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John Martin Littlejohn: Leben und Werk


Archiv: OT.FA.17.1
Autor: Christian Hartmann
Erstveröffentlichung: DO – Deutsche Zeitschrift für Osteopathie  2017; 1: 35–40.
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Zusammenfassung

In der Geschichte der Osteopathie taucht immer wieder der Name des schottischen Osteopathen John Martin Littlejohn (1865–1947) auf. Dabei reicht die Beschreibung vom genialen Behandler, der die Osteopathie in die Wissenschaft des 21. Jahrhunderts führe, über den seriösen Gelehrten, der Andrew Taylor Stills (1828–1917) ursprüngliche Osteopathie entscheidend weiterentwickelt habe, bis hin zum Betrüger, der Stills ‚Philosophie der Osteopathie’ auf Biomechanik reduziert, Medikamente verschrieben und somit an die Schulmedizin ‚verkauft’ habe. Widersprüchliche Einschätzungen dieser Art entstehen häufig aufgrund unkritischer Übernahme der Meinung verehrter Autoritäten, die ihre Ansichten zumeist ebenfalls auf diesem Weg erlangt haben. Gerade in der Osteopathie erscheint diese unkritische Tradierung allerdings ungewöhnlich, da es doch Still selbst war, der die philosophische Haltung zum Leben und somit die grundsätzlich kritische Einstellung gegenüber Traditionen als eine Grundvoraussetzung für die Osteopathie erachtete (6):

„Unabhängig von seinem jeweiligen Thema, kümmert sich der ursprüngliche Denker nicht um die so genannte Autorität in Vergangenheit oder Gegenwart. Er kümmert sich nicht um Priester, Papst, Präsident, Zar, Kaiser, Sultan oder um irgendeine andere Autorität. […] Halte Deine Schmutzventile offen und Deine Maschine in einem solchen Zustand, dass Du Dich aus dem Hören von Theorien herausbewegen kannst. Halte Dich an allen kommenden Tagen am Ufer des Flusses auf, in dem das reine Wasser des Schließens fließt, und sei in der Lage zu beweisen, was Du behauptest.“ (22)



Der vorliegende Artikel versucht, auf Basis überprüfbarer Quellen ein möglichst neutrales Bild von Littlejohn zu erstellen. Als Quellen dienen dabei vorrangig Dokumente, die nachweislich aus John Martin Littlejohns Feder stammen. Sie wurden über das Museum of Osteopathic Medicine (MOM) in Kirksville beschafft und sind Forschern auch über das National Osteopathic Archive (NOA) zugänglich. Zusätzlich befindet sich eine unbekannte Anzahl an Originaldokumenten im Privatbesitz, die einer wissenschaftlichen Sichtung aber nicht zugänglich sind. Die von John Wernahm unter Littlejohns Namen veröffentlichten Artikel wurden ebenfalls nicht berücksichtigt, da es sich um Ausführungen Wernhams auf Basis von Unterrichtsskripten Littlejohns handelt, darin aber weder Quellenangaben noch Hinweise auf die tatsächliche Autorschaft zu finden sind.


Quellenlage

Anders als bei Still finden sich in Littlejohns Schriften so gut wie keine Ausführungen über persönliche oder private Angelegenheiten, was einen großen Spielraum für Spekulationen zu seiner Person und seiner Biografie zuließ. Erst die Veröffentlichungen der englischen Osteopathen Martin Collins und John O’Brien liefern uns die ersten ernstzunehmenden Quellen. Besonders O’Briens Biografie John Martin Littlejohn setzt dabei neue Maßstäbe. Kritisch bei beiden Autoren muss allerdings die Interpretation der Ausführungen Littljohns zu klinisch-osteopathischen Themen betrachtet werden. Da Littlejohn kein systematisches Lehrbuch hinterlassen hat, ist das Erfassen seiner Gesamtschau über die Osteopathie kein einfaches Unterfangen. Insofern entsteht hier schnell der Eindruck, Littlejohn hätte kein geschlossenes Konzept der Osteopathie vorzuweisen. Zudem vertritt er – ebenso wie Still – einen vitalistischen Ansatz, der von angelsächsischen Wissenschaftlern traditionsgemäß grundsätzlich ablehnend betrachtet wird, was sowohl bei Collins als auch bei O’Brien deutlich spürbar ist. Aus diesem Grund basiert das Kapitel ausschließlich auf ca. 2000 Seiten Originaltexten von Littlejohn, die dem Autor als Kopie vorliegen. Ein Teil davon wurde bereits in deutscher Sprache veröffentlicht. (11), (12), (13), (14), (15)


