EDITORIAL: Über die Urgründe (arché) der Osteopathie
Liebe Freundinnen und Freunde der Osteopathie,
der Tod zwei seiner Kinder und seines Adoptivkindes im Jahr 1864 hatten A.T. Still davon überzeugt: Die von ihm gerufenen Experten meinten zwar ursächlich zu denken und zu handeln, tatsächlich gingen sie aber rein spekulativ vor:
“Ich hatte in jener Zeit großes Vertrauen in die Ehrbarkeit meines Predigers und jener Ärzte und ich habe dieses Vertrauen nicht verloren. Gott weiß, sie taten, was sie für das Beste hielten. Sie vernachlässigten ihre Patienten nie, sie dosierten, fügten hinzu und verordneten die Dosierungen und hofften genau das zu finden, was den Feind vertreiben würde, aber es half alles nichts. […] Ich stand erstarrt vor meinen drei Familienmitgliedern.[…] Ich stellte mir selbst die ernste Frage: ‚Hat Gott den Menschen bei Krankheit in einer Welt des Ratens verlassen? Soll man raten, was der Fall ist? Was man geben soll, wie das Ergebnis sein wird? Und wenn sie gestorben sind, bleibt nur zu raten übrig, wo sie bleiben?‘[…] Ich entschied damals, dass Gott kein Gott des Ratens, sondern ein Gott der Wahrheit sei.” (StK, S. I–39).
Das von Still aufmerksam beobachtete und intensiv erlebte Ereignis ist somit der eigentliche weltlich bedingte Urgrund (arche) und damit zugleich Ursache aller daraus folgenden die Osteopathie betreffenden Ereignisse und Prozesse. Neben Verlust und Trauer war wohl die allererste daraus entspringende und für die zukünftige Osteopathie wesentliche Folge die Einsicht, dass der Mensch die Lebensprozesse falsch, unvollständig oder gar nicht verstand. Dabei – und das ist wichtig für seine spätere Philosophie der Osteopathie – bezieht er sich hier selbst explizit mit ein, denn er konnte seinen Kindern ja auch nicht helfen. Was blieb? Spekulatives Herumraten. Aus historischer Sicht wird damit die grundlegende Bereitschaft eigenes Nichtwissen öffentlich zu bekennen zum Wesenskern der Osteopathie.
Diese Erkenntnis wurde ihrerseits Ursache für den nächsten logischen Schritt auf seinem Weg die damalige Medizin weiter zu entwickeln. Da sie ihm falsch erschien, musste er radikal von vorne beginnen. Und dies bedeutete zurückzugehen und prinzipielle Fragen stellen:
“Die Fragen, die ich mir selber stellte, waren solche: ”Habe ich einen Verstand, der in der Lage ist durch Philosophie die große Frage ‚Was ist der Mensch?‘ zu verstehen oder zu lösen“ – Diese Frage ‚Was ist der Mensch?‘ deckt alle im Universum enthaltenen Fragen, keine bleibt übrig: ‚Wer ist Gott?, ‚Was ist Tod?‘, ‚Was ist gesund?‘, ‚Was ist Liebe?‘, ‚Was ist Hass?‘” (StK, S. I–212).
