnte. Sehen wir uns das einmal genauer an.


Die klassische osteopathische Feldtheorie

 

“Jeder wirklich neuen Erkenntnis geht der Zustand des aufmerksamen Nicht-Verstehens voraus. Es ist der ursprünglich philosophische Zustand. Je wohler wir uns in diesem Zustand fühlen, desto offener sind wir für neue Erkenntnisse – seien sie philosophischer, psychologischer oder naturwissenschaftlicher Art.” (4)

 

Intellektuelle Aufrichtigkeit als Voraussetzung

Am Anfang stand Stills Mut, sein bis dahin gekanntes medizinisches Weltbild mit Ausnahme der Grundfächer Anatomie und Physiologie völlig infrage zu stellen. Nur dasjenige, was logisch ergründbar und empirisch nachweisbar und in der Praxis zum Wohle des Patienten umsetzbar war, floss in seine Philosophie ein. Vergleicht man dies mit dem Pflanzen des bereits erwähnten Rosenstocks, kommt Littlejohn die bedeutende Rolle jenes Gärtners zu, diesen Rosenstock beschnitten und damit vor dem Ersticken in der eigenen Verwucherung bewahrt zu haben. Nur so war eine weitere Entfaltung möglich.

Auch Littlejohn hatte dabei den Mut, sein bis dahin lieb gewonnenes medizinisches Weltbild aus Europa gänzlich infrage zu stellen. Dieser Mut zur bedingungslosen intellektuellen Aufrichtigkeit bildete also die Grundlage für die klassische osteopathische Feldtheorie, d. h. den kleinen, aber kräftigen osteopathischen Rosenstock. Exakt bezeichnet intellektuelle Aufrichtigkeit dabei die Bereitschaft, bestehende Fakten nicht abzulehnen oder zu ignorieren, nur weil sie nicht ins eigene Weltbild passen, und nichts als Fakten zu präsentieren, was bis heute “objektiv” und intersubjektiv durch von Maschinen bestimmten Messungen nicht induktiv bestätigt wurde.[3] Widmen wir uns nun aber dem Inhalt der klassischen osteopathischen Feldtheorie.

Der Übersichtlichkeit halber unterteile ich Stills Philosophie der Osteopathie in drei Ebenen:

  • ethisch
  • metaphysisch
  • physisch



Es folgt eine Darstellung der wichtigsten Erkenntnisse Littlejohns, nachdem er Stills Philosophie wie kein zweiter wissenschaftlich durchleuchtet hat. Schließlich wird der Versuch unternommen, aus der Kombination beider Lebenswerke eine kurz gefasste klassische osteopathische Feldtheorie zu konstruieren. Aus Platzmangel ist eine ausführliche Herleitung inklusive genauer Quellenbenennung aufgrund der unzähligen Belege in den Urtexten im gegebenen Rahmen nicht möglich, sodass nachfolgend nur eine Art Quintessenz vorliegt. Selbstverständlich handelt es sich dabei um eine subjektive Interpretation der Urtexte. Kenner selbiger sind ausdrücklich zu konstruktiver Kritik eingeladen.

Stills Philosophie der Osteopathie

 

Ethische Ebene

Die drei Grundpfeiler von Stills Philosophie der Osteopathie und damit auch automatisch des gesamten osteopathischen Handelns bilden Liebe, Mitgefühl und Respekt gegenüber der Schöpfung und damit auch gegenüber allen Menschen in allen Situationen des Lebens. Dies ist nicht zuletzt eine Akzeptanz der Menschenrechte, was für die Ebene der Medizin beachtliche Folgen zeitigt.

Metaphysische Ebene[4]



- Als pantheistischer Deist akzeptierte er die Existenz eines in seinen Augen vollkommenen Schöpfers, der sich in allem widerspiegelt. Da Still diesen Schöpfer mit Dutzenden von Begriffen oder Bildern bezeichnet, ist davon auszugehen, dass er die Theologisierung, Personifizierung oder Institutionalisierung, d. h. seine Instrumentalisierung strikt ablehnte.

  • Die Widerspiegelung der vollkommenen schöpferischen Intelligenz zeigt sich nicht nur in Form physischer Entitäten, sondern auch in allen physischen und metaphysischen Mechanismen und organischen Formen[5] – sowie der darin enthaltenen Information.

  • Auch der Mensch ist eine Widerspiegelung dieser schöpferischen Intelligenz, wobei er aus der Vereinigung eines “himmlischen” mit einem “irdischen” Wesen entsteht.