Leben

Schottland bis Kirksville (1865–1898)

John Martin Littlejohn wird am 15.02.1865 in Glasgow als Sohn des presbyterianischen Geistlichen James Littlejohn und der Tochter eines Handwebers in Glasgow als viertes von acht Kindern geboren. Schon früh fällt John, der in ärmsten Verhältnissen aufwächst, durch seine intellektuellen Fähigkeiten auf. Demgegenüber steht seine physische Erscheinung: klein, schmächtig, von fragiler Gesundheit und eher introvertiert. Aufgrund seiner Begabung erhält er bereits mit zwölf Jahren seine erste Auszeichnung, denen noch viele weitere folgen sollten. Mit 16 Jahren schreibt er sich an der Glasgow University ein, belegt dort zahlreiche Fächer, gewinnt weitere Preise und besteht sämtliche Prüfungen, wobei er die Urkunden für diese Ehrungen und Abschlüsse nicht entgegennimmt. Grund hierfür dürfte wohl auch die Tatsache sein, dass er zu jener Zeit noch eine Karriere innerhalb seiner Kirche anstrebte, diese ihren Mitgliedern jedoch die Akkreditierung durch weltliche Institutionen untersagte. Das Fehlen der schriftlichen Nachweise über seine Qualifikationen v.a. aus der Glasgower Zeit wird Littlejohn ein halbes Jahrhundert später noch zum Verhängnis werden.

1885 zieht Littlejohn nach Belfast (Nordirland), wo er 1886 als presbyterianischer Geistlicher ordiniert wird. Aufgrund eines historisch nicht vollständig zu rekonstruierenden Zerwürfnisses mit seiner Kirche kehrt er 1888 nach Glasgow zurück. Dort besucht er wahrscheinlich inoffiziell die Anderson’s Medical School, an der sein Bruder James bereits eingeschrieben war. In jener Zeit stürzt Littlejohn schwer, wobei er sich höchstwahrscheinlich einen Schädelbruch zuzieht, der ihn im weiteren Verlauf mit rezidivierenden Blutungen im Hals und Kopfschmerzen quält. Aufgrund der schlechten Gesundheitslage und fehlender beruflicher Perspektiven entscheidet sich Littlejohn 1899, in die USA zu emigrieren. Er graduiert nachträglich an der University of Glasgow, erhält dort weitere Auszeichnungen und wird Mitglied der dortigen universitären Ratsversammlung.

In den USA besucht Littlejohn das Columbia College, um seine umfangreichen Studien in den Bereichen Theologie, Medizin, antike Sprachen, Politik und weiteren Fächern fortzusetzen. Er bereist die wichtigsten Bibliotheken Europas und beginnt 1892 mit der Erstellung seiner Habilitationsarbeit The Political Theory of the Schoolmen and Grotius, die er aber nie vollständig einreichen wird. Aufgrund seiner labilen Gesundheit zieht er 1893 zunächst nach Waukesha, Wisconsin, um sich 1893 an der National Night University (NNU) in Chicago einzuschreiben. Nachdem er sich dort weitere Titel und Auszeichnungen erwirbt, übernimmt er 1894 im Alter von 28 Jahren die Leitung des Amity College in Iowa.

Kirksville (1898–1900)

1897 lässt sich Littlejohn erstmals von Still aufgrund seiner anhaltenden Beschwerden erfolgreich behandeln und schreibt sich zugleich für den National Medical Course an der NNU ein. Er beendet diese Ausbildung aber, um 1898 als Professor für Physiologie an Stills noch sehr rudimentär organisierter American School of Osteopathy (ASO) zu unterrichten. Im Gegenzug vermittelt Still ihm seine Philosophie der Osteopathie. Nach Kirksville kommen mit John Martin Littlejohn auch dessen medizinisch vorgebildete und ebenfalls nach Amerika emigrierten Brüder James, William und David. Diese ergänzen die Fakultät der ASO, die zu diesem Zeitpunkt aus dem schottischen Arzt William Smith (1862–1912), drei von Stills Kindern, vier seiner ehemaligen Weggefährten und einem Bekannten aus Chicago besteht (Abb. 1). Außer den Littlejohns und Smith verfügt zwar kein weiteres Fakultätsmitglied über eine höhere Schulbildung, dafür bestechen die Nicht-Akademiker durch hervorragende klinische Erfahrung.

