Eine kurze Geschichte der Osteopathie


Archiv-Nr.: OT.BB.99.01
Autor: Christian Hartmann
Erstveröffentlichung: dieser Blog
Richtig zitieren? 


 

Dieser Artikel stammt aus dem Jahr 2005 und wird aufgrund neu gewonnener Erkenntnisse in der Osteopathiegeschichte in nächster Zeit nachgebessert.

 


 

Andrew Taylor Still (1828–1917)

Frontier Land

Die Osteopathie wurde vom amerikanischen Landarzt Andrew Taylor Still entdeckt. Als Sohn eines Methodistenpredigers war er nicht nur mit den Grundlagen der Seelsorge, sondern auch mit einfacher Volksmedizin vertraut. Die ersten Jahrzehnte seines Lebens verbrachte er in der völlig wilden Natur des Grenzlandes hin zum unberührten Westen. In dieser Zeit intensivster Naturbeobachtung eignete sich Still trotz rudimentärster Schulausbildung ein einzigartiges funktionelles Anatomiewissen an.

Rückschläge

Nach der Rückkehr aus dem amerikanischen Bürgerkrieg, in dem er eine aktive militärische und politische Rolle auf Seiten der Sklavereigegner ausübte, nahm sein Schicksal 1864 eine entscheidende Wende. Nachdem innerhalb weniger Tage drei seiner Kinder einer tödlichen Meningitisepidemie erlagen und kurz darauf auch ein viertes Kind trotz Konsultation der besten Ärzte und Seelsorger der Umgebung an einer Lungenentzündung verstarb, wandte sich Still enttäuscht von der „heroischen Medizin“ und sämtlichen
religiösen Institutionen ab, um eine bessere Medizin zu finden. Er begann sich mit den geistigen Strömungen seiner Zeit zu beschäftigen: amerikanischer Transzendentalismus, Phrenologie, Mesmerismus, Magnetismus, aber auch Knochensetzen und die Medizinreligion der Shawnee-Indianer. Auch hochkomplexe philosophische Abhandlungen, wie jene von Herbert Spencer, dem Begründer der Evolutionstheorie, und die aktuellen Entwicklungen in der europäischen Medizin wurden von Still aufmerksam verfolgt. In dieser Zeit erwarb er sich zudem Kenntnisse im Bereich von Mechanik und Elektrizitätslehre. Besonders umstritten war Stills offener Umgang mit dem Spiritismus. Seancen, ein indianisches Medium und die spätere Mitgliedschaft in einer Freimaurerloge zeugen von seinem breiten Interesse auch in diesem Bereich. Was nur wenige Kritiker zur Kenntnis nehmen wollten: Bei seiner Suche legte der oft exzentrisch auftretende Still für die damalige Zeit strengste wissenschaftliche Maßstäbe an. Alles, was sich in der Praxis umsetzen ließ und allein seinen Patienten dienlich erschien, wurde in sein osteopathisches System integriert, der Rest wurde abgelehnt – und dies vollkommen unabhängig von gängigen Modeerscheinungen, Expertenmeinungen, Überlieferungen oder Fachliteratur. Still verkörperte damit das Idealbild eines neutralen Empirikers.

Die osteopathische Philosophie

Als Ergebnis seiner langen und intensiven Suche hatte Still eine neue Medizinphilosophie entdeckt, deren „Geburt“ er auf den 22. Juni 1874 datierte: die Osteopathie. In ihrem Mittelpunkt stand die vollkommene Schöpfung als Ausdruck und Werk einer nicht zu benennenden höheren Instanz. Einzelne Strukturen und funktionelle Zusammenhänge zwischen und innerhalb von ihnen unterlagen harmonischen Gesetzmäßigkeiten. Diese Überzeugung übertrug Still auf den Menschen. In seinem Konzept des triune man (die dreifach differenzierte Einheit des Menschen), der Einheit aus Körper, Geist und Seele, erkannte er einen von der Schöpfung her vollkommenen Selbstheilungsmechanismus. Das optimale Funktionieren von „Gottes Apotheke“ hing dabei essentiell von unbehinderter Ver- und Entsorgung des Körpers mit Nervenkraft, Blut und Lymphflüssigkeit ab. Gab es eine Blockierung in diesen Bahnen, musste der Selbstheilungsmechanismus ins Stocken geraten und die betreffenden Organe erkrankten. Das Zentrum der peripheren Versorgung sah Still im Bereich der Wirbelsäule, weshalb er bei den meisten, auch internistischen Erkrankungen gezielt nach deplatzierten Wirbelkörpern suchte. Er ging davon aus, dass diese Fehlstellung umliegende Nerven und Gefäße behindere, und versuchte sie mit weichen Manipulationen wieder in ihre individuelle Stellung zu bringen. Über die Manipulation eines Knochen (gr. osteon) wurde die Ver- und Entsorgung gesichert, der Selbstheilungsmechanismus konnte wieder greifen und das Leiden (gr. pathos) wurde positiv beeinflusst. Die Zuführung von Medikamenten betrachtete Still als Beweis für das mangelnde Vertrauen in die Fähigkeiten der Natur, und er lehnte deren Anwendung ebenso kategorisch ab wie vorschnelle operative Eingriffe. Nach Still war der Osteopath lediglich ein komplex denkender Mechaniker und die vollkommene Schöpfung der Heiler. Folglich ist der Osteopath niemals direkt für die Heilung verantwortlich, sondern Vermittler zwischen dem Patienten und dem freiem Wirken der Schöpfung.