  • Bei dieser Vereinigung entsteht das Leben selbst und drückt sich in Form von Bewegung aus.

  • Die höchste Errungenschaft des Menschen auf Erkenntnisebene ist sein Verstand, d. h. seine Fähigkeit logisch zu denken bzw. zu schließen.

    “Halte Dich an allen kommenden Tagen am Ufer des Flusses auf, in dem das reine Wasser des Schließens fließt, und sei in der Lage zu beweisen, was Du behauptest.” (A.T. Still) (13)

 

Physische Ebene

  • Heilung erfolgt ausschließlich durch einen intrinsischen und vollkommenen selbstregulatorischen Mechanismus des Organismus. Osteopathen heilen daher nicht, sondern optimieren lediglich die Rahmenbedingungen für diesen Mechanismus durch Anpassung.[6]

  • Die Information des Mechanismus befindet sich im gesamten Körper, der als Einheit interagierender Zellen und Organe wirkt.

  • Als Transportmedium der Information dienen die frei fließenden Körperflüssigkeiten und frei agierende Nervensysteme.

  • Die Faszien spielen als Medium zum Erfassen des gesamten Menschen eine Schlüsselrolle.

  • Das übergeordnete Gehirn moduliert sämtliche physiologische Kräfte und Mechanismen.[7]

  • Alle die Informationssysteme behindernden physikalisch-mechanischen Einflüsse werden osteopathische Läsionen genannt. Lokale mechanische Behinderungen spielen dabei nur im Fall unmittelbarer Traumen eine Rolle. Im Vordergrund stehen vor allem Behinderungen der vasoaktiven Anteile des Nervensystems.

  • Die Hand ist bei der Diagnostik und Behandlung einer osteopathischen Läsion von überragender Bedeutung.

  • Osteopathie ist vorrangig eine im medizinischen Kontext angewandte Philosophie, die mit überwiegend manuellen Techniken versucht, osteopathische Läsionen im anatomischen Bereich aufzuspüren und sie zu beseitigen.

  • Als Ansatz der ausschließlich mechanisch orientierten Behandlung dient der Bewegungsapparat, wobei die Knochen als Hebel wirken.

  • Osteopathie ist eine eigenständige Medizinphilosophie.

 

Littlejohns Wissenschaft der Osteopathie

Littlejohn verbesserte zusammen mit seinen beiden Brüdern die Lehre und Forschung der Osteopathie substanziell und untermauerte in zahlreichen wissenschaftlichen Untersuchungen Stills bis dahin lediglich aus empirischen und anatomisch begründeten Beobachtungen entstandene Überlegungen auch auf physiologischer Ebene. Trotz dieser grundsätzlichen Übereinstimmung mit Still kam er zu dem Schluss, dass die Philosophie der Osteopathie unter Berücksichtigung der wissenschaftlichen Fortentwicklung erweitert und neu formuliert werden müsse, wobei er Stills eher metaphorisch dargestellten Ansätze klar ausarbeitete oder modifizierte bzw. neue hinzufügte:

  • Littlejohn akzeptiert die metaphysischen Aspekte des Menschen zwar als essenziell, da Osteopathie für ihn aber eine auf Philosophie basierende Wissenschaft darstellte, konnte sie nur durch induktive Bestätigung erschlossen und auch erklärt werden. Somit vermied er konsequent metaphysische Spekulationen. Lediglich das Benennen der “Lebenskraft” als zentrale Heilinstanz deutet auf die Akzeptanz einer damals nicht mehr akzeptierten Auffassung des Aristoteles hin. Dabei scheint es sich um die Finalursache oder Zweckursache zu handeln.[8] Im Grunde weicht er hier nicht sehr stark von Still ab, geht aber mit der Thematik in der Öffentlichkeit wesentlich defensiver um.

  • Es genügt nicht, Läsionen zu behandeln. Ebenso wichtig ist die Integration der nach der Behandlung veränderten Zustände in den Gesamtorganismus.[9]

  • Er führt mit der “Psychophysiologie” die Begrifflichkeiten der Kognition, Willensbildung, Emotion und Wahrnehmung in die Osteopathie ein und betont in diesem Zusammenhang erstmalig die überragende Bedeutung des afferenten Nervensystems.