Fakultät ASO 1899
Abb. 1: Fakultät der American School of Osteopathy 1899. Quelle: [MOM, 1975.97]
Mitte: Andrew Taylor Still. V.l.n.r.: 1. Reihe: William R. Laughlin, Marion E. Clark, Carl McConnell, William C. Proctor. 2. Reihe: Charles E. Still Sr., Harry M. Still. 3. Reihe: William Smith, Arthur G. Hildreth. 4. Reihe: George Ellison, J. Martin Littlejohn, James B. Littlejohn und David Littlejohn.



1899 wird Littlejohn zum Dekan der ASO gewählt und sofort wird der Einfluss der Akademiker deutlich spürbar. Besonders James Littlejohn und William Smith setzen sich dafür ein, dass die Osteopathie in den USA als eigenständige Medizinform anerkannt wird. Zu diesem Zweck wird der Lehrplan sowohl zeitlich als auch inhaltlich erweitert, wobei die Materia medica und Pharmakologie auf Druck der amerikanischen Fakultätsmitglieder außen vor gelassen werden. Zudem versuchen die Littlejohns und Smith den Hauptzugang zur Osteopathie von der Anatomie zur Physiologie zu verschieben. Aus wissenschaftlicher Sicht war dies nur folgerichtig, denn Stills Ideen entsprangen einer stark mechanistisch geprägten Zeit, wohingegen die Physiologie als „flüssige Anatomie“ einen weitaus zeitgemäßeren, weil dynamischeren Zugang bot. Schließlich will James auch noch Chirurgie als Unterrichtsfach etablieren und im Krankenhaus von Kirksville chirurgische Eingriffe vornehmen, was aber von Still abgelehnt wird.

Die massiven Veränderungen führen rasch zur Rivalität zwischen dem europäisch-akademischen und dem amerikanisch-nichtakademischen Flügel, der schließlich in einen Streit der Anhänger beider Seiten mündet. Während Stills Anhänger („Läsionisten“) den traditionellen Weg beibehalten wollen, propagieren die Anhänger des akademischen Flügels („Erweiterer“) einen Ausbau der Osteopathie. Um weitere Unruhen an seiner Schule zu vermeiden, beendet Still, der sich ansonsten weitestgehend aus allen institutionellen Aufgaben seiner Schule zurückgezogen hat, den Streit, indem er Littlejohn nach nur fünfmonatiger Amtszeit als Dekan durch seinen engsten Vertrauten, Arthur Hildreth (1863–1941), ersetzt. Dieser entlässt postwendend William Smith und die Littlejohns zum Ende des Schuljahres. Zudem stirbt 1900 der inzwischen in Kirksville lebende Vater der Littlejohns, weshalb es für sie keinen Grund mehr für einen weiteren Verbleib am Geburtsort der Osteopathie gibt.

Chicago (1900–1913)

Nach der Beerdigung ihres Vaters verlassen die drei Littlejohns die ASO und gründen in Chicago das American College of Osteopathic Medicine & Surgery (ACOMS). John Martin nimmt sein Studium am Dunham Medical College wieder auf (Abschluss 1902), heiratet Mabel Thompson und unterrichtet am ACOMS Physiologie sowie Prinzipien und Therapie der Osteopathie. An der angeschlossenen Hering Medical School, die später mit dem Hahnemann Medical College verschmelzen wird, unterrichtet er Angewandte Physiologie. 1905 wird das ACOMS in Littlejohn College of Osteopathy (LCO) umbenannt. Bis 1910 ist John Martin u.a. Präsident der Associated Colleges of Osteopathy (ACO) sowie Leiter des A.T.Still Research Institute (SRI), wobei er v.a. im Bereich von Neoplasien forscht.

In den Folgejahren versuchen James und David (William hatte der Osteopathie bereits in Kirksville den Rücken gekehrt), die Materia Medica und Pharmakologie sowie weitere medizinische Grundlagenfächer in die Ausbildung zu integrieren, um eine Anerkennung ihrer Schule als vollwertige medizinische Ausbildungsstätte zu erwirken. Auf der anderen Seite droht die inzwischen als Zentralorgan der Osteopathie fungierende American Osteopathic Association (AOA) dem LCO mit Entzug der Akkreditierung, sollten diese Fächer weiter im Lehrplan der Schule stehen. Nachdem das Anerkennungsvorhaben scheitert, werden die beiden umstrittenen Fächer wieder aus dem Lehrplan entfernt. Auch der gesamte v.a. von John Martin ausgearbeitete Erweiterungsansatz der Osteopathie wird aufgrund des Drucks der Läsionisten fallen gelassen. 1913 wird das LCO schließlich unter der Federführung Davids an eine ärztliche Investorengruppe aus Chicago verkauft. David besetzt im Zuge dieser Aktion offensichtlich ohne Rücksprache mit John Martin dessen Posten als Dekan, was diesen dazu veranlasst, die amerikanische Staatsbürgerschaft zurückzugeben, im selben Jahr mit seiner Frau und inzwischen sechs Kindern nach England zurückzukehren und zeitlebens keinen Kontakt mehr mit James zu pflegen.

