Medizintradition der Osteopathie


Archiv-Nr.: OT.BB.13.1.
Autor: Christian Hartmann
Erstveröffentlichung: www.osteopathie.jolandos.de (05.06.2013; jetzt offline)
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Die nachfolgenden Ausführungen sollen dabei helfen, Osteopathie im medizinischen Kontext besser verorten zu können. Inhaltlich bezieht sich der Begriff ‚Osteopathie’ dabei auf die gemeinsame Basis aller osteopathischen Strömungen: die klassische osteopathische Philosophie nach A.T. Still und J.M. Littlejohn.

 


1. Der gesundheitsorientierte (hippokratische) Ansatz

Philosophie

Bei diesem Ansatz gibt es keine ‚Pathologien’, sondern lediglich hypo- oder hyperphysiologische Anpassungsprozesse auf ein sich ständig veränderndes inneres und äußeres Milieu. Alle Anwendungen dienen der Förderung dieser evolutionär gewachsenen inhärenten Selbstorganisationsprozesse, welche den Organismus unentwegt im Sinn der Heilung adaptieren. Die Heilverantwortung obliegt allein den Selbstorganisationsprozessen, wobei Gesundheit als lebendiges und sich daher stets veränderndes Gleichgewicht unzähliger kleinerer Prozesse gesehen wird.

Bei diesem Ansatz steht eine stets lebendige und damit sich dynamisch verändernde Gesundheit im Zentrum des Bewusstseins und der Mensch wird als anatomisch-physiologische Funktionseinheit jenseits selektiver Organsysteme wahrgenommen.

Behandlungsziel

Behandler und Patient versuchen hierarchisch auf einer Ebene lediglich als ‚Diener der Natur’ die anatomisch-physiologischen Rahmenbedingungen für besagte Gesundungsprozesse zu optimieren. Das Behandlungsziel besteht damit nicht im Beseitigen einer ‚bösen’ Krankheit, sondern darin, den natürlichen Gesundungsprozessen bedingungslos zu vertrauen und ihnen auf anatomisch-physiologischer Ebene möglichst viel individuellen Spielraum zu verschaffen.

Diagnose & Behandlung

Jedes Symptom ist verknüpft mit unzähligen Prozessen. Damit ist die Benennung einer Krankheit aufgrund eines oder mehrerer Symptome ein rein hypothetisches Konstrukt, das die komplexe Wirklichkeit dramatisch verzerrt. Der prozesshafte Charakter organischer Vorgänge verbietet somit eine Diagnostik im klassischen Sinn. Es gibt daher nur eine Diagnose: ‚Mensch’.

Die Behandlung ist streng prozessorientiert und patientenzentriert, d.h. sie orientiert sich nicht an statistischen Mehrheiten, bei denen Vertreter der Minderheiten durch das therapeutische Raster fallen. Konsequenterweise orientiert sich die Behandlung ebenso wenig an Konzepten, Goldstandards, Behandlungsserien etc., sondern einzig an dem momentanen Bedürfnis des Patienten in der jeweiligen Behandlung.

Ideales Indikationsgebiet

Funktionell-chronische bzw. somatopsychische Beschwerdebilder (nicht: ‚Krankheiten’).

Kontraindikationen

Notfälle und Fälle (akute psychische und physische Krisen), bei denen die Prozesse strukturell irreversibel behindert sind.

Vergütung

Der Behandlungsansatz ist also streng salutogenetisch und damit automatisch prozessorientiert und patientenzentriert. Folglich gibt es keine evaluierbaren Behandlungskonzepte, organspezifischen Pathologien oder sonstige diagnose- und pathologieorientierte Algorithmen, so wie diese in den Gebührenordnungen üblich sind. Daher wäre die zeitbezogene Vergütung bei diesem Ansatz ideal.

Vorteil für Versicherungen bei dieser Form der Bezahlung: hohe Patientenzufriedenheit im Bereich funktionell-chronischer Beschwerdebildung mit guter Kundenbindung an die Versicherung.

Motto

„Gesundheit zu finden ist Aufgabe des Arztes, Krankheit kann jeder finden!“ (A.T. Still)

 

Bekannteste Vertreter

Homöopathie, Osteopathie, TCM.

 


2. Der krankheitsorientierte (heroische) Ansatz

Philosophie

Bei diesem im kirchlichen (nicht: christlichen) Kontext von Gut und Böse kultivierten Ansatz werden Pathologien bzw. Krankheiten als ‚böse Wesenheiten’ wahrgenommen, die der Gesundheit im Weg stehen und die es daher zu beseitigen gilt. Die natürlichen Selbstorganisationprozesse spielen hier nur eine Nebenrolle, womit die Heilverantwortung nahezu vollständig beim Individuum selbst liegt. Dadurch avanciert der Behandler zum Helden im Kampf gegen das Böse.