Späte Anerkennung

Perfektioniert in seinen manuellen Fähigkeiten sowie ausgestattet mit enormem wissenschaftlichen Allgemeinwissen, tiefsten spirituellen Lebenserfahrungen und unbeirrter Zielstrebigkeit sollte Still schließlich Mitte der 1870er-Jahre in Kirksville, Missouri, die verdiente Anerkennung erfahren. Aufgrund enormer Behandlungserfolge und der außergewöhnlichen Fähigkeit, sein immenses Universalwissen fast spielend funktionell zu vernetzen, breitete sich sein Ruf als „Wunderdoktor“ in der Umgebung rasch aus. Auf Drängen von Patienten und sogar einiger Mediziner gründete Still daraufhin 1892 im Alter von 64 Jahren in Kirksville die erste osteopathische Ausbildungsstätte der Welt, die American School of Osteopathy (ASO). Der beeindruckende Siegeszug der Osteopathie hatte begonnen.

Die weitere Entwicklung

Eine von der American Medical Association 1910 initiierte staatliche Untersuchung sämtlicher medizinischer Ausbildungsstätten Amerikas sollte nur jenen Kandidaten weitere Zuschüsse sichern, die bei einer Evaluation gewisse Kriterien erfüllten. Dabei wurden die Standards der medizinischen Universitäten – einschließlich von Materia medica und Pharmakologie – als Grundlage verwendet. Der sogenannte Flexner-Report führte dazu, dass sich fast alle osteopathischen Colleges vom ursprünglichen Konzept Stills immer weiter entfernten, um ihr wirtschaftliches Überleben zu sichern. Hierin liegt die Ursache, warum die meisten Osteopathen in den Vereinigten Staaten manuellen Techniken kaum noch Bedeutung beimessen. Weitaus fataler: Das Kernkonzept des triune man mit der Überzeugung eines vollkommenen und einer spirituellen Instanz untergeordneten Selbstheilungsmechanismus wurde aus der Osteopathie verdrängt. So driftete die Osteopathie unvermeidlich immer mehr Richtung allopathischer Medizin.

Stills späte Jahre

Um den Jahrhundertwechsel widmete sich Still wieder seinen Lieblingsbeschäftigungen: Naturbeobachtungen, innere Weiterentwicklung und geselliger geistiger Austausch. Verehrt von seinen Studenten und Patienten, entfremdete sich seine Fakultät mehr und mehr vom „Old
Doctor“. Insbesondere seine beharrliche Ablehnung jeglicher Medikation und seine wiederaufgenommene Forschung im Bereich der Spiritualität stießen auf Unverständnis. Davon unbeirrt forschte Still vorurteilsfrei weiter und versuchte immer tiefer in die Geheimnisse der Osteopathie einzutauchen. 1917, über ein halbes Jahrhundert nach seinem Aufbruch als einfacher Landarzt, starb Still als Entdecker einer der bedeutendsten Medizinphilosophien in der Geschichte der Menschheit – der Osteopathie mit dem triune man als Teil einer vollkommenen Schöpfung im Mittelpunkt.

Buchempfehlungen zu A.T.Still

Andrew Taylor Still 1828–1917 => DIE Biografie. Idealer Einstieg VOR dem Still-Kompendium.
Der Natur bis ans Ende vertrauen => 200 Zitate aus dem Still-Kompendium. Praxisbüchlein.
Das große Still-Kompendium => A.T.Stills vier berühmte Bücher.
Stills Faszienkonzepte => Brillante DO-Arbeit, wie man Stills Texte “entschlüsselt”.
Interface => Stills Gedanken interdisziplinär beleuchtet.