Stills Osteopathie definierte sich also genau genommen nicht in therapeutischem Wissen, Können oder Erfahrung, sondern in der Bereitschaft grundlegende Fragen zu stellen. Und hier allen voran die für Still entscheidendste: Was ist der Mensch? Nicht 'Anschauungen' interessierten ihn dabei, sondern die Wahrheit. Damit wird die intellektuell aufrichtige Suche nach Antworten auf die Frage nach dem Wesen des Menschen zur zentralen Maxime der Osteopathie (nicht die Frage nach dem Behandeln des Menschen!). Mit ihr im Gepäck begann er ganz im Geist der amerikanischen Grenzländer seiner Zeit seine pragmatische Suche:
“Ich begann das zu untersuchen, was ich zuerst nehmen sollte, um die Wahrheiten der Natur zu begreifen und sie als wissenschaftliche Fakten niederzulegen. Wo soll ich beginnen? Das ist die Frage. Was nehme ich? Welcher ist der beste Weg? Ich erkannte, dass eine meiner Hände bereits genug für ein ganzes Leben war. Nimm die Hand eines Menschen, sein Herz, seine Lungen oder die ganze Kombination, und es geht ins Unerkennbare.” (StK, S. I–113)
Da für Still alle Erscheinungen der Welt eine vollkommene schöpferische Intelligenz repräsentierten, lag es für ihn buchstäblich ‚auf der Hand‘, wo er beginnen sollte, um das Wesen des Menschen zu ergründen: bei der Anatomie. Aufgrund der zugrunde liegenden Maxime betrachtete Still die Anatomie aber nicht mit primär therapeutischer, sondern philosophischer Haltung. Anatomie war für ihn der offensichtlichste Schlüssel, um komplexere Ebenen der Lebensprozesse, die Gesetze der Natur und allgemeine Prinzipien der Wirklichkeit zu erkennen. Alles stets mit der einen überragenden Frage im Hinterkopf: 'Was ist der Mensch?' Dass dabei auch therapeutisch nützliche Erkenntnisse und Handlungen abgeleitet werden konnten, war ein willkommener Nebeneffekt, aber nicht primärer Zweck seiner Suche.
In diesem Zusammenhang sollte man keineswegs vorschnell Stills wichtigen Hinweis auf das Unerkennbare übersehen, denn er zeigt nicht nur, dass er sich mit seiner seine Suche nach dem Wesen des Menschen ganz auf Transzendentes ausrichtet, sondern dass er sich auch der Unendlichkeit seiner Aufgabe bewusst gewesen zu sein schien. Nicht minder wichtig erscheint in diesem Zusammenhang seine feste Überzeugung sich dem Unerkennbaren, d.h. dem Transzendenten nur vernunftorientiert ('wissenschaftliche Fakten') ernsthaft nähern zu können. In erlebten Erfahrungen wie etwa die Ansicht eines Femurs, dem Erspüren des Körpers oder dem überwältigenden Bestaunen eines Sonnenaufgangs lagen für ihn keine Antworten, sondern immer neue Schritte, immer neue Erkenntnisse, immer neue Wegweiser die alle in Richtung eines einzigen nie zu erreichenden Fluchtpunktes deuteten: Was ist der Mensch?
Somit hat die Osteopathie aus historischer Sicht zwei Urgründe (arche). Einen weltlich bedingten in Form des von Still erlebten Ereignisses 1864. Und einen geistig bedingten bestehend aus der Maxime des vernünftigen weil intellektuell aufrichtigen Strebens danach, Antworten auf die Frage nach dem Wesen des Menschen zu finden.
Daraus ergibt sich auf die Gegenwart reflektiert: Nur wenn das Denken, Handeln und Sein vom geistigen Urgrund der intellektuell aufrichtigen Suche nach dem Wesen des Menschen von Beginn an und durchgängig geprägt ist, handelt es sich um Osteopathie. Ein anderes Verständnis der Osteopathie ist natürlich aufgrund persönlicher Weltanschauungen oder anderer Realzwänge jederzeit nachvollziehbar, historisch begründet ist es jedoch nicht. Da wirken gut gemeinte Einführungsstunden, Einleitungen oder Vorwörter zum Thema Geschichte und Philosophie der Osteopathie nicht wirklich authentisch. Der geistige Urgrund der Osteopathie ist nun einmal ein 'All-in' und kein ein 'Add-on'.
Sie sehen: kritische Geschichtsforschung kann sehr erhellend und inspirierend sein und zugleich hart und unerbittlich. Wie das richtige Leben halt…
Das war's auch schon wieder. Bis zum nächsten Mal und wie immer...
Viel Freude und Erfolg mit Ihrer Osteopathie!
Ihr
Christian Hartmann