Bei diesem ‚heroischen’ Ansatz steht die zu besiegende Pathologie im Zentrum des Bewusstseins von Behandler und Patient und der Körper wird in isolierten von der Pathologie ‚befallenen’ Organsystemen wahrgenommen. Obgleich Hippokrates als Schutzpatron der klassischen Medizin fungiert, entspricht ihr Ansatz demnach überhaupt nicht mehr seiner Philosophie.

Behandlungsziel

Da bei Behandler und Patient die ‚Pathologie’ im Bewusstseinsfokus steht, ist das erklärte Ziel beider die Überwindung derselben. Der Behandler wird dabei als ‚Macher’ wahrgenommen, der die Natur kontrollieren und korrigieren kann, was im Übrigen das Image des ‚Halbgottes in Weiß’ erklärt. Da der Patient bei diesem Ansatz dem ‚allmächtigen’ Behandler mehr vertraut als der Natur, geht es letztlich um ‚Gesundmachen’ und nicht mehr um ‚Gesundheitsentfaltung’.

Diagnose & Behandlung

Krankheit – das ‚Böse’ – zeigt sich durch Symptome. Die Logik des galenischen Ansatzes geht davon aus, dass die Krankheit besiegt ist, sobald die Symptome verschwunden sind. Dies eröffnet die Möglichkeit einer systematischen an Symptomen orientierten Krankheitseinteilung ebenso wie die einer statistischen Evaluation, auch wenn dies der individuellen Wirklichkeit oftmals widerspricht.

Die Behandlung orientiert sich konsequenterweise an einer rein organspezifischen Diagnostik (‚Schulter-Arm-Syndrom’ => Manualtherapie für die Schulter), selbst wenn die Ursachen woanders liegen.

Ideales Indikationsgebiet

Akut- und Intensivmedizin. Medizinische Versorgung in Gebieten schlechter Hygiene und Ernährung, bis durch bessere Bildung und Versorgung die Selbstorganisationsprozesse wieder stark genug sind, um im Kontext der vollen Heilverantwortung zu wirken.

Kontraindikationen

Vor allem funktionell-chronische Erkrankungen, bei denen keine strukturellen oder akuten Beschwerden vorliegen (z.B. alle psychovegetativen Beschwerdebilder).

Vergütung

Die Vergütung erfolgt im Rahmen von Gebührenordnungen diagnosebezogen und auf Basis evaluierbarer Behandlungskonzepte. Eine zeitbezogene Vergütung widerspricht diesem Ansatz.

Vorteil für Versicherungen: optimale Evaluierung und Steuerbarkeit der Vergütung, allerdings verbunden mit extrem hohem Missbrauchspotenzial.

Motto

„Ich bin das Schwert, ich bin die Flamme“ (Heine)

 

Bekannte Richtungen

Vor allem orthodoxe Medizin – bei allen Indikationen.

 


3. Der (klassische) osteopathische Ansatz

Philosophie

Dieser Ansatz steht ganz in der Tradition des hippokratischen Medizinansatzes. Die klassische Osteopathie versteht sich dabei als Kunsthandwerk, angewandte Philosophie und Wissenschaft im Kontext der human based medicine (mit evidence based medicine als nur einem Aspekt). Die in der Außendarstellung immer wieder benannten drei Säulen (parietal, viszeral, myofaszial) und vier Grundprinzipien (Der Körper ist eine Einheit etc.) entsprechen eigentlich nicht dem ursprünglichen ganzheitlichen Ansatz, ohne separierte Organsysteme oder starre Behandlungsprinzipien bzw. -konzepte. Der Marktdruck innerhalb eines fast ausschließlich pathogenetisch geprägten Denkens in den westlichen Gesundheitssystemen zwang die Osteopathie aber leider zu diesem Schritt; leider deshalb, weil sie dadurch ebenfalls im pathogenetischen Kontext wahrgenommen wird.

Behandlungsziel

Allein die Verbesserung der anatomisch-physiologischen Rahmenbedingungen. Eine Heilung wird nicht versprochen und garantiert, da dies auch von den inneren Prozessen abhängt, deren Potenzial individuell völlig unterschiedlich ist.

Diagnose & Behandlung

Wie beim hippokratischen Ansatz geht es nicht darum, Symptome oder Krankheiten zu finden und zu beseitigen, sondern Gesundheit als Ganzes zu fördern. Demnach ist die eigentlich einzige Diagnose ‚Mensch’ und die eigentlich einzige Behandlung ‚Osteopathie’. Mit den Händen verschafft sich der Behandler dabei am Patienten einen Gesamteindruck der anatomisch-physiologischen Gesamtsituation (nicht mit ‚Diagnose’ der Krankheitsfindung zu verwechseln). ‚Läsionen’, d.h. anatomisch-physiologische Störungen, die eine Entfaltung der Gesundungsprozesse im Körper behindern und die oftmals weit entfernt von den Symptomen liegen, werden ausfindig gemacht. Da die Behandlung streng prozessorientiert ist, folgt die Behandlung den aus den Geweben kommenden Impulsen und somit keinem starren Konzept oder Goldstandard.