  • Neben der Wechselwirkung zwischen Funktion und Struktur, die er als Erster innerhalb der Osteopathie in dieser Klarheit beschreibt, stuft er auch die Wechselwirkung des Organismus mit der Umwelt und hier vorrangig die Ernährung als ebenso wichtig ein. Dabei schreibt Littlejohn dem Organismus zu, dass er in einem dreifachen Kontext von Verhältnissen steht: Jeder Organismus hat ein Verhältnis zu sich selbst. Im Organismus gibt es ein Verhältnis der Teile zum Ganzen – und umgekehrt. Diese beiden Verhältnisse bestehen nur vor dem Hintergrund ihres Verhältnisses zur Umwelt.[10]

  • Da Osteopathie hauptsächlich mechanisch über den Bewegungsapparat wirkt, ist die Kenntnis der biomechanischen Zusammenhänge ebenso wichtig wie die rein deskriptive Kenntnis der Anatomie.

  • Direkte fluidale Anpassungen sind ebenso wenig durch osteopathische Techniken möglich wie unmittelbare Einflussnahme auf metaphysische Aspekte. Dies geschieht explizit indirekt über die Anpassung der Körperanatomie, vorrangig über das Ausbalancieren der Nervensysteme.

  • Osteopathie ist eine im medizinischen Kontext angewandte Wissenschaft, die auf der Stillschen Philosophie der Osteopathie basiert.

 

Osteopathie ist eine eigenständige Medizinphilosophie.

 

Synthese

Da beide Gründerväter im Kern übereinstimmen, ist es nun durchaus legitim, Stills eher philosophische und Littlejohns eher wissenschaftliche Annäherung an die Osteopathie zu verschmelzen und diese Synthese als Klassische Osteopathische Feldtheorie zu bezeichnen. Synthese heißt hierbei nicht kleinster gemeinsamer Nenner; es werden auch Aspekte integriert, die nur bei einem der beiden explizit auftauchen, denen der andere aber im Gesamtkontext wohl zugestimmt hätte. Dabei erscheinen auch Gesichtspunkte, auf die aus Platzmangel bisher nicht eingegangen wurde.

Klassische osteopathische Feldtheorie

  • Osteopathie ist eine eigenständige auf natürlichen Prozessen beruhende Medizinphilosophie, Wissenschaft und Kunst im Sinne eines Kunsthandwerks.

  • Das ethische Fundament der Osteopathie bildet Liebe, Mitgefühl und Respekt, wobei das Ziel des osteopathischen Handelns das Mindern der Leidensbilanz der Patienten darstellt. Grundeinstellung, Motiv, Interesse und Empathiefähigkeit der Beteiligten sind integraler Bestandteil des osteopathischen Behandlungsprozesses.

  • Das Leben im Menschen gründet in einer Vereinigung metaphysischer und physischer Entitäten, deren Informationssysteme in Wechselwirkung stehen.

  • Osteopathie bekennt sich zur intellektuellen Aufrichtigkeit. Metaphysische Aspekte werden daher nicht prinzipiell abgelehnt, eine Annäherung an diesen Themenkomplex erfolgt ausschließlich logisch-physikalisch (philosophisch-wissenschaftlich), d. h. nicht spekulativ.

  • Der menschliche Organismus agiert als Einheit durch Interaktion aller seiner Aspekte in Struktur, Funktion, Information und Umwelt.

  • Im Menschen existiert ein Selbstorganisationsmechanismus, der allein für den Heilungsprozess verantwortlich ist.

  • Die Information des Selbstorganisationsmechanismus ist in allen Bestandteilen des Menschen zu finden.

  • Als Medium für das Wirken des Selbstorganisationsmechanismus dienen die ungehinderten Informationssysteme des Körpers in Form der Nervensysteme und der Körperflüssigkeiten.

  • Anatomische Behinderungen der Informationssysteme werden osteopathische Läsionen genannt. Sie sind Ursache für anormale physiologische Prozesse im menschlichen Organismus und bewirken eine negative Modifizierung der Selbstorganisationsmechanismen.

  • Die osteopathische Diagnostik erfolgt ausschließlich manuell, wobei Läsionen immer im Kontext ihrer physiologischen Auswirkungen auf den gesamten Organismus wahrgenommen werden.

  • Die osteopathische Behandlung erfolgt ebenfalls ausschließlich manuell.

  • Durch Beseitigen der anatomischen Läsionen erfolgt eine optimale Anpassung des Organismus und des Mechanismus an sich selbst, mit dem Ziel, normophysiologische Zustände anzuregen.

