Abenteuer Leichenbeschaffung


Archiv-Nr.: OT.FA.03.2
Autor: Christian Hartmann
Erstveröffentlichung: DO – Deutsche Zeitschrift für Osteopathie 2003; 32–33.
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„Osteopathie kann weder durch Bücher vermittelt, noch kann sie jemandem vernünftig beigebracht werden, der nicht die Anatomie sowohl aus Lehrbüchern als auch aus der Sektion voll verstanden hat.“ (A.T. Still) (1)



Still, der Begründer der Osteopathie, bezog sein anatomisches Wissen vorwiegend aus Beobachtungen an eigenhändig ausgegrabenen Indianern. (2) Dieses makabre Detail seiner Biografie zeigt die von jeher bestehende Schwierigkeit der legalen Leichenbeschaffung zu wissenschaftlichen Zwecken. Im England des 16. Jahrhunderts beispielsweise war Grabraub an der Tagesordnung und in vielen Gegenden Europas wurden zum Tode Verurteilte nach der Hinrichtung öffentlich seziert. (3)

Im Amerika der Gründerzeit existierten keine gesetzlichen Regelungen bezüglich Sektionen; erst Mitte des 19. Jahrhunderts erließen erste Bundesstaaten entsprechende Verordnungen. Gewöhnlich wurden dabei Körper mittelloser Verstorbener nach deren behördlicher Freigabe an medizinische Einrichtungen verteilt. Nicht wenige Ärzte ignorierten diese Verordnungen allerdings und verschafften sich tote Körper auch unter Umgehung dieser Verordnungen. (4) So kam es, dass der rapide anwachsende Leichenbedarf im prosperierenden Amerika zu einer Erntezeit für Grabräuberbanden wurde. Auch boten zahlreiche Bestatter illegal Leichen meistbietend feil, sodass Angehörige bei Beerdigungen nicht selten einen mit Sand gefüllten Sarg betrauerten. (5)

Die restriktive Verteilung der wenigen „legal“ freigegebenen Körper wurde zudem von den etablierten medizinischen Organisationen der einzelnen Staaten kontrolliert, sodass selbst die American School of Osteopathy (ASO) als bedeutendste osteopathische Lehranstalt gewöhnlich leer ausging. Groteske Folge dieser Praktik: „Mike“ – ein Leichnam aus Stills Besitz – diente bis zu seiner vollständigen Mumifizierung den Jahrgängen von 1892 bis 1898 als einziges anatomisches Anschauungsobjekt.

Um diesen Zustand zu ändern, beschlossen Dr. Smith und sein Assistent Dr. Rider, beides Anatomielehrer der ASO, sich im 20 Kilometer von Chicago entfernten Dunning auf eigene Faust Leichen zu besorgen. (6) Am 13. November 1899 brachen sie morgens mit dem Zug nach Chicago auf. Der Polizeichef von Dunning versicherte ihnen, dass der Nachtwächter des Leichenschauhauses für Arme die Körper Verstorbener verkaufen würde. Noch am selben Abend kam es mit dem besagten Nachtwächter zu einem Treffen, um das weitere Vorgehen zu besprechen. Da sich das Dunning Hospital nur unweit des Leichenschauhauses befand und man kein Aufsehen erregen wollte, verabredete man sich dort erst für Mitternacht.

Dort zur vereinbarten Zeit zeigte der Nachtwächter den Interessenten zwölf männliche und einen weiblichen Körper. Er behauptete auch, dass es noch weitere Körper gebe. Man müsse ihn nur durch die „Killer-Station“ des Hospitals begleiten und bei der gewünschten Person mit dem Kopf nicken. Dr. Smith lehnte jedoch ab, da ihn nur „natürlich“ Verstorbene interessierten. So wurden vier Leichen – drei männliche á 50 $ und eine weibliche für 60 $ - in eigens dafür präparierte Kisten auf eine Lastkutsche verladen. Einige Kilometer weiter legte man einen Halt ein, um die Körper in einem leerstehenden Haus fachgerecht einzubalsamieren. Während der Fahrer angewiesen wurde, die Kisten an der Bahnstation als „Büchersendung“ nach Kirksville einzuchecken, begaben sich Dr. Smith und Dr. Rider ihrerseits zu Fuß durch Schlamm und Regen auf den Rückweg. Ihnen war zwar klar, dass es sich bei ihrem Abenteuer um eine äußerst zweifelhafte Aktion handelte, dennoch waren sie vollkommen überrascht, als tags darauf in sämtlichen Mittagsausgaben der Chicagoer Zeitungen folgende Top-Story zu lesen war:

„SCHWERER DIEBSTAHL IM LEICHENSCHAUHAUS DUNNINGS“


Überall waren Polizisten unterwegs und es mutet wie ein Wunder an, dass die beiden Herren aus Kirksville der Polizei nicht in die Hände fielen. Am Nachmittag konnten sie Chicago unbehelligt und erleichtert mit ihrer wertvollen Fracht verlassen. Der Vorrat an „Anschauungsmaterial“ war damit für die ASO gesichert und „Mike“ fand endlich seine letzte Ruhe. (7)

Erst 1907 wurde eine gesetzliche Quotenregelung eingeführt, die der ASO entsprechend ihrer Studentenzahl eine feste Quote freigegebener Leichen in Missouri zusprach und weitere Abenteuer überflüssig machte. (8)

 


Literatur

(1) Still A.T.: Das große Still-Kompendium. JOLANDOS Verlag, Pähl, 2005, S. 74.
(2) Hildreth A.: The Lengthening Shadow of Dr. Andrew Taylor Still. Mrs. A.G. Hildreth and Mrs. A.E. Van Vleck, Kirksville, 1942, S. 31.
(3) Garrison, F.H.: An introduction to the history of medicine, with medical chronology, suggestions for study and bibliographic data. 4. A. W.B. Saunders Co., Philadelphia, 1929, S. 282–283.
(4) Peterson: From the Archives, The D.O., November 1976, S. 35ff.
(5) Booth E.E.: History of Osteopathy and 20th century medical practise. Caxton Press, Cincinnati, 1924, S. 76–7.
(6) Anonym: 6. Galery of Osteopathic Pioneers. The Osteopathic Physician, Nov 1905, S. 13.
(7) Anonym: $500.00 Reward, Journal of Osteopathy, 1898, S. 540.
(8) Young: Another Osteopathic Mikestone. The Journal of Osteopathy, 1907, p. 260–262. (Anm.: Mikestone, da das erste Skelett der ASO liebevoll “Mike” genannt wurde.)

 


Bilder mit freundlicher Genehmigung des Museum of Osteopathic Medicine, Kirksville.

Der Text ersetzt keine therapeutische Konsultation. Der Autor des Artikels ist für keinen Schaden verantwortlich, der aus der Anwendung von Informationen aus diesem Artikel entstehen sollte.

© Christian Hartmann, 2017 


 

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