 


 

John Martin Littlejohn (1866–1947)

Ein glänzender Intellekt

John Martin Littlejohn wurde am 15. Februar 1866 in Glasgow als Pfarrerssohn geboren. John Martin war ein kränklicher, aber hochintelligenter und wissbegieriger junger Mann. Trotz bitterster Armut war das Elternhaus von geisteswissenschaftlicher Gelehrsamkeit erfüllt, und so begann Littlejohns sprachwissenschaftliche Ausbildung bereits mit 16 Jahren an der Akademie Colraine in Nordirland. Nach dem Studium der Theologie an der Universität in Glasgow ging er 1886 als Pfarrer nach Nordirland, um schon bald darauf wieder nach Glasgow zurückzukehren. Dort erwarb er mehrere Abschlüsse und Auszeichnungen in Jura, Theologie, Medizin, Philosophie und Soziologie und hielt 1886/87 seine ersten Vorlesungen.

Das raue Klima und seine Konstitution hatten ihn zu einem introvertiert barschen, aber brillanten und vielseitig gebildeten Analytiker geformt. Zu diesem Zeitpunkt begann er an ernsten Blutungen im Hals zu leiden, die ihn zu einem Klimawechsel zwangen. Eine große Universitätskarriere fand damit ihr jähes Ende.

Amerika

1892 siedelte er mit seinen Brüdern James und William nach Amerika über und setzte seine Studien an der Columbia University in New York fort. Aufgrund seiner hervorragenden Leistungen übernahm er schon bald die Leitung des Amity College in College Springs, Iowa. Seine Beschwerden besserten sich allerdings nicht und so kam es 1895 in Kirksville zur schicksalhaften Begegnung mit Dr. Still. Bereits eine Behandlung führte zur deutlichen Linderung. Da Still dringend qualifizierte Lehrer an seiner 1892 gegründeten American School of Osteopathy benötigte, bot er Littlejohn einen Posten als Physiologielehrer an. Tief beeindruckt von Stills Naturkonzept der Osteopathie willigte er ein, begann 1897 seine Arbeit, schrieb sich ein Jahr später als Student ein und wurde noch im selben Jahr Schuldekan.

Innerhalb der Fakultät gab es jedoch schon bald einen tiefen Konflikt: Stills Anhängern galt der anatomische Zugang zur Osteopathie als heilig. Littlejohn und seinen Brüdern schien dies zu einfach;
John Martin Littlejohn sie betrachteten - wie dies übrigens auch Still getan hatte - Anatomie und Physiologie als eine untrennbare Einheit, wobei sie die Physiologie als Kernzugang zur Osteopathie wählten. Letztlich standen sich in dieser Thematik die Anhänger der akademisch gebildeten Fakultätsmitglieder (“broadists”) den nicht-akademischen Mitgliedern (“lesionists”) gegenüber. Es ging also weniger um einen inhaltlichen Gegensatz als vielmehr um die üblichen Eifersüchteleien zwischen “Gelehrten” und “Nicht-Gelehrten”, ein Konflikt, der bis heute leider nicht beigelegt werden konnte. Als J.M. Littlejohn schließlich als Dekan abgewählt wurde und den Littlejohns das Gehalt nicht mehr ausgezahlt wurde, kam es zum endgültigen Bruch mit der ASO. An dieser Stelle soll nochmals ausdrücklich darauf hingewiesen werden, dass es zwischen Littlejohn und Still “philosophisch” keinerlei Rivalitäten oder Widersprüche gab. Die beliebte Geschichte, Littlejohn habe die Osteopathie zerstört und rein biomechanisch gearbeitet, ist historisch nachweislich falsch!

Mit seinen Brüdern, die ihn seit Glasgow begleitet hatten, ging er nach Chicago und gründete dort 1900 das Chicago College of Osteopathy. Der Unterricht wurde in den theoretischen Fächern erweitert und die Physiologie als Kernfach etabliert. Trotz der ablehnenden Haltung der konservativ geprägten American Osteopathic Association florierte die Schule. Sie entwickelte sich zu einer der wichtigsten wissenschaftlichen Quellen der frühen Osteopathie. Man vermutet, dass der inzwischen verheiratete Littlejohn mit seinem feinen Gespür für politische Entwicklungen die verheerenden Folgen des bereits bei A.T. Still erwähnten Flexner-Reports für die Unabhängigkeit der Osteopathie in den USA voraussah und daher möglicherweise einen Neuanfang in England vorzog.