  • Eine durch eine osteopathische Behandlung veränderte Struktur muss in den Gesamtorganismus integriert werden.

  • Alle Prozesse im Menschen sind auch während des Krankheitszustands physiologischer Natur. Osteopathie versucht daher das Potenzial der Gesundheit zu suchen und zu nutzen (Salutogenese) und keine Krankheiten zu bekämpfen, womit sie dem pathogenetischen Ansatz der klassischen Medizin widerspricht.

  • Der Behandlungserfolg ergibt sich aufgrund qualitativer (“physiologischer”) Kriterien. Lokale bzw. rein quantitativ fassbare (“physikalische”) Kriterien spielen eine untergeordnete Rolle.

  • Behandlungsansätze, die im Sinn der osteopathischen Philosophie ausgeführt werden, sind Bestandteil der Osteopathie.[11]

Ausblick

Die klassische osteopathische Feldtheorie hat einiges mehr zu bieten als gemeinhin angenommen. Vielleicht wird nun auch klarer, warum sie als idealer Grundstein dienen könnte. Denn wie Littlejohn einst Stills Philosophie kritisch unter die Lupe nahm, wäre es nun wieder an der Zeit, diese Feldtheorie im Licht der neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse einer kritischen Prüfung zu unterziehen. Im Kern widerspricht sie zwar nicht den grundsätzlichen wissenschaftlichen Erkenntnissen, d. h. aber nicht, dass sie nicht modifiziert, erweitert und teilweise umformuliert werden müsste. Voraussetzung hierzu ist nur eins: intellektuelle Aufrichtigkeit. Sei es nun, metaphysische Aspekte als für den Menschen bedeutsam anzuerkennen und damit die evidence based medicine einer human based medicine unterzuordnen, oder der Abschied von emotional tiefst befriedigenden metaphysischen Spekulationen; ohne diese innere Öffnung wird die Osteopathie in eine unsichere Zukunft gehen. Oder um es in Anlehnung an Stills wunderbar metaphorische Sprache zu sagen:

So wie Littlejohn der Gärtner für Stills Rosenstock war und ihm damit eine größere Entfaltung ermöglichte, braucht es nun wieder Gartenarbeit, damit der Rosenstock Osteopathie sich noch weiter entfalten kann: mit noch mehr Blüten und noch mehr Dornen.



Im zweiten Artikel erfahren Sie, wie dies aussehen könnte.

 


Literatur

(1) AOA: Foundation of the Osteopathic Medicine. Lippincott Raven, Aufl. Board Book, 2009.
(2) Bundesärztekammer. Wissenschaftliche Bewertung osteopathischer Verfahren. Deutsches Ärzteblatt 2009;106(46):A2325-A2343.
(3) Gevitz, N.: The DOs Osteopathic Medicine in America. 2. A. The John Hopkins University Press, Baltimore, Maryland, 2004.
(4) Knapp N.: Anders denken lernen. Oneness Center, Bern 2008, S. 166.
(5) Littlejohn J.M.: Das große Littlejohn-Kompendium. JOLANDOS, Pähl 2009.
(6) Littlejohn J.M.: Osteopathie erklärt. JOLANDOS, Pähl 2009.
(7) Littlejohn J.M.: Physiology Exhaustive and Practical. Kirksville, Journal Printing Company 1898.
(8) Littlejohn J.M.: Psychology and Osteopathy. Journal of Osteopathy 1900;V(2):67–72.
(9) Littlejohn J.M.: Psychophysiologie: JOLANDOS, Pähl 2009.
(10) Littlejohn J.M.: Das große Littlejohn-Kompendium: JOLANDOS, Pähl 2009.
(11) Littlejohn J.M.: Practice of Osteopathy. Unveröffentlicht, KCOM Museum, Kirksville, ca. 1909.
(12) Littlejohn J.M.: Principles of Osteopathy. Unveröffentlicht, KCOM Museum, Kirksville, ca. 1910.
(13) McGovern J.: Dein innerer Heiler. JOLANDOS, Pähl 2003.
(14) Pöttner M.: Wissenschaft, Philosophie, Praxis und Alltagserfahrung in der klassischen Osteopathie im Kontext ihrer Entstehungszeit: Vortrag auf dem VOD-Kongress, Hamburg, 2010.
(15) Schnucker R.V.: Early Osteopathy. Jefferson University Press, Kirksville, 1991.
(16) Stark J.E.: Stills Fascia: JOLANDOS, Pähl 2007.
(17) Still A.T.: Das große Still-Kompendium. JOLANDOS, Pähl 2005, S.IV–202.
(18) Ward R.C. (ed.): Foundations for Osteopathic Medicine. Lippincott, Williams&Willkins, Philadelphia 2003.
(19) Wernham J.: Fundamentals of osteopathic techniques. JWCCO, Maidstone, undated.
(20) Wernham J.: Pathology of osteopathic lesions. JWCCO, Maidstone,undated.
(21) Wernham J.: Principles. In: Littlejohn J.M. (ed). Lecture notes. JWCCO, Maidstone, undated.