England (1913–1947)

Nachdem sich die Familie Littlejohn nahe London in Badger Hall niedergelassen hat, eröffnet Littlejohn in der Hauptstadt Englands eine erste osteopathische Praxis, wird Mitglied der mit der AOA verbundenen British Osteopathic Society (BOS, heute: British Osteopathic Association) und plant ab 1914 eine eigene Schule. Aufgrund des Ersten Weltkriegs verzögert sich die Gründung seiner British School of Osteopathy (BSO) bis 1917. Der ordentliche Lehrbetrieb beginnt aber nicht vor 1922. Als Dekan beruft Littlejohn den aufgrund seiner Verdienste als Knocheneinrenker geadelten Sir Herbert Baker zum Direktor der BSO.

In den Folgejahren entbrennt in England eine von der British Medical Association (BMS) initiierte Hetzkampagne gegen alternative Behandlungsansätze, in deren Fokus auch die Osteopathie gerät. Streitigkeiten zwischen der BSO und der BOA, aber auch innerhalb der gesamten osteopathischen Szene Englands schwächen die Position der Osteopathie. Vor allem Littlejohns im Kern auf Stills ganzheitlicher, gesundheitsorientierter und vitalistischer Osteopathie basierender Ansatz sowie seine eigenen Erweiterungsideen werden zusehends durch die pathogenetisch geprägte und lokal fokussiertes Chiropraktik als Weiterentwicklung des Bonesetting verdrängt. (Eine umfassende Darstellung dieser Ereignisse würde den Rahmen dieses Artikels sprengen. Hierzu sei auf die Werke von Collins und O’Brien verwiesen.) Im Zuge dieser Entwicklung wird Littlejohn 1935 als zentrale Figur der englischen Osteopathie zu einer Anhörung vor einem Gremium im britischen Oberhaus geladen. Bei dem gut dokumentierten Kreuzverhör werden Littlejohn schließlich die fehlenden Nachweise einige seiner vielen Akkreditierungen und Abschlüsse zum Verhängnis. In Europa hatte er deren Annahme noch in Aussicht auf eine klerikale Laufbahn verweigert, und in den USA ist die Vergabe von Abschlüssen unter dubiosen Bedingungen möglich gewesen. Zudem verhindert die ständige Veränderung und Umfirmierung der dortigen Institutionen gerade um die Jahrhundertwende eine nachträgliche Recherche. Weiter erschwerend kommt hinzu, dass der introvertierte Littlejohn offensichtlich von der Massivität der Anschuldigungen überrascht ist und sich ungeschickt verteidigt. Dies verstärkt den Eindruck von Littlejohn als einer unqualifizierten Führungskraft innerhalb der Osteopathie. Von dieser Erniedrigung wird Littlejohn sich nicht mehr erholen und so beginnt er seinen Rückzug aus der Osteopathie. 1940 verkauft er seine BSO-Anteile und 1943 ernennt er T.E. Hall zu seinem Nachfolger als Dekan. Anschließend zieht er sich auf Badger Hall zurück. Er stirbt 1947 im Alter von 82 Jahren.

Littlejohn versinkt sowohl in Amerika als auch in England rasch in Vergessenheit. Lediglich der englische Osteopath John Wernham versucht, mit seinem Lebenswerk Littlejohns Erbe am Leben zu erhalten. Mit der nötigen wissenschaftlichen Distanz nähern sich John Martin Littlejohn zu Beginn dieses Jahrtausends (und somit erst 60 Jahre nach dessen Tod) Martin Collins und John O’Brien.


Werk

Ganz im Sinne eines Menschen mit philosophischer bzw. wissenschaftlicher Haltung zum Leben hat sich Littlejohn im Laufe seines Lebens mit sehr vielen Themen beschäftigt. Sein Universalwissen führte dabei zu einigen unschätzbaren Leistungen im Dienst der Osteopathie. Im Folgenden wird nur eine Auswahl vorgestellt.

Osteopathie von „innen“

Littlejohn beherzigt als erster Osteopath die ausdrückliche Aufforderung Stills, dessen Kernideen mit den Mitteln des rationalen Verstandes, d.h. kritisch bzw. wissenschaftlich zu überprüfen. Im Zuge dieser Arbeit erstellt Littlejohn für seine Zeit bahnbrechende Arbeiten in den Bereichen Biomechanik und Neurophysiologie (v.a. somatoviszerale Reflexmechanismen). Er versäumt es aber, diese systematisch zu veröffentlichen.