Ideales Indikationsgebiet

Alle funktionell-chronischen Erkrankungen, bei denen keine strukturelle Störung vorliegt (z.B. alle psychovegetativen Beschwerdebilder).

Kontraindikationen

Akut- und Intensivmedizin. Alle Fälle, bei denen die Gesundungsprozesse auch bei optimalen anatomisch-physiologischen Rahmenbedingungen nicht ausreichend greifen, z.B. Notfall- und Intensivmedizin, psychische Krisen, immunsystemrelevante Erkrankungen etc.

Vergütung

Die Vergütung sollte rein auf Zeitbasis erfolgen, um den Behandlern einen Freiraum für die individuelle Behandlung zu geben. Der salutogenetische Ansatz ist schwer oder kaum mit festen Behandlungszeiten oder -serien vereinbar.

Motto

Siehe gesundheitsorientierte Medizin.

 


Berufspolitische Leitlinien

Unabhängig von anderslautenden Aussagen bzw. von den Gegebenheiten des Gesundheitssystems sind folgende berufspolitische Leitlinien aus medizin- und osteopathiehistorischer Sicht eindeutig:

  1. Osteopathie ist Kunsthandwerk (nicht: Handwerk), angewandte Lebensphilosophie (nicht: ‚Verfahren’/‚Methode’) und Wissenschaft (mehr im biologischen als im medizinischen Kontext).

  2. Osteopathie ist patientenzentriert (human based medicine), mit evidence based medicine als wichtigem, aber aufgrund der bedeutenden subjektiven Elemente einer Behandlung nicht zentralem Bestandteil.

  3. Osteopathie ist keine Alternativ- bzw. Komplementärmedizin oder im Bereich der orthopädischen oder rehabilitativen Medizin als ‚Verfahren’ oder ‚Methode’ einzustufen, sondern als eigenständiges Medizinsystem v.a. innerhalb der Allgemeinmedizin zu verorten.

  4. Eine Fokussierung auf rein muskuloskelettale Beschwerdebilder widerspricht daher der osteopathischen Philosophie im allgemeinmedizinischen Kontext.

  5. Osteopathie ist ein rein salutogenetisch orientiertes Medizinsystem. Es werden daher niemals Krankheiten oder Pathologien, sondern immer der ganze Mensch behandelt. Demzufolge lautet die Diagnose eigentlich ausnahmslos: ‚Mensch’.

  6. Osteopathie ist streng prozessorientiert: Konzepte/Goldstandards spielen eine untergeordnete Rolle.

  7. Verfahrensbezogene Abrechnung nach Punkten oder einzelnen Verfahren (‚Osteopathie für die Schulter’) widerspricht der osteopathischen Philosophie. Die Abrechnung kann daher nur streng zeitorientiert erfolgen. Die einzige Anwendung dabei lautet ‚Osteopathie’ (auch nicht: ‚osteopathische Techniken’).

 


Fazit

Die üblichen manuellen Methoden (Manualmedizin/Chirotherapie, manuelle Therapie, Chiropraktik und andere, v.a. rein orthopädisch orientierte manuelle Ansätze) sind aufgrund ihres pathogenetischen Ansatzes aus medizinsystemischer Sicht nicht mit Osteopathie vereinbar!

Abschließende Bemerkung

Die Geschichte der Osteopathie v.a. in den Vereinigten Staaten und England hat sehr eindrücklich gezeigt, welch enormer Schaden der salutogenetisch und ganzheitlich orientierten Osteopathie durch opportunistisch motiviertes Abweichen von diesen Leitlinien entstanden ist. Und der deutschsprachige Raum ist dabei, diesen Fehler zu wiederholen. Mutige Interventionen auf berufspolitischer Ebene und Aufklärung der Öffentlichkeit könnten das eventuell noch verhindern – sofern die Mehrheit der Osteopathen daran natürlich überhaupt ein Interesse hat. Seien Sie sich voll bewusst: So verständlich Opportunismus sein mag, er ist im Zusammenhang mit Osteopathie die Säge an dem Ast, auf dem Sie (noch) sitzen.

 


© Christian Hartmann, 2017

Der Text ersetzt keine therapeutische Konsultation. Der Autor des Artikels ist für keinen Schaden verantwortlich, der aus der Anwendung von Informationen aus diesem Artikel entstehen sollte.  


 

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