 


Der Text ersetzt keine therapeutische Konsultation. Der Autor des Artikels ist für keinen Schaden verantwortlich, der aus der Anwendung von Informationen aus diesem Artikel entstehen sollte.

© Christian Hartmann, 2017 


Fußnoten


  1. Diese vier Grundprinzipien wurden trotz offensichtlicher Mängel im Verständnis von Stills Philosophie der Osteopathie erstmalig in den1950er-Jahren von der American Osteopathic Association aufgestellt. Der vorliegende Artikel wird zeigen, dass die damalige Reduktion in keinster Weise die Komplexität von Stills Philosophie der Osteopathie widerspiegelt  ↩

  2. Dass Philosophie nicht erst dann als solche bezeichnet werden darf, wenn sie sich in philosophischen Nachschlagewerken findet, belegt Prof. Dr. Martin Pöttner als habilitierter Professor für Theologie in Darmstadt und Heidelberg. Zum gleichen Ergebnis kam auch der inzwischen verstorbene Robert Davis, seines Zeichens Professor für Philosophie und Religionswissenschaft an der renommierten amerikanischen Princeton Universität in New Jersey.  ↩

  3. Das Thema “objektive” und “subjektive” Wahrheiten wird im nächsten Artikel ausführlicher behandelt.  ↩

  4. Unter “Metaphysik” wird diejenige philosophische Disziplin verstanden, die Regeln für alle Phänomene der Realität zu erfassen versucht. Das kann zu Grenzfragen wie “Freiheit”, “Seele” und “Gott” führen.  ↩

  5. Vor dem Hintergrund der poetischen Philosophie des “Amerikanischen Transzendentalismus” kennt Still auch nicht mechanische Aspekte der Realität, die beispielsweise nicht linear zu betrachten bzw. zu behandeln sind. Dies wird durch den romantischen Begriff “organisch” bezeichnet, der schon seit Beginn des 19. Jahrhunderts als Gegenbegriff zu “mechanisch” fungierte.  ↩

  6. “Korrektur” wäre der falsche Begriff, da es unbewusst impliziert, dass der Mensch sich über die Schöpfung bzw. deren Intelligenz stellt, was für Still im Widerspruch zur Vollkommenheit der Schöpfung stand.  ↩

  7. Wie später Littlejohn erahnt Still das Gehirn als Schlüsselorgan für alle Prozesse im menschlichen Organismus. Aufgrund des mangelnden wissenschaftlichen Zugangs zu entsprechenden Forschungen beschränkte sich Still darauf, den nächstmöglichen Behandlungszugang zu wählen: die peripheren Schaltstellen des Zentralen und des Vegetativen Nervensystems. Dies erklärt auch die Fokussierung der Behandlungstechniken auf die Wirbelsäule in den Gründerjahren.  ↩

  8. Vgl. hierzu die Ausführungen von M. Pöttner auf dem letztjährigen VOD-Kongress (14). Vgl. auch z. B. Charles Sanders Peirce, Naturordnung und Zeichenprozess. Suhrkamp, Frankfurt 2001, S. 474–476 (1889).  ↩

  9. Hierzu entwickelte er die ersten meist vor den lokalen Techniken applizierten allgemeinen Techniken, heute auch als AOT oder GOT bekannt. Das sog. Body Adjustment geht sogar gänzlich auf Littlejohn zurück.  ↩

  10. Vgl. dazu den in Anm. 8 erwähnten Vortrag (14).  ↩

  11. Mit der zunehmend ganzheitlicheren Ausrichtung der Manualtherapie bekennt sie sich automatisch zur klassischen osteopathischen Philosophie. Die Osteopathie als Erweiterung der Manualtherapie zu bezeichnen, erscheint somit ebenso unlogisch wie anachronistisch.  ↩

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