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„Find it“ – Paradigmenwechsel in der Diagnostik


Archiv: OT.FA.18.1
Autor: Christian Hartmann
Erstveröffentlichung: DO – osteopathisch 2017; 2: 47–49.
Richtig zitieren?



Begleitartikel zu Jane Starks Artikel „Leave it alone“ – und dann?

Zusammenfassung

Der Artikel beschäftigt sich mit dem ersten Aspekt des von Jane Stark im vorangegangenen Artikel erwähnten Zitats „Find it, fix it and leave it alone“. Es geht also um Andrew Taylor Stills diagnostisches Vorgehen und seine Bedeutung für die Medizingeschichte.

Medizinische Diagnostik

In der Entstehungszeit der Osteopathie (ca. 1865–1885) spielte bei der ärztlichen Diagnostik die erstmals in den Hippokratischen Schriften beschriebene Humoralpathologie eine zentrale Rolle. Ihr zufolge spiegeln sich die vier Grundelemente der Welt in vier Körpersäften des Menschen wider:

  • Blut
  • Schleim
  • gelbe Galle
  • schwarze Galle


Ein Ungleichgewicht dieser Säfte, denen unterschiedliche Qualitätspaare wie heiß, kalt, feucht oder trocken zugeordnet wurden, führte zur Krankheit. Als Ursache vermutete man Auslöser mit ähnlichen Qualitäten, die auf den Patienten einwirkten.

Folglich standen die Körpersäfte im diagnostischen Zentrum. Hatte ein Patient z. B. bei Fieber eine gerötete, warm-feuchte Haut, wies dieses Symptom auf einen Überschuss an Blut hin. Konsequenterweise suchte man warm-feuchte Einflüsse, wie etwa einen ungünstigen Stand Jupiters (warm-feucht) oder feucht-warme Meereswinde und verortete dort die Krankheitsursache.

Die Körpersäfte standen zu Stills Zeiten im Zentrum.

Die Humoralpathologie gründet also in streng rationalem Denken und wurde viele Jahrhunderte an den Universitäten unkritisch tradiert. Diese Dogmatik führte dazu, dass neue wissenschaftliche Erkenntnisse, die bereits seit der Renaissance verfügbar waren, kaum Einfluss auf die medizinische Lehre hatten. Erst die 1828 von Rudolf Virchow (1821–1902) umfassend beschriebene Zellularpathologie, die sich an physiologischen Prozessen auf Zellebene orientiert, sollte das medizinische Denken verändern. In europafernen Gegenden vollzog sich dieser Paradigmenwechsel erst Ende des 19. Jahrhunderts (1). Die von Still beschriebenen medizinischen Geräte und Vorgehensweisen deuten jedenfalls darauf hin, dass er während der Entwicklung seiner Philosophie der Osteopathie (ca. 1865–1885) kaum Kenntnis von der Zellularpathologie gehabt haben dürfte (2).

Krankheit als Wesen

Um die medizinhistorische Bedeutung von Stills Diagnostik wirklich erfassen zu können, muss man neben den oben hergeleiteten Rahmenbedingungen auch das therapeutische Rollenbild jener Zeit kennen. Hier eine kurze Zusammenfassung:
In der antiken Medizin dienten Krankheitsbegriffe lediglich zur Systematisierung von Krankheitsprozessen auf der Basis von Symptomen. Als die Macht der römisch-katholischen Kirche zunahm und die westliche Welt von den Ideen des absolut „Guten“ und „Bösen“ durchdrungen wurde, mutierten Krankheiten immer mehr zu „Wesenheiten“, die anhand von Symptomen benannt, dingfest und damit „bekämpfbar“ oder „besiegbar“ gemacht werden konnten – soweit die Vorstellung. In dieser Zeit wandelte sich das Bild des Therapeuten ganz allgemein vom philosophischen Kunsthandwerker zum „heroischen Erlöser“. Trotz erheblicher Fortschritte in der Diagnostik, war dieses Rollenbild nicht nur zu Lebzeiten Stills in der Medizin omnipräsent. Es bestimmt bis heute das therapeutische Denken (1), (2).