  • Er legt schlüssig dar, dass Osteopathie primär kein medizinisches Verfahren, sondern eine biologische Wissenschaft (modern: Biowissenschaft) ist. Im Gegensatz zur Evidence-based Medicine (EBM) stellt er damit eine Life-based Medicine vor, in der sich natur- und geisteswissenschaftliche Aspekte gleichermaßen gegenseitig befruchten.

  • Er verschiebt den Fokus von der Anatomie zur Physiologie, da er weniger das technische Handeln als das Verständnis der durch sie beeinflussten komplexen und dynamischen Prozesse des Körpers als Grundvoraussetzung zum Verständnis der Osteopathie sieht.

  • Littlejohn entwickelt die heute als Allgemeine Osteopathischen Techniken (AOTs; GOT = engl.: General Osteopathic Technics oder General Osteopathic Treatment) bekannten Verfahren und begründet damit den Integrationsgedanken innerhalb der Osteopathie (nachhaltigere Wirkung lokaler Techniken aufgrund der zuvor applizierten AOTs).

  • Er befasst sich als erster Osteopath wissenschaftlich mit der Bedeutung von Rhythmus und Schwingung im Zusammenhang mit den Organsystemen und stimmt darauf rhythmische Behandlungstechniken ab.

  • Er unterscheidet als erster Osteopath zwischen hemmenden und bahnenden Techniken.

  • Er erweitert die für die Entfaltung der Physiologie grundlegenden Rahmenbedingungen in Stills Struktur-Funktions-Modell sowohl nach extern (Umwelt) als auch intern (Psyche).

  • Littlejohn benennt als erster explizit die Psyche und ihre psychophysiologischen Grundlagen als Bereiche der Osteopathie.

  • Er beschreibt funktionelle Erkrankungen erstmals als hyper- bzw. hypophysiologische Adaptionsprozesse des Organismus infolge veränderter Rahmenbedingungen und nicht mehr als pathologische „Wesenheiten“.

  • Er beschreibt erstmals einfache Ideen zur Thermodiagnostik und Bioresonanz im Zusammenhang mit der Osteopathie.

Osteopathie von „außen“

Littlejohn begründet mit seinen Forschungsarbeiten die osteopathische Wissenschaft.

  • Er gibt im Lauf seines Lebens drei osteopathische Zeitschriften heraus, wobei sein Journal of Science of Osteopathy die erste wissenschaftlich wirklich relevante Fachzeitschrift der Osteopathie darstellt.

  • Er liefert jenes wissenschaftliche Fundament, auf dem später die Anerkennung der Osteopathie als eigenständige Medizinform möglich wird.

Littlejohn ist maßgeblich an der Entwicklung der Osteopathie in England beteiligt.

  • Er gründet mit der BSO eine der bis heute einflussreichsten Osteopathie-Schulen der Welt.

Beförderer oder Zerstörer von Stills Ansatz?

Auf das in der osteopathischen Welt gern gepflegte Gerücht, Littlejohn hätte Stills ganzheitlichen und gesundheitsorientierten Ansatz auf biomechanische Aspekte reduziert und sei hauptverantwortlich an der Adaption der Osteopathie an die „Schulmedizin“ in den USA und England beteiligt gewesen, soll in diesem Abschnitt gesondert eingegangen werden.

Tatsächlich hat sich Littlejohn intensiv mit biomechanischen Fragestellungen beschäftigt, was v.a. aus noch unveröffentlichten Unterrichtsnotizen klar hervorgeht (18), (25), (26), (27). Bezieht man die über das Museum of Osteopathic Medicine erhältlichen rund 4000 Seiten umfassenden Unterrichtsskripten und Fachartikel mit ein, erkennt man aber rasch, dass Biomechanik für Littlejohn nur einen Baustein eines weitaus komplexeren Systems darstellt. Im Zentrum seines Forschungsinteresses steht v.a. die Bedeutung des Nervensystems als Informationsübermittler der durch die osteopathischen Techniken vermittelten Impulse. Wie in Osteopathische Diagnostik und Therapie (14) gut nachzulesen ist, spielen dabei die fließenden Körperflüssigkeiten und die Lebenskraft eine wichtige Rolle – ebenso wie Still dies beschrieben hatte. Beide verfolgen letztlich ein ganzheitliches und vitalistisches Modell, wobei Littlejohn die Still’schen Säulen seiner Osteopathie – Anatomie und Physiologie – in den Bereichen Biomechanik und Neurophysiologie vertieft, präzisiert und erweitert. Therapeutisch drücken sich diese Weiterentwicklungen in den AOTs aus.

Bereits 2010 haben sich der Autor dieses Artikels und der Philosoph und profunde Kenner der Texte Stills und Littlejohns Dr. Martin Pöttner intensiv mit dem Thema dieses Abschnitts beschäftigt. Sie schließen:

„Mithin gelingt es Littlejohn dem Anspruch nach, eine auf Stills Grundideen basierende ganzheitliche philosophisch reflektierte wissenschaftliche Theorie vorzulegen, die ständig in der Praxis überprüft, verändert und im besten Fall verbessert werden kann.“ (5)



Und weiter:

„Zusammenfassend kann man sagen, dass Still mit seiner Philosophie der Osteopathie zwar bereits früh den Grundstein für die Versöhnung des Mechanismus (Wissenschaft) mit dem Vitalismus (Philosophie) gelegt hat, es aber Littlejohn war, der dies als erster in seiner ganzen Bedeutung durchdrungen und angemessen formuliert hat. Mit seiner Klassifizierung der Osteopathie als (angewandte) biologische Wissenschaft, deren Praxis sich als Kunstlehre vollzieht, verschiebt er den Fokus […] auf das ‚Erforschen des Lebens an sich’.“ (5)



Dass sich das eingangs erwähnte Gerücht trotz klar gegenteiliger Fakten bis heute hält, dürfte mehrere Gründe haben:

  • Littlejohns Ansatz ist zwar ebenso komplex wie der von Still, die Art der Wissenspräsentation ist bei beiden aber grundverschieden: Still unterhält sein Publikum durch ein Feuerwerk geistreicher und humorvoller Anekdoten, in die er geschickt seine Philosophie der Osteopathie verpackt. Littlejohn hingegen liest vom Blatt ab, legt Wert auf klare Logik und argumentative Stringenz, ohne viel Schnörkel. Ganz nach dem AIDA-Prinzip der Werbung (attraction – interest – desire – action) dürfte Littlejohn allein schon deshalb bereits zu Lebzeiten kaum Aufmerksamkeit bekommen haben.

  • Die Ausführungen Littlejohns sind intellektuell so anspruchsvoll, dass sie ohne höhere Bildung nicht immer zu verstehen sind. Da viele Osteopathen der Gründerzeit und die Mehrzahl der Osteopathen außerhalb der USA über keinen akademischen Hintergrund verfügen, dürfte die komplexe und unsystematische Darlegung der Sachverhalte für viele unverständlich, ja sogar bedrohlich wirken und zu entsprechenden Abwehrreaktionen führen.

  • Während Still eher nach dem Motto „Anatomisch denken, anatomisch handeln!“ vorgeht, bevorzugt Littlejohn das Motto „Physiologisch denken, anatomisch handeln!“. Auch dies verlangt von den Osteopathen aufgrund der komplexeren Materie ein Umdenken auf höherem intellektuellen Niveau und v.a. die grundlegende Bereitschaft, sich der akademisch-wissenschaftliche Welt wohlwollend zu öffnen (selbst wenn sich wissenschaftliche Fundamentalisten gegenüber der Osteopathie gegenteilig verhalten).

  • Littlejohn gerät aufgrund der teilweise paranoiden Pauschalverurteilung der Wissenschaft und ihrer Vertreter v.a. seitens nicht-ärztlicher Osteopathen in eine Vorverurteilung, die eine seriöse Beurteilung des Themas unmöglich macht.

  • Die Vertreter des Vorurteils haben ihre Meinung zumeist unkritisch von anderen „Autoritäten“ übernommen, weiterverbreitet und Teile ihres eigenen Images darüber definiert. Unkritische bzw. unreflektierte Menschen neigen zur intellektuellen Unredlichkeit, d.h. sie vermeiden das Eingeständnis eines Irrtums selbst dann, wenn die Fakten das Gegenteil belegen, um ihr Image in der Szene nicht zu gefährden.

Die Annahme, Littlejohns Ansatz wäre nur biomechanisch und nicht ganzheitlich, wird gelegentlich auch damit begründet, dass Littlejohn – anders als Still – keine spirituellen Themen bespricht. Hier gilt es das grundsätzlich wissenschaftliche ausgerichtete Denken bei Littlejohn zu berücksichtigen. Dieses ist bestimmt durch den systematischen und rationalen Austausch über Sachverhalte. Da spirituelle Sachverhalte zwar erlebbar, aber irrational und somit a priori nicht kritisch überprüfbar sind, ist es nur folgerichtig, dass sie kein Gegenstand oder Argument eines öffentlich geführten systematischen Austauschs und damit auch kein Teil der Wissenschaft sein können. Dass Littlejohn in seinen Äußerungen zur Osteopathie spirituelle Themen weitestgehend vermeidet, ist demnach nur konsequent. Einzige Ausnahme bildet hier die Lebenskraft, die er – wie Still – ganz im vitalistischen Denkstil als zentrale Instanz der Heilung benennt. Dass auch für Littlejohn Spiritualität ein fester Bestandteil des Menschen ist, belegt allein schon die Tatsache, dass er zeitlebens in seinen Gemeinden Laienpredigten hielt. Littlejohn trennt lediglich Privates vom Öffentlichen (Osteopathie), womit er Wittgensteins Ermahnung „Worüber man nicht sprechen kann, darüber sollte man schweigen!“ umsetzt.

Lassen wir Littlejohn selbst sprechen:

„Das wahre osteopathische Konzept lautet: Der Körper ist ein vitaler Mechanismus, basierend auf physischer struktureller Integrität und auf physiologischer beweglicher Aktivität, belebt, gesteuert und aufrechterhalten von der Lebenskraft oder wie auch immer man diese Vitalität nennen mag. Demzufolge ist der Körper ein biologischer Organismus, dessen Integrität von der Aufrechterhaltung der Anpassung zwischen der strukturellen Integrität und der physiologischen Funktion abhängt. Fehlangepasste Struktur und verkehrte physiologische Funktion stellen zwei Grundfaktoren in jeder Pathologie dar, egal ob diese sich akut oder chronisch zeigt. […] Anpassung ist fundamental notwendig, damit der Körper als ein vitaler Mechanismus funktionieren kann. Dies erklärt, warum die mechanische Struktur als der Grundfaktor in den aktiven Prozessen, die im lebendigen Körper ständig ablaufen, die wesentliche architektonische Voraussetzung für die normale Körpergesundheit bildet.“ (11), (12) (Hervorhebung vom Autor)



Es geht Littlejohn bei der Osteopathie also um BioLOGIE, mit BioMECHANIK als nur einem von mehreren Kernbereichen (Anatomie, Neurophysiologie, Lebenskraft, fließende Körperflüssigkeiten, Psyche, Umwelt, aber auch unausgesprochen Spiritualität etc.).

Littlejohn ist nicht gleich Littlejohn

Die naheliegendste Erklärung dafür, dass immer noch viele Osteopathen der Ansicht sind, Littlejohn hätte Stills Ansatz „zerstört“, lässt sich möglicherweise auch darin finden, dass es tatsächlich Littlejohn war, der federführend die Anerkennung der Osteopathie in den USA vorantrieb, indem er bestrebt war, die Materia medica und die Pharmakologie in den osteopathischen Lehrplan zu integrieren und daraus die ganzheitlichen und eher philosophischen Aspekte zu streichen. Allerdings handelte es sich dabei nicht um John Martin, sondern vielmehr um dessen Bruder James (und mit Einschränkungen auch David) Littlejohn. Aus den historischen Unterlagen geht jedenfalls hervor, dass John Martin sich nahezu ausschließlich mit inhaltlichen Fragen der Osteopathie auseinandersetzte. Berufspolitisch wurde er nur insofern tätig, als er die Osteopathie in vielen Fachartikeln auf wissenschaftlicher Ebene gegen Kritik der orthodoxen Medizin verteidigte.


Fazit

Wie Still stammte auch Littlejohn aus einer stark religiös geprägten Familie. Seine ursprünglichen Pläne, als presbyterianischer Geistlicher in Großbritannien zu wirken, schlugen fehl. Nach seiner Emigration in die USA lernte er die Osteopathie als Patient kennen und widmete sich den Rest seines Lebens ihrer Erforschung, wobei er A.T. Stills Kernthesen erstmals wissenschaftlich auf neurophysiologischer und biomechanischer Ebene untersuchte und bestätigte. Mit diesen medizinhistorisch bedeutsamen Arbeiten begründete Littlejohn die osteopathische Wissenschaft, wobei er den Fokus von der Anatomie auf die Physiologie verschob, die Osteopathie als biologische Wissenschaft kategorisierte, sie um den Aspekt der Umwelt und Psyche erweiterte und sich aufgrund der komplexen Materie zeitlebens für einen höheren Ausbildungsstandard einsetzte. Zudem stand er zeitlebens in Austausch mit anderen Wissenschaften und veröffentlichte das erste wissenschaftlich relevante Fachmagazin der Osteopathie. Somit schaffte Littlejohn mit seinem Lebenswerk die Voraussetzungen dafür, dass Stills „Philosophie der Osteopathie“ nicht nur geisteswissenschaftlich von Bedeutung ist, sondern auch naturwissenschaftlich als vollwertige (biologische) Disziplin.

Gänzlich vereint finden sich Still und Littlejohn schließlich in ihrer Fähigkeit, vor dem Wunder einer wohlwollenden Schöpfung demütig zu staunen und zugleich zum Wohl der Menschheit zu handeln:

„Wenn du deine Hände auf einen Kranken legst, lege sie ehrfurchtsvoll auf, denn du hast es mit dem Meistermechanismus von Erde und Himmel zu tun: dem menschlichen Körper. Kein vollkommenerer ist uns jemals begegnet.” (13)

 


Literatur

(1) Collins M. Osteopathy in Britain. North Charleston: Booksurge; 2005
(2) Gevitz N. The D.O.s in America. Baltimore: John Hopkins University; 2004
(3) Gevitz N. The ‚Doctor of Osteopathy’: Expanding the Scope of Practice. Part I. JAOA 2014; 3 (114): 200–212
(4) Gevitz N[CH4]. Expanding the Scope of Practice, Part II. JAOA 2014; 2 (114): 114–124
(5) Hartmann C, Pöttner M. Von Littlejohn lernen: Osteopathie als angewandte biologische Wissenschaft. DO 2010; 4: 33–35 und 2011; 1: 35–36
(6) Hartmann C. Gedanken zu A.T. Stills Philosophie der Osteopathie. Pähl: JOLANDOS Verlag; Verlag, Zeitschrift? 2016
(7) Jordan L. Battling a Diploma Mill: The Early Fight to Preserve the Osteopathic Principles of A.T. Still. JAOA 2014; 9 (114): 722–726
(8) Lewis J. Vom trockenen Knochen zum lebenden Menschen. Gwynedd: Dry Bone Press; 2012
(9) Littlejohn JM. Lecture notes on physiology: delivered before the January and April classes of the American School of Osteopathy. Kirksville: Advocate Book and Job Print; 1898
(10) Littlejohn JM. The Principle of Osteopathy. JAOA 1908; 6 (7): 191
(11) Littlejohn JM. Psychophysiologie. Pähl: JOLANDOS Verlag; 2009
(12) Littlejohn JM. Osteopathie erklärt. Pähl: JOLANDOS Verlag; 2009
(13) Littlejohn JM. Das große Littlejohn-Kompendium. Pähl: JOLANDOS Verlag; 2009
(14) Littlejohn JM. Osteopathische Diagnostik und Therapie. Pähl: JOLANDOS Verlag; 2011
(15) Littlejohn JM. Osteopathie – eine biologische Wissenschaft. Pähl: JOLANDOS Verlag; 2015
(16) Littlejohn JM. Osteopathic Therapeutics: Diagnosis. Unveröffentlichtes Unterrichtsskript. Kirksville: Museum of Osteopathic Medicine; ca. 1900
(17) Littlejohn JM. Principles of Osteopathy. Unveröffentlichtes Unterrichtsskript. Kirksville: Museum of Osteopathic Medicine; ca. 1900
(18) Littlejohn JM. Principles. Unveröffentlichtes Unterrichtsskript. Kirksville: Museum of Osteopathic Medicine; ca. 1900
(19) O’Brien J. Bonesetters: A History of Britain Osteopathy. Tunbridge Wells: Anshan; 2012
(20) O’Brien J. John Martin Littlejohn. Tunbridge Wells: Anshan; 2015
(21) Stark J. Stills Faszienkonzepte. Pähl: JOLANDOS Verlag; 2009
(22) Still AT. Das große Still-Kompendium. Pähl: JOLANDOS Verlag; 2005
(23) Still AT. Erinnerungen an Andrew Taylor Still. Pähl: JOLANDOS Verlag; 2005
(24) Trowbridge C. Andrew Taylor Still 1828–1917. Pähl: JOLANDOS Verlag; 2006



Unveröffentlicht

(25) Littlejohn JM. Practice of Osteopathy; Museum of Osteopathic Medicine; RZ 341.L72; ca. 1909
(26) Littlejohn JM., Principles of Osteopathy; Museum of Osteopathic Medicine; RZ 341.L73; ca. 1910
(17) Littlejohn JM., diverse Notizen, John Wernham College of Osteopathic Medicine.

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