England

1913 zog die inzwischen achtköpfige Familie Littlejohn nach Bagger Hall nahe London und John Martin begann noch während der Kriegsjahre mit ‚Krankenhausarbeit’ und ‚Unterweisungen’. 1917 gründete er die British School of Osteopathy in London und mit dem Journal of Osteopathy legte er endgültig das osteopathische Fundament Europas. Aber auch in England hatte er sich schon bald den Angriffen der British Osteopathic Association und der British Medical Association zu erwehren. Ähnlich den Folgen des Flexner-Reports führte eine Kampagne der BMA 1935 zum ‚Parliamentary Bill’. Der Osteopathie wurde die Anerkennung verweigert. Der Zweite Weltkrieg tat sein uÜbriges und die BSO schrumpfte schon bald auf eine kleine Klinik zusammen. Schließlich verstarb der neben Still wohl wichtigste Vertreter der Osteopathie 1947 in Bagger Hall. Stellte Still Körper und Seele der Osteopathie dar, so war John Martin Littlejohn unbestritten ihr Verstand. Er erweiterte das physiologische Konzept und legte damit einen bedeutenden Grundstein für den späteren Siegeszug der Osteopathie in Amerika. Die europäische Osteopathie ihrerseits wäre in der heutigen Form ohne ihn undenkbar.

Buchempfehlungen zu J.M. Littlejohn

 


 

William Garner Sutherland (1873–1954)

Dig on!

William Garner Sutherland (1873–1954) wurde im ländlichen Portage County, Wisconsin, geboren. Wie Still wurde auch Sutherland vom einfachen Leben des Mittleren Westens mit seinem bäuerlichen Charakter nachhaltig beeinflusst. Ein Erlebnis sollte ihn hierbei besonders prägen: In einem Beet im Garten ließ Sutherlands Vater seine Kinder Kartoffeln anpflanzen und später ernten. Nachdem sie bei
der Ernte scheinbar alle Kartoffeln gefunden hatten, sagte der Vater, sie sollten noch mal graben und erneut suchen – „Dig on!“ – und wieder fanden sie Kartoffeln. Auch ein dritter Versuch war von Erfolg gekrönt. Dieses sorgfältige und hartnäckige Graben nach versteckten Zielen prägte Sutherlands spätere Forschung an den Schädelknochen nachhaltig, da er sich mit jedem auch noch so kleinen anatomischen Detail vertraut machte, um dessen funktionelle Bedeutung zu ergründen. „Dig on!“ – die Suche nach dem Unsichtbaren – sollte zum Leitmotiv seines Lebens werden. Sein erstes Geld verdiente Sutherland sich als Druckerjunge beim Blunt Advocate. Rasch bewährte er sich und stieg bis 1890 zum Vorarbeiter empor. 1893 ging er nach Fayette, Iowa, um die Upper Iowa University zu besuchen. Anschließend kehrte er zur Zeitung zurück und wurde schließlich der Herausgeber des Daily Herald in Austin, Minnesota. In dieser Stellung hörte er 1898 von Dr. Still und der Osteopathie. Noch im selben Jahr schrieb er sich in der American School of Osteopathy ein und schloss seine Ausbildung mit dem Jahrgang von 1900 ab. Sein Studiengeld besserte er sich u.a. mit dem Redigieren der Texte seines Physiologie-Lehrers Dr. Littlejohn auf, der zugleich auch Sutherlands Kommilitone war. Ein interessantes Detail, denn Littlejohn schrieb bereits zu diesem Zeitpunkt über Bewegungen im Schädel.

„Wie die Kiemen….“

Gegen Ende seiner Ausbildung kam dem jungen Sutherland beim Betrachten der Suturen einzelner Schädelknochen eines disartikulierten Schädels der Gedanke :„Wie die Kiemen eines Fisches“. Er antizipierte eine atemähnliche Bewegung in den Suturen und versuchte seine Hypothese in den folgenden Jahrzehnten durch gewagte Eigenexperimente zu widerlegen (!). Da es ihm nicht gelang, übertrug er das Konzept der traditionellen Osteopathie auf die Schädelknochen, entwickelte dazu ausgefeilte und extrem feine Techniken und begründete damit das Konzept der Kranialen Osteopathie. Dabei soll nicht unerwähnt bleiben, dass Charlotte Weaver DO, ebenfalls Absolventin der ASO (1912), bereits vor Sutherlands späterem Erstlingswerk The Cranial Bowl (1939) einige bedeutende Artikel über die Schädelmotilität veröffentlicht hatte, und es ist auch von dieser Seite ein gewisser Einfluss denkbar.

Kraniale Osteopathie

Nach über zwei Jahrzehnten der Forschung im kranialen Bereich wandte sich der sonst stille Sutherland Anfang der 1930er-Jahre unter einem Pseudonym an seine Berufskollegen. Im Minnesota Osteopathic Journal unterbreitete er erstmals die Grundideen seines Konzeptes, welches zu jener Zeit den „Primären Respiratorischen Mechanismus“ (PRM) noch nicht beinhaltete. Die Reaktionen auf seine Kolumne waren äußerst unterschiedlich, von vehementer Ablehnung bis zur ehrlichen Ermunterung zu weiteren Forschungen in diesem Gebiet. Aufgrund des steigenden Interesses einer kleiner Gruppe Osteopathen veröffentlichte Sutherland 1939 das bereits erwähnte Büchlein The Cranial Bowl, in dem er das Resultat von 40 Jahren Forschung auf wenigen Seiten darlegte. Trotz des mäßigen Echos fuhr er fort, die Kraniale Osteopathie immer weiter zu vertiefen. Und Mitte der 1940er-Jahre überraschte er seine Kollegen erneut mit einer bahnbrechenden Neuerung: Sutherland begann in seinen Seminaren zunächst noch zurückhaltend, später immer offener die Begriffe „flüssiges Licht“, „Potency“ und „Primärer Respiratorischer Mechanismus“ (PRM) in Verbindung mit dem bekannten Bibelausdruck „Atem des Lebens“ zu erläutern. In diesem Zusammenhang dürfte er vom amerikanischen Philosophen und Künstler Walter Russell ebenso nachhaltig beeinflusst worden sein wie ehemals Still vom englischen Philosophen Herbert Spencer. Inzwischen ist auch bekannt, dass Emanuel Swedenborg und seine Abhandlungen zum Gehirn höchstwahrscheinlich DER maßgebliche Einflussfaktor für Sutherlands Ideen der Kraniosakralen Osteopathie waren. In Sutherlands offener Benennung und Betonung der Spiritualität zeigte er sich ganz in der Tradition seines verehrten Lehrers, denn auch Still hatte metaphysische Aspekte zeitlebens als natürlichen Bestandteil der dreifach differenzierten Einheit des Menschen gesehen. Sutherland betonte vor diesem Hintergrund zudem oft und nachdrücklich, dass seine inzwischen als Kraniosakrale Osteopathie bezeichnete Methode als integraler Bestandteil der traditionellen Osteopathie zu verstehen sei und unter keinen Umständen eine eigenständige Behandlungsform darstelle.
1954 starb Sutherland als einer der meistgeehrten Mitglieder seines Berufsstandes und obwohl der PRM bis heute nicht nachgewiesen werden konnte, gilt die Kraniosakrale Osteopathie als einer der großen Pfeiler der Osteopathie.

Buchempfehlungen zu W.G.Sutherland

 


 

Osteopathie in Europa

Da es unmöglich ist, die gesamte europäische Geschichte der Osteopathie auszuführen, beschränken wir uns auf die Darstellung der beiden bedeutendsten Nationen in diesem Bereich: England und Frankreich. Alle wichtigen Impulse für die übrigen Länder lassen sich mittelbar oder unmittelbar auf Initiativen aus Amerika oder diesen beiden Ländern zurückführen.

England

1898 betrat mit John Martin Littlejohn der erste Osteopath europäischen Boden. Ihm folgte fast zeitgleich Dr. William Smith, erster Anatomielehrer der ASO und ebenfalls hochrangiges Mitglied ihrer Fakultät. Nachdem Littlejohn 1913 mit seiner Familie endgültig von Amerika nach England übersiedelt war, eröffnete er 1917 in London mit der British School of Osteopathy die erste Ausbildungsstätte für Osteopathie in Europa. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten sich bereits einige Osteopathen aus Amerika insbesondere in Schottland und England niedergelassen. Dennoch war es Littlejohns Verdienst, dass es Europäern erstmalig möglich war, die Kunst der Osteopathie auf ihrem eigenen Kontinent zu erlernen. Mit dem Journal of Osteopathy gründete er zudem das erste offizielle Wissenschaftsforum der europäischen Osteopathie. Er bemühte sich zudem intensiv um die berufliche Anerkennung der Osteopathie in England. Wie in Amerika standen auch in England die ärztlichen Vereinigungen diesem Bemühen im Wege und anders als in ihrem Ursprungsland kam es – trotz des gesetzlichen Schutzes der Osteopathie im Jahre 2000 – bis heute nicht zur gleichwertigen Anerkennung.

Frankreich

1. Der ärztlichen Weg

Dr. Robert Lavezzari (1886–1977) wurde von einer Schülerin Stills, Florence Gair, unterrichtet und ging 1936 nach Paris, wo er sich 1949 offen zur Osteopathie bekannte. Bis dahin ließen sich Ärzte in Amerika zum Osteopathen ausbilden oder gingen ins London College of Osteopathy.

2. Die englische Route

Der Physiotherapeut Paul Gény gründete 1950 zusammen mit dem englischen Osteopathen Thomas G. Drummer die l’École francaise d’Osteopathie. Ziel war es, auch Nicht-Ärzten die Möglichkeit zu geben, die osteopathischen Techniken zu erlernen. Ausgehend von dieser Schule wurde das Konzept unter dem Namen Etiopathy auch in die Schweiz gebracht. Gény war es auch, der jene Studenten betreute, die am British College of Naturopathy and Osteopathy und der osteopathischen Klinik in Maidstone (später: European School of Osteopathy) ihre Ausbildung absolvieren wollten. Inzwischen haben die meisten französischen Osteopathen diesen Weg gewählt und sich unter der Association Francaise des Ostéopathes organisiert.

3. Die französische Route

Sutherlands Schüler Harold Magoun Sr. lehrte dem Wunsch seines verstorbenen Lehrers entsprechend 1964 zusammen mit Viola Fryman und Thomas Schooley in Paris neun Ärzte bzw. Physiotherapeuten die Kunst der Kranialen Osteopathie. Rene Quéguiner, in dessen Praxis der Unterricht stattfand, organisierte kurz darauf zusammen mit Francis Peyralade eine Organisation zur weiteren Verbreitung der Kranialen Osteopathie in Frankreich. Parallel dazu unterrichtete
Denis Brooks den Gründer der Association de Therapy Manuelle, Bob Bénichou.

Fazit



Anders als in den USA war es hochqualifizierten Osteopathen wie Littlejohn in England oder Gény in Frankreich untersagt, Chirurgie und Geburtshilfe auszuüben bzw. Medikamente zu verschreiben. Dies führte zwangsweise zu einer inhaltlichen Spaltung der Osteopathie: Während sich die nicht-ärztlichen Osteopathen Europas auf manuelle Techniken konzentrierten und diese immer weiter perfektionierten, trieb die Osteopathie in Amerika die breitflächige wissenschaftliche Forschung und insbesondere die Verfeinerung chirurgischer Methoden immer weiter voran. Finden sich die Wurzeln der viszeralen Techniken in Europa (Barral und Weisschenk), so gehen minimalinvasive und gewebeschonende chirurgische Techniken sowie bedeutende neurophysiologische Forschungsergebnisse auf amerikanische Initiativen zurück (Korr, Denslow). Stills traditionell ganzheitliche Osteopathie mit dem Kernkonzept des triune man stellt hingegen eine Symbiose dieser beiden Anteile dar.
Noch komplizierter wurden die Verhältnisse, als europäische Ärzte die Osteopathie mit manualtherapeutischen und chiropraktischen Elementen frei vermischten und in ihrer Komplexität beschnitten, um sie alltagstauglicher zu machen. Der Osteopath als Vermittler wurde durch einen eindimensional lokal arbeitenden Manipulierer ersetzt, um die alte Hierarchie mit dem Behandler als „Macher“ wieder herzustellen. All dies hat dazu geführt, dass die Osteopathie aufgrund des historischen Streits zwischen Ärzten und Nicht-Ärzten zum Spielball der Interessen geworden ist. Eine Versöhnung mag zum gegenwärtigen Zeitpunkt utopisch erscheinen, dennoch ist sie der einzige Weg und die wichtigste Herausforderung für alle Beteiligten, um das gesamte Potential der Osteopathie wieder zu erschließen - zum Wohle der Patienten.

Buchempfehlungen

 


Bilder mit freundlicher Genehmigung des Museum of Osteopathic Medicine, Kirksville.
© Christian Hartmann, 2017 


Die mit einem * markierten Felder sind Pflichtfelder.