Stills Diagnostik

Als Landarzt kannte Still die „heroische“ Rolle des Arztes und das damit verbundene hierarchische Denken gut. Dass er dies höchst kritisch betrachtete, zeigen viele seiner Aussagen zur Diagnostik, etwa diese:

[…] aber die Doktoren der „alten Schule“ haben die Erkenntnis von und die Suche nach der Ursache bzw. den Ursachen, welche diese Wirkungen produzieren, aus den Augen verloren. Wenn überhaupt, wurde auf der Suche nach physischen Veränderungen nur wenig Aufmerksamkeit auf jene Teile des Körpers gerichtet, welche diese anormalen Zustände in den Funktionen ausgelöst haben könnten. Die Ärzte wurden in dem blinden Vertrauen ausgebildet, dass gut bekannte Symptome ausreichende Informationen liefern, um damit den Kampf zu beginnen. […] Auch werden dem Schüler dieser Schule die Ursachen für die Veränderung von Temperatur und Puls nicht gezeigt. Seine lehrenden Führer kleben bei ihren Prüfungen und Diagnosen fest am Pulsschlag. […] Er kann nun sagen, wie hoch die Temperatur des Patienten an jedem Tag dieser Woche war, wie oft er Kopfschmerzen oder Gliederschmerzen gehabt hat, wie müde und wund und durstig er war und wie oft sich seine Eingeweide innerhalb von 24 Stunden bewegt haben, wie gelb, braun, rot oder belegt die Zunge am ersten, fünften, siebten, neunten und fünfzehnten Tag ist; aber ihm wurde von seiner Schule niemals gesagt, dass diese Symptome alles nur Wirkungen und nicht die Ursache der Krankheit sind. ‚Nun haben wir die Symptome, wir bringen sie in eine Reihe und bezeichnen die Krankheit’, sagen die medizinischen Doktoren. ‚Wir bezeichnen sie es als Paratyphus, Gallenfieber oder anders, bevor wir mit der Behandlung beginnen. Nun, da wir das Fieber benannt haben, werden wir unsere Kriegsmunition in Massen auf die Symptome abfeuern.’ […] Aber ihm wird nichts über die Ursachen der Schwierigkeiten gesagt, die er erschließen könnte.“ (3, S. 134)

Oder:

„Wir [Anm.: Mediziner] haben ein Namensystem für sie [Anm: Krankheiten], das wir Symptomatologie nennen, ein willkürliches System, um Dinge zu benennen – ob sie nun verstanden sind oder nicht. Du bringst alle Teile zusammen und hast ein Etwas gemacht und nennst es Pseudo-Krupp. Du variierst es ein wenig und nennst es Fieber. Ziehe etwas ab, füge zwei oder drei andere Arten von Etwassen hinzu, und Du hast eine Lungenentzündung. Ziehe ein wenig ab und füge ein wenig hinzu und Du hast Durchfall. Ziehe vier ab und füge zwei hinzu und Du erhältst Krämpfe.“ (3, S. 156)

Und in seiner charakteristisch metaphorischen Sprache ausgedrückt:

„Wenn wir ein Haus mit einer Klingel und zehn an je einer ins Zentrum führenden Tür befestigten Drähte haben, wird die Klingel beim Ziehen an jedem einzelnen Draht ertönen. Ohne eine weitere Angabe kann man nicht ausmachen, an welchem Draht gezogen wurde, der die Wirkung ausgelöst oder die Klingel im Zentrum zum Ertönen gebracht hat. Ein Elektriker würde die Ursache sofort erkennen. Sinn des Studiums ist es, den berührten Draht zu lokalisieren und zu unterscheiden.“ (3, S. 83)

Still belässt es nicht bei der Kritik, sondern reflektiert über ein neues diagnostisches Vorgehen:

„Wir möchten Deinem Verstand nahe bringen, dass es sich hier um eine lebendige und vertrauenswürdige Lehre von Symptomen handelt. Sie ist nicht bloß spekulativ, sie beginnt nicht mit Worten und endet nicht in unzuverlässigen Wiederholungen alter Theorien, […] die bis zu diesem Tage geboren und durch den Albtraum von Dummheit, Unwissen und Aberglaube erhalten wurden. Das hier ist das Buch über Symptomatologie, das ich Dir empfehlen kann. Benutze es anstelle aller anderen Bücher. Der Preis besteht in ewiger Wachsamkeit.“ (3, S. 22)

An dieser Stelle beschreibt er diese neue Symptomatologie genauer:

„Nur wenn wir die Anatomie in ihrem Normalzustand wirklich verstanden haben, können wir anormale Zustände entdecken. Es mag sein, dass wir durch Abschätzung Variationen von nur einigen Hundertstel eines Millimeters feststellen können, welche, obwohl unendlich klein, trotz allem anormal sind. Verfolgen wir die Wirkungen der anormalen Dehnung von Sehnen und Bändern, kommen wir mit Leichtigkeit zu dem Schluss, dass Abweichungen von wenigen Millimetern wahrscheinlich oft Einfluss auf die Teile des Körpers nehmen, durch die jene Gefäße und Nerven fließen, deren Pflicht es ist, trotz ihres winzigen Durchmessers ein bestimmtes Gebiet vital und gesund zu erhalten. Alle Gefäße, die Flüssigkeiten für den Aufbau und Unterhalt der unendlich feinen Fasern, Gefäße, Drüsen, Faszien und Zellkanäle zu Nerven und Lymphgefäßen transportieren, müssen in absolut korrekter Lage sein, bevor eine normale, physiologische Aktion in vollkommener Harmonie mit der gesundheitserhaltenden Maschine des Körpers erfolgen kann. […] Wir wünschen, dass du dich mit der menschlichen Anatomie so gründlich bekannt machst, dass deine Hand, dein Auge, dein Verstand dich unfehlbar zu allen Ursachen und Wirkungen führt.“ (3, S. 22)


Andrew Taylor Still
Abb. 1: Andrew Taylor Still mit einer Darstellung des menschlichen Beckens.
(Museum of Osteopathic Medicine, Kirksville, MO [1975.97.08])

„Find it“ bedeutet bei Still, anhand von Symptomen die Patientenphysiologie zu erfassen

Stills Diagnostik orientiert sich also nicht mehr am „Bösen“, den Krankheiten. Symptome dienen vielmehr als Eintrittspforte, um über anatomisch-physiologische Reflexionen zur Läsion zu gelangen und diese palpatorisch innerhalb eines „normalen, d.h. lebendigen und damit stets hömöodynamisch in Richtung Gesundheit orientierten Organismus wahrzunehmen. Nun erschließt sich auch der tiefere Sinn von Stills berühmten Ausspruch:

„Gesundheit zu finden sollte die Aufgabe des Arztes sein. Jeder kann Krankheit finden.“ (3, S. 44)

Symptome dienen bei diesem diagnostischen Vorgehen also nicht mehr zur Benennung eines als „böses Wesen“ wahrgenommenen Krankheitsbegriffs, sondern ausschließlich zur Identifizierung einer ursächlichen Beeinträchtigung physiologischer Prozesse.
Tatsächlich vollzieht Still auf diagnostischer Ebene einen medizinhistorischen Paradigmawechsel, der eine erhebliche Konsequenz für das therapeutische Selbstbild nach sich zieht: Der Therapeut muss – auf Basis hervorragender anatomisch-physiologischer Kenntnisse – den Mut besitzen, seinen eigenen anatomisch-physiologischen Schlussfolgerungen mehr zu vertrauen als starren Diagnoseabläufen, deren Ziel das Auffinden und Benennen einer Krankheit ist. Still fordert seine Schüler hierzu explizit auf:

„Mache nichts, nur weil du mich oder Dr. Hildreth oder Harry es machen siehst. Dir wurde ein Gehirn gegeben, damit du es benutzt, und das musst du erkennen, wenn du erfolgreich sein willst.“ (3, S. 296)

Bei dieser Form der Diagnostik wird die Physiologie als eigentlich heilende Kraft anerkannt. Dies ist aber nur möglich, wenn der Therapeut seine Rolle als „heilender Helfer“ aufgibt, um wieder die Position des reflektierten, d. h. philosophischen, Kunsthandwerkers einzunehmen.

Fazit

Aus medizinhistorischer Sicht bewegt sich Still bei seiner Diagnostik aufgrund des anatomisch-physiologischen Denkens auf der Höhe der damaligen medizinischen Wissenschaft. Darüber hinaus überwindet er mit seiner Philosophie der Osteopathie, die diese Diagnostik beinhaltet, das „heroische“ Selbstverständnis des Therapeuten. Der Osteopath wird zum Beobachter und Entdecker und repräsentiert damit als unabhängiger und reflektierter Mensch den hippokratischen Arzt in seiner ursprünglichen Bedeutung.

Man darf gespannt sein, ob und wie diese geisteswissenschaftlich gewonnenen Erkenntnisse zu Stills „Find it“ in medizinischen und osteopathischen Kreisen besprochen werden.


Literatur

(1) Bynum W. Geschichte der Medizin. Stuttgart: Reclam; 2010.
(2) Still AT. Hartmann C. (Hrsg.). Das große Still-Kompendium. Pähl: JOLANDOS; 2005.
(3) Hartmann C. Gedanken zu A.T. Stills Philosophie der Osteopathie. Pähl: JOLANDOS; 2016